Bild: Asgeir Asgeirsson / Reuters
"Seit letzter Woche üben sie das Auftanken von B2-Bombern"

Es ist die Woche der höflichen Proteste: Während Boris Johnson im britischen Morley von einem Herren freundlich, aber bestimmt – inklusive festem Händedruck – gebeten wurde, "bitte seine Stadt zu verlassen", wurde US-Vizepräsident Mike Pence auf kreative Weise in Island empfangen: In einer wahren Regenbogen-Flut.

Pence ist Hardliner und erzkonservativer Christ, der sich von Gott berufen wähnt (Guardian) und in der Vergangenheit immer wieder gegen die Gleichberechtigung queerer Menschen gekämpft hat. Beim Zwischenstopp seiner Europareise in Island machten die Bevölkerung und selbst der Regierungschef des kleinen Landes am Mittwoch auf ziemlich bunte Weise klar, was sie von dieser Einstellung halten: nichts. 

Die Straßen Reykjaviks waren gesäumt von Regenbogenfahnen, die örtliche Unternehmen, Anwohner und sogar der Bürgermeister dort für alle Fotografen des Events gut sichtbar montiert hatten:

Das Bild der Fahnen ging viral, ebenso wie etwas später das Regenbogen-farbene Armband des Präsidenten beim obligatorischen Handshake der Politiker. 

(Bild: Asgeir Asgeirsson / Reuters)

Zahlreiche internationale Medien griffen das Bild auf. Die Aufmerksamkeit lenkte allerdings vom Inhalt des Treffens ab. Denn natürlich war Pence nicht da, um mit dem Land über LGBTQ-Rechte zu diskutieren, sondern um mit konkreten Plänen die Militärpräsenz der USA in der Arktisregion zu verstärken.

13 Verbände von Friedens- und Menschenrechtsaktivistinnen hatten daher vor dem Parlament zu einer "Partý gegn Pence" aufgerufen. Einer, der vor Ort demonstrierte, ist Guttormur Þorsteinsson. Der 31-jährige Historiker arbeitet in der Bibliothek von Reykjavik, außerdem ist er Vorsitzender der isländischen "Kampagne gegen Militarisierung". bento hat mit ihm gesprochen: 

Guttormur auf einer Militärübung im vergangenen Herbst.

(Bild: Auður Lilja)

bento: Warum hat der Besuch von Pence so eine große Bedeutung für euch Friedensaktivisten? 

Guttormur: "Uns bereiten die Pläne der US-Regierung Sorgen, die Arktis weiter zu militarisieren. Der aktuelle Besuch von Mike Pence hängt mit Plänen zusammen, den alten US-Militärflughafen in Keflavík auszubauen. Seit 2006 waren hier keine US-Soldaten mehr stationiert. Das deutet auf ein neues Wettrüsten hin, eine direkte Eskalation der Spannungen zwischen den USA und Russland. Durch den Austritt der USA aus dem INF-Vertrag [über den Gebrauch und Test von Mittelstreckenraketen für Atomsprengköpfe, Anm.] werden diese Spannungen noch verstärkt." 

Die Arktis bildete bisher eine kaum überwindbare, natürliche Barriere zwischen den Nordamerika und Russland. Immer weiter schwindende Eismassen führen allerdings zu neuen militärischen Überlegungen und Gefahren. Das US-Verteidigungsministerium hat im Juni erst seine Pläne für die Arktis vorgestellt. Neben den USA versuchen mehrere Staaten zudem seit Jahren, Anspruch auf Rohstoffvorkommen unter der Arktis zu erheben (DER SPIEGEL). Auch China drängt darauf, Kontrolle über Teile der Arktis zu bekommen.

Was plant die USA denn gerade an diesem alten Flughafen? 

Guttormur: "Es sieht sehr deutlich danach aus, dass hier bald wieder Flugzeuge stationiert werden, weil die Anlagen und Hangars renoviert werden. Wir tippen auf Kampfjets und Flugzeuge zur U-Boot-Aufspürung. Außerdem üben sie seit letzter Woche das Auftanken von B2-Bombern." 

B2-Bomber sind die teuersten Militärflugzeuge der Welt und werden nur von den USA eingesetzt. Die Tarnkappenbomber haben eine Reichweite von bis zu 11.000 Kilometern und sind in der Lage, Nuklearwaffen zu transportieren und abzuwerfen.

Guttormur: "Es gibt konkrete Pläne, hier Unterkünfte für bis zu 1000 Soldaten zu bauen. Angeblich sollen Anwohner eines Viertels, das früher zur Basis gehörte, zudem neue Klauseln in den Mietverträgen bekommen haben: Das diese Verträge beendet werden können, falls das US-Militär die Wohnungen braucht."

Euer Präsident demonstrierte ja selbst diplomatisch mit einem Regenbogen-Armband gegen Pence. Ist eure Regierung auch so keck, wenn es ums Militär geht? 

Guttormur: "Die offizielle Position zumindest unserer Premierministerin ist, dass Island nicht an der Militarisierung der Arktis teilhaben soll. Ich sehe aber nicht, inwiefern die Regierung praktisch auf dieses Ziel hinarbeitet: Das Außenministerium sammelt Gelder, um gemeinsam mit der Nato das Radarsystem des Flughafens zu erneuern. Die Vereinbarung über den Ausbau des Flughafens wurde zwar noch von der Vorgängerregierung unterzeichnet, im Außenministerium scheint man aber trotz der neuen Koalition daran festzuhalten. In meinen Augen gibt dieser Vertrag den USA freie Hand, zu stationieren wie und was sie wollen."

Island selbst hat seit 1949 keine eigene Armee. Man könnte euch als pazifistisches Land bezeichnen. Regt sich da kein Widerstand? 

Guttormur: "Es gibt Gegenwind, von den Oppositionparteien der Sozialdemokraten und Piraten. Auch in den Medien wurde das Thema kurz besprochen, aber nicht all zu tiefgreifend. Zu den Protesten in dieser Woche sind immerhin einige Hundert gekommen, was für isländische Verhältnisse gut ist. Viele kamen aber natürlich auch, um gegen andere Sachen zu protestieren. 

Viele Demonstrierende waren für den Feminismus oder gegen die Unterdrückung von queeren Menschen auf der Straße. Themen, mit denen die US-Regierung immer wieder Aufregung erzeugt – und von anderen Inhalten ablenkt (DER SPIEGEL). 

Die meisten Menschen realisieren gar nicht, dass wir uns mit dieser Kooperation wieder zu Komplizen der USA machen und in eine neue Kalte-Kriegs-Dynamik hineingezogen werden."

Es ist unser Job als Friedensbewegung, das zu ändern.
Guttormur Þorsteinsson

Die Aktionen mit den Regenbogenflaggen fand derweil so viel Medienecho, dass kaum über die konkreten militärischen Pläne berichtet wurde. Das Weiße Haus befeuerte dies noch mit einem streitbaren Statement: Pence könne gar nicht "anti-gay" sein, verkündete Trumps Pressesekretär Judd Deere. Schließlich habe er sich nur wenige Tage zuvor mit dem irischen Regierungschef Leo Varadkar zum Abendessen getroffen, der sei ja immerhin auch schwul. 

Zu den militärischen Plänen in der Arktis liegt aktuell kein neues Statement vor.


Fühlen

Was ich durch meinen Job im Escape Room über Menschen gelernt habe

Was passiert, wenn man eine Gruppe Menschen in einem Raum sperrt – und dann über einen Bildschirm beobachtet, wie sie versucht, sich zu befreien?

Was als wissenschaftliches Experiment vermutlich durch keine Ethik-Kommission kommen würde, habe ich als Studentin zwei Jahre lang in meinem Nebenjob in einem Escape-Room beaufsichtigt. 

Und dabei vielleicht mehr über Menschen – und den Umgang mit ihnen – gelernt als in meinem vierjährigen Soziologie-Studium. Zum Beispiel, dass sie alle immer die gleichen Witze machen. Und die gleichen Fragen stellen. Ganz vorne mit dabei: "Und was ist, wenn wir nicht mehr rauskommen?" 

In den vergangenen zehn Jahren haben Escape Rooms einen Boom erlebt – mehr als 1000 Räume gibt es in Deutschland inzwischen nach Schätzungen eines Fachverbandes (NOZ). Sie alle funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip: Eine Gruppe von Menschen wird in einen Raum eingeschlossen und muss mithilfe von Rätseln und Gegenständen innerhalb einer bestimmten Zeit entkommen. 

Als Spielleiterin begleitete ich die Besuchergruppen durch das gesamte Spiel. Vor Beginn jedes Slots, so nennt sich das einstündige Spiel und das anschließende 15-minütige Aufräumen, gab ich eine umfangreiche Erklärung, wie man sich am besten in den Räumen verhält und was man beachten sollte, um schnellstmöglich die Rätsel zu lösen. Dazu gehörte: Keine Gewalt, kein Umstellen der Möbel, nein, die Steckdosen sind kein Versteck und natürlich sind die Türen nicht wirklich verschlossen – Sicherheit geht vor.