Bild: Lefteris Piarakis/AP/dpa

Die Türkei steht vor einer möglichen politischen Wende – und das wegen einer Bürgermeisterwahl. In Instanbul waren die Wählerinnen und Wähler am Sonntag aufgerufen, einen neuen Stadtchef zu bestimmen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte gehofft, der Kandidat aus seinem Lager würde den Posten ergattern. Doch gewonnen hat mit großem Abstand Ekrem Imamoglu – der Erdogan-Kritiker. (SPIEGEL)

Das ist in Istanbul eine kleine Sensation – und für die Türkei unter Recep Tayyip Erdogan von größter Bedeutung.

In Istanbul leben rund 16 Millionen Menschen, ein Fünftel aller Türkinnen und Türken. Was in der Metropole passiert, beeinflusst das ganze Land. Eigentlich fand die Wahl schon im März statt, doch Erdogan ließ das Ergebnis annulieren und nun – mitten in der Ferienzeit – noch mal wählen.

Damals hatte Imamoglu etwa 14.000 Stimmen Vorspruch auf Erdogans AKP-Kandidaten. Nun sind es nach vorläufigen Ergebnissen mehr als 730.000 Stimmen. Und auf den Straßen Istanbuls wurde die ganze Nacht gefeiert:

Doch was bleibt nach der Party? Ist das System Erdogan wirklich vorbei? 

Wir haben junge Menschen in Istanbul gefragt:

Eren Can Arslan, 27, Personal Trainer

(Bild: privat)

"Ich war in der Wahlnacht im linken Istanbuler Viertel Beşiktaş unterwegs – und dort sind während der Verkündung des Wahlergebnisses alle ausgerastet. Die Leute haben wie verrückt gefeiert und sich alle betrunken. 

Ich kann die Freude verstehen. Viele hoffen auf einen Wandel. Gerade die ganz jungen Istanbuler Anfang 20 sind mit dem System Erdogan groß geworden. Politische Straßenfeiern, ohne das die Polizei mit Tränengas dazwischen geht, kennen sie gar nicht. Weil gestern alles ruhig blieb, wirkten alle umso gelassener.

Ich kann die Freude über Erdogans Niederlage aber nicht so ganz teilen – denn ich weiß, wozu dieser Typ fähig ist.

Jeder, der in den vergangenen Jahren die türkische Politik verfolgt hat, weiß, wie viel böse Macht hinter Erdogan steckt. Menschen sind im Knast, sind zu Tode gekommen. Das hört nicht einfach wegen einer Wahlniederlage auf. Immerhin ist Erdogan noch mindestens weitere vier Jahre im Amt.

Was vielen auch nicht klar ist: Istanbul ist nicht die Türkei. Nur, weil hier die Jungen jubeln, heißt das nicht, dass die Landbevölkerung mitzieht. Das Einzige, was die Wahl wirklich gezeigt hat: Eine Veränderung ist möglich – ob über das urbane Istanbul hinaus, wird sich zeigen. 

Ich glaube, es sind eher wirtschaftliche Fragen, die die Wahl entschieden haben – nicht Systemfragen. Am Ende schaust du, wie viel Geld in deiner Tasche ist und wählst den, der verspricht, sie zu füllen." 

Ipek Pınar, 25, Betriebswirtin

(Bild: privat)

"Am Wahlabend war ich in Beşiktaş. Direkt nachdem die Abstimmungsergebnisse veröffentlich wurden, hörte ich draußen Partygeräusche und Gejohle und ging direkt raus. Beşiktaş war überfüllt und es war einfach eine sehr schöne Atmosphäre! Die Leute tanzten und sangen zusammen. 

Meine Generation interessierte sich lange nicht für Politik. Das ändert sich. Viele junge Menschen finden es schwierig, Parteien zu finden, die ihre Gedanken widerspiegeln. Wir legen Wert auf Toleranz und wollen nicht, dass Einzelne diskriminiert werden. 

Für unsere Generation existiert keine 'die' oder 'wir'. Nur eins zählt: Teamgeist.

Wir wollen eine Einheit sein. Wir wissen, wie wichtig es ist, in Frieden zusammenzuleben. Die Wahl und auch der Tag danach hat in vielen jungen Menschen wieder Hoffnung auf die Zukunft geweckt. Bei mir auch! 

Parteien und Politiker sind nur vorübergehend. Die Wahl hat das wieder gezeigt. Wir wollen, dass die Parteien, die wir unterstützen, nachhaltig arbeiten und Vielfalt schaffen, nicht Feindseligkeit und Einseitigkeit. Wie in einer echten Demokratie!"

Çağatay Öner, 27, Politikstudent

"Der Wahlsonntag war wie ein Festival, wie das Bayram-Fest am Ende von Ramadan – alle waren auf den Straßen, alle waren ausgelassen. Schon vor den Ergebnissen. Beide Seiten waren sicher, dass sie gewinnen. Als dann klar war, dass das Imamoglu-Lager einen Sieg einfährt, wurden die Leute richtig verrückt. 

Viele glauben jetzt, das ist der Anfang von etwas Großem. Es ist zwar nur ein kleiner Schritt, aber er zeigt: Erdogans Macht ist nicht in Stein gemeißelt, ein Wandel ist tatsächlich möglich.

Das war nicht nur eine Istanbul-Wahl – das war eine Wahl für die Zukunft der ganzen Türkei.

Bei vielen früheren Wahlen – und wir hatten sehr viele in den vergangenen Jahren – stand vorher schon das Ergebnis fest, die Leute waren gestresst und frustriert. Warum überhaupt noch wählen? Da die Bürgermeisterwahl aber wiederholt wurde und vorher schon eine Mehrheit für Imamoglu war, spürten viele, dass es dieses Mal anders wird. Istanbul ist gerade sehr viel gelöster.

Was passiert nun? Wir müssen den Moment nutzen, um uns weiter zu engagieren und für Politik zu begeistern. Die Wahl war kein Umsturz, aber viele kleine Schritte hin zu einer neuen Gesellschaft sind nun möglich. 

Was hat es gefreut, dass AKP-Politiker nach der Niederlage trotzdem Imamoglu gratuliert haben. Bisher wurden Oppositionelle oft dikreditiert, im politischen Diskurs in der Türkei herrscht viel Hass. Aber nun waren beide Seiten höflich und anständig. Das tut echt gut. 

Viele Türkinnen und Türken sehen sich nach einer politischen Normalität und einem Ende der ständigen Polarisierung.

Die Parteien müssen sich jetzt weiterentwickeln. Die Opposition muss ihre neue Rolle an der Macht erlernen, die AKP muss verdauen, dass sie auch mal verliert. Und auch wir Jungen müssen uns entwickeln. Viele junge Türken kennen nur den Protest um des Protests Willen – hauptsache für oder gegen Erdogan. Eigene Ideen oder Visionen hat bisher keiner geäußert. Da wünsche ich mir jetzt neue Impulse!"


Future

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