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Am vergangenen Freitag stürmte rechtsextremer Terrorist in eine Moschee in der neuseeländischen Hauptstadt Christchurch und schoss wahllos auf die anwesenden Betenden. Er tötete 50 Menschen. Ein grausamer, sinnloser Akt. 

Um solche Taten als Gesellschaft gemeinsam zu überstehen, braucht es starke Politikerinnen und Politiker, die vereinen anstatt zu spalten. Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern gezeigt, wie das geht. Ihre Reaktion auf den Terror von Christchurch ist ein Lehrstück für Politiker auf der ganzen Welt – in einer Woche und fünf Akten. 

Hier sind 4 Dinge, die Angela Merkel, Donald Trump und Co. von Jacinda Ardern lernen können.

1 Tag 1: Die richtigen Worte

Anstatt Menschen über ihre Religion oder ihre Herkunft zu definieren, wählte Ardern nach dem Anschlag folgende Worte:

Viele der Betroffenen sind Einwanderer, sie sind vielleicht Flüchtlinge, sie wollten Neuseeland zu ihrer Heimat machen und es ist ihre Heimat. Sie sind wir.

Kein "wir und sie", einfach nur ein "wir". Das Äquivalent wäre statt Wulffs und Merkels "der Islam gehört zu Deutschland" wohl gewesen: "Der Islam ist Deutschland."

2 Tag 2: Kleine Gesten

Einen Tag nach dem Anschlag besuchte Ardern ein Flüchtlingszentrum in Christchurch und sprach mit Betroffenen. Dabei trug sie einen schwarzen Schal über den Haaren – ein Zeichen von Respekt und Solidarität mit den neuseeländischen Muslimen. 

Diese kleine Geste inspirierte das Land zu einer großen: Am heutigen Freitag trugen Frauen im ganzen Land Kopftuch, um Zusammenhalt zu demonstrieren. Eine der Beteiligten sagte in einem Interview: "Wenn irgendjemand mit einer Waffe auftaucht, will ich zwischen ihm und der Person stehen, auf die er sie richtet. Und ich will, dass er keinen Unterschied erkennen kann, denn es gibt keinen Unterschied." (SPIEGEL ONLINE)

3 Tag 2: Verbünden, nicht spalten

Ardern kündigte direkt nach dem Anschlag an, das Waffengesetz zu ändern – und das, obwohl ihre Labour-Partei eine Regierungskoalition mit der nationalistischen Partei New Zealand First bildet. Vize-Premier Winston Peters war in der Vergangenheit immer konsequent gegen schärfere Waffengesetze, doch Ardern nutzte den politischen Moment nach Christchurch für einen radikalen Schritt – sie einigte sich mit ihrem politischen Gegenüber. 

Besonders klug: Sie ließ Peters das Ganze auch noch verkünden. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz gab sie die Frage zum Waffengesetz an ihn weiter. Peters, konfrontiert mit einem Land in Entsetzen über den Anschlag, sagte daraufhin: "Am Freitag, den 15. März um ein Uhr nachmittags hat sich unsere Welt verändert, und unsere Gesetze werden es auch." (tagesschau)

Anstatt sich also innerhalb der Koalition zu bekriegen, hat Ardern die andere Seite mit in ihr Boot geholt. Wie es aussieht, wenn man dies nicht schafft, kennen wir von Angela Merkel und Horst Seehofer (bento).

4 Tag 5: Um wen es wirklich geht

Wenn Terroristen Menschen töten, ist der Impuls oft stark, nach Motiven zu suchen, um die Tat besser zu verstehen. Wer ist diese Person – und warum wollte sie uns schaden? Entsprechend waren die Medien nach dem Terror von Paris tagelang mit den Tätern beschäftigt. Nach dem Anschlag in Berlin war die erste Frage: Wer fuhr den Lkw? Auch nach Christchurch beschäftigt die Psyche des Täters die Menschen. (bento)

Obwohl die Erkenntnisse über die Motive von Tätern sehr hilfreich sein können, um künftige Taten zu verhindern, verschieben sie gleichzeitig den Fokus – weg von den Personen, die eigentlich wichtig sind: den Opfern und ihren Angehörigen. Sie sind diejenigen, die getötet, verletzt, traumatisiert wurden. Ihnen zuzuhören und sich mit ihnen zu identifizieren wäre für eine Gesellschaft viel wichtiger, als den Täter zu geben was sie wollten: Aufmerksamkeit.

Jacinda Ardern traf daher nach dem Anschlag die Entscheidung, den Namen des Täters nicht zu nennen. Am Dienstag sagte sie im Parlament:

Mit seinem Terrorakt wollte er viele Dinge erreichen, eines davon war der Bekanntheitsgrad. Deshalb werden Sie niemals hören, dass ich seinen Namen nenne.
Jacinda Ardern

Er sei "ein Terrorist, ein Krimineller, ein Extremist", sagte Ardern, "aber er wird, wenn ich spreche, namenlos sein". (SPIEGEL ONLINE)

5 Tag 7: Schnelles, bestimmtes Handeln

Gerade einmal sechs Tage nach dem rassistisch motivierten Angriff, tritt das neue Waffengesetz in Kraft:  Halbautomatische Waffen und Sturmgewehre dürfen ab jetzt in Neuseeland nicht mehr verkauft werden. Gleichzeitig will die Regierung diese Waffen von ihren aktuellen Besitzern abkaufen. Umgerechnet 120 Millionen Euro will der Staat dafür ausgeben. (DW)

Die Änderungen hatten Ardern und Peters am zweiten Tag nach dem Anschlag verkündet, doch die Umsetzung war erst später erwartet worden. "Kurz gesagt: Es wird jede Art von halbautomatischen Waffen, die bei dem Terroranschlag am vergangenen Freitag benutzt wurde, in diesem Land verboten", sagte Ardern bei der Verkündung. (taz)

Das Verhalten der neuseeländischen Premierministerin zeigt: Mitgefühl und Kooperation lassen Politikerinnen und Politiker nicht schwach erscheinen. Im Gegenteil: Jacinda Ardern gewinnt im eigenen Land und in der Welt an Anerkennung und Respekt. Ihre Haltung ermöglicht ihr, schnell und entschieden zu Handlen – und dabei alle Beteiligten mit zu nehmen. Und das ist es, was gute Führung auszeichnet. 


Gerechtigkeit

"Ich fühle mich nicht mehr sicher": People of Color berichten von der Angst vor Rechtsterror
Drei nicht-weiße Menschen erklären, was die Angst vor rechtem Terror für ihr Leben heißt

Ob wir in der Großstadt in die U-Bahn steigen oder überlegen, ob das Festival das Risiko Wert ist: Angst vor Terroranschlägen ist für uns fast alltäglich geworden.

Die Gefahr, Opfer von Terrorismus zu werden, ist statistisch sehr niedrig. (SPON) Trotzdem hatte 2018 mehr als jeder Zweite Angst vor Anschlägen, so die Studie eines Versicherers. (R+V)

Vor allem für nicht-weiße Menschen betrifft das auch die Angst vor Rechtsterror, nicht erst seit dem Anschlag auf zwei Moscheen in Christchurch.

Seit Monaten wird über Drohmails berichtet, die an Politikerinnen, Journalisten und Anwältinnen gerichtet waren. Unterschrieben von einem "NSU 2.0". Bisher konnten die Absender nicht ermittelt werden (SPIEGEL ONLINE). Gleichzeitig gibt es Meldungen über rechtsextreme Netzwerke bei der Bundeswehr (taz). Und obwohl Beate Zschäpe verurteilt wurde, konnte der NSU-Prozess viele Fragen nicht beantworten.

Was macht das mit People of Color, die in Deutschland leben? Wir haben mit drei Menschen gesprochen.

Jasmin, 23