Propaganda für traditionelle Rollenbilder als Kindergeschichte – diese Schweine!

Wer ein Kind hat, weiß, dass man immer was in der Hinterhand haben muss, wenn es hart auf hart kommt. Bei meinem Sohn ist das die Playstation. Keine Lust, Hausaufgaben zu machen? Playseverbot! Frech gewesen? Playseverbot! 

Auf den Einwand hin, das sei Erpressung, "du bist doch Juristin, Mama, das ist verboten", sage ich nur: "Nein, das ist Erziehung: § 1626 BGB! In your face! Und jetzt bring verdammt noch mal den Müll raus!".

Funktioniert.  

Bei meiner Kleinen ist die Verhandlungsmasse rosa. Klischee. Essen aufessen, Spielzeug wegräumen, Zähne putzen: Entweder sie macht es – oder es gibt kein "Peppa Wutz". Das funktioniert auch, dann freue ich mich, danke Peppa, du rettest meinen Tag.

Aber so sollte es nicht sein. Denn Peppa Wutz, bei Kindern so beliebt, ist Propaganda für traditionelle Rollenbilder. Peppa Wutz ist sexistisch und unfeministisch.

Die britische Zeichentrick-Serie wurde 2004 veröffentlicht. Viele Jahre nach "Familie Feuerstein" oder "Wickie und die starken Männer", Serien, in denen die Frauen zu Hause bleiben, wenn draußen was Spannendes passiert. Das ist lange her – viel weiter ist "Peppa Wutz" trotzdem nicht. Warum ist diese Serie der absolute Hit für Menschen unter fünf?

Die Autorin: Yalda ist angehende Juristin, seit ein paar Jahren Mutter, und lebt in Hamburg. Als sie noch ein Kind war, gab es für sie nur eins: Sailormoon!(Bild: privat)

Die vierköpfige Schweinefamilie, bestehend aus der kleinen Peppa, ihrem Bruder Schorsch, Mama Wutz und Papa Wutz, erlebt in jeder Folge Abenteuer. 

Peppa ist frech, wird nicht müde, ihrem Papa auf der Nase herumzutanzen. Peppa erlebt Dramen, fühlt sich mal ausgeschlossen, streitet sich, schafft es aber immer, glücklich zu werden – Kinder identifizieren sich damit.

Und wenn am Ende alle Schweine auf dem Rücken liegen und strampeln, sieht das wirklich lustig aus.

Meine Tochter lernt über die Serie Tiere und Sprachen kennen. Und Werte. Ab hier ist es dann nicht mehr so lustig. 

Papa Wutz ist geht morgens aus dem Haus, Mama Wutz bleibt da. Mama Wutz sitzt meistens nicht hinterm Steuer, Papa fährt das Auto. 

Wenn der sich mal verfährt, und Mama Wutz es offenbar bemerkt, weist sie ihn nicht daraufhin – sondern fragt kleinlaut: 

Haben wir uns etwa verfahren?

Nur, damit Papa Wutz wie ein Macker lügen kann: "Natürlich nicht!" Als männliches Mitglied der Familie ist er, das kommt noch dazu, nämlich der selbsternannte "Experte in allem".  

Was Männer können und Frauen nicht, zeigt sich auch in der Spinnenfolge. Der kleine Bruder Schorch entdeckt im Bad eine Spinne und spielt mit ihr. Dann geht er mit dem Tierchen zu Peppa. Die bricht in Panik aus und läuft aus den Zimmer zu ihrem Vater, der sie beruhigen muss. 

Dass sich am Ende auch Peppa traut, die Spinne anzufassen – geschenkt. Das Problem: Sie tickt aus, der Bruder nicht.

Der Gipfel: Als Mama Wutz die Wäsche falsch wäscht, Farben vermischt, und Papa Wutz' Fußballtrikot die Farbe Rosa annimmt, dreht der Vater durch. So könne er nicht vor seinen Fußballfreunden auftreten. Rosa!

"Ich kann doch kein rosa Fußballtrikot tragen!" – Wäsche waschen mit Peppa:

Meine Tochter liebt Peppa Wutz und ihre Abenteuer, und Peppa Wutz ist mein bestes Druckmittel. Aber ich muss mich fragen, ob es das weiterhin sein sollte. 

Denn dann müsste ich ab sofort anfangen, die Schäden, die Peppa Wutz bei meiner Tochter anrichten könnte, in unserem Alltag wieder auszubessern. 

Beim nächsten Ausflug das Navi nicht nutzen, damit ich mich verfahre, um den Kindern vorzuleben, dass auch eine Frau den rechten Weg finden kann?

Meinen Kampf für eine gleichberechtigte Welt und gegen Sexismus führe ich nicht nur auf dem Fußballplatz gegen Trainer, die schlecht spielenden Jungs sagen, sie spielten wie Mädchen. Nein, ich muss mich auch mit Peppa anlegen.

Wenn meine Tochter auf sie vertraut, dann wird sie bald denken, dass es einzig Männer sind, die Probleme lösen können. Dass Jungs kein Rosa tragen, dass Mädchen sich vor Insekten fürchten. 

Maximale Ungleichheit zwischen Weiblich und Männlich, versteckt in einer Geschichte für Kinder. Diese Schweine!

Rosa ist übrigens nicht nur Mädchenfarbe, sagte ich neulich beim Frühstück. Mein Sohn antwortete: "Weiß ich. Real Madrid trägt auch rosa!" Zwischen Zähneputzen und Marmeladenbrot fand ich sie dann doch wieder, Hoffnung.

Meinen Kindern die Serie zu verbieten: keine Option. Ich werde mit ihnen darüber sprechen, beim Frühstück oder ganz bewusst: Wie denkt ihr darüber, dass Papa Wutz kein rosa Trikot tragen will? 

Sie werden wohl nur selbstständig, wenn ich jetzt nicht mit Verboten um mich werfe – sondern immer wieder diskutiere was sie in der Kita, auf dem Spielplatz – oder eben durchs Fernsehengucken – lernen. 


Korrektur: In einer vorherigen Version des Textes hieß es, Peppa traue sich nicht, die Spinne zu entfernen – der Bruder habe kommen müssen, um ihr zu helfen, das Tier hinauszubringen. Dies ist nicht der Fall; wir haben den Fehler entsprechend korrigiert.


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