Bild: EPA/Olivier Hoslet
Der Ort des Geschehens: Molenbeek

Wieder Belgien, wieder islamistischer Terror: Vor einer Woche hatten drei Attentäter die belgische Hauptstadt Brüssel angegriffen. 34 Menschen kamen ums Leben, mehr als 300 wurden verletzt. Erst im November hatten Islamisten die französische Hauptstadt Paris attackiert. Damals wie jetzt führen Spuren nach Molenbeek, hier sollen sich die Drahtzieher der Angriffe vorbereitet haben.

Was genau ist Molenbeek?

Molenbeek-Saint-Jean ist eine Gemeinde mit knapp 100.000 Einwohnern, die zur Region Brüssel-Hauptstadt gehört. (molenbeek.be) In dem Städtchen leben viele Zugezogene aus nordafrikanischen Ländern, vor allem aus Marokko. Ein großer Teil der Einwohner sind Muslime.

Knapp 200 Brüsseler Islamisten sollen sich zum Kampf nach Syrien aufgemacht haben, davon geht eine Zählung des belgischen Innenministeriums aus, ein Viertel von ihnen kommt aus Molenbeek. (Vgl. Blog des Islamismusexperten Pieter van Ostaeyen)

(Bild: Mapbox)
Wieso gibt es hier so viele Islamisten?

Über die vergangenen Jahre konnte sich eine Minderheit weitgehend unbemerkt von Sicherheitsbehörden radikalisieren. Das Islamische Zentrum in der Rue du Manchester im Herzen Molenbeeks soll Hasspredigern Raum gegeben ein. Die radikal-islamische Bewegung Sharia4Belgium hat hier ihre Wurzeln. (SPIEGEL ONLINE) Und der Scheich Bassam Ayashi hat laut den Buchrecherchen einer Investigativjournalistin über Jahre hinweg junge Belgier aus Molenbeek im Guerilla-Kampf in den südbelgischen Ardennen trainiert (Washington Post).

"Du lässt dein ganzes Leben die rassistische Scheiße auf dich prasseln, dann kommt ein Moment in dem du es nicht mehr erträgst."
Schriftsteller Dyab Abou Jahjah

Molenbeek gilt als Viertel, dass vielen jungen Einwandererkindern nur wenig Perspektiven und Jobs bietet. Das allein mag noch kein Grund zur Radikalisierung sein – aber einige Jugendliche ließen sich von radikalislamischen Predigern verführen, sagt der Schriftsteller Dyab Abou Jahjah. ("Der Tagesspiegel") Deren Antwort auf die schlechten Chancen auf dem europäischen Arbeitsmarkt: Dann werd' halt Dschihadist in Syrien.

Laut Belgiens Jugendminister Rachid Madrane hat sich Brüssel die Hassprediger selbst ins Land geholt. Belgien erhält rabattiertes Öl aus Saudi-Arabien und erlaubt dafür dem Königreich, Koranschulen und Moscheen zu unterhalten (Deutschlandradio Kultur). In Saudi-Arabien wird eine sehr strenge Auslegung des Islams gelebt. Diese hat zwar mit der Lebenswirklichkeit der meisten Muslime nur wenig zu tun – dafür aber umso mehr mit den brutalen Vorstellungen der Terrormiliz "Islamischer Staat".

"Man hat den Schlüssel zur islamischen Unterweisung der Zuwanderer aus Subsahara- Afrika und aus den Maghrebstaaten ausgerechnet Saudi-Arabien überlassen."
Belgiens Jugendminister Rachid Madrane
Wer sind die jungen Islamisten aus Molenbeek?

In erster Linie Terroristen, die sich aus kriminellen Banden rekrutieren. Die Islamisten, die 2001 das World Trade Center in New York zum Einsturz brachten, nahmen über Monate Flugstunden und planten ihre Tat als großen, kühlen Beweis ihres Glaubens.

Die Islamisten der neuen Generation, die dem IS nach Syrien und in den Irak folgen, sind hingegen im Glauben kaum gefestigt. Ihnen geht es nach Sicht des Islamismusforschers Olivier Roy weniger darum, die Scharia zu kennen, als vielmehr einen Dresscode nach Vorbild des Propheten zu tragen ("Die Welt"). Fast allen jungen Islamisten fehlt es an Halt, sie haben Erfahrungen mit Drogen gemacht, waren in kriminellen Banden organisiert, saßen im Gefängnis. Der Islam soll wieder Ordnung in ihr Leben bringen.

Die Mischung aus radikalem Islamverständnis und mafiöser Vergangenheit macht die Islamisten so gefährlich: Ihnen reicht ein Schnellfeuergewehr in der Hand, um Schrecken zu verbreiten – monatelange Planung und religiöse Festigung wie bei 9/11 ist kaum nötig.

"Sie haben keine Ahnung vom Islam. Sie gehen in den Krieg, weil sie kämpfen wollen. Der Kampf ist ihre Sache. Sie wollen Helden sein."
Islamismusforscher Olivier Roy
Warum tut sich Belgien schwer in der Terrorfahndung?

Molenbeek ist kein Ghetto und schon gar nicht einzigartig – auch in den Banlieues von Paris, auch in Deutschland, Großbritannien und Italien gibt es Viertel mit hohem Ausländeranteil. Dennoch bezeichnen Beobachter Molenbeek als "Europas Dschihad-Zentrum", in Belgien fällt es Islamisten besonders leicht Terrornetzwerke unter dem Radar der Geheimdienste zu spinnen.

Belgien ist zerrissen zwischen einem französischen und einem niederländischen (flämischen) Teil. Entsprechend zerfasert ist die Politik und die Polizei des Landes. Obwohl Brüssel das geografische und politische Zentrum Europas ist, die Verwaltung der Stadt ist Chaos (SPIEGEL ONLINE). Radikalen Islamisten fiel es in der Vergangenheit leicht, unterzutauchen. Dem belgischen Geheimdienst fehlte es an Mitteln und europäischer Unterstützung, seine eigene Islamistenszene auszuleuchten: Große EU-Länder wie Deutschland oder Frankreich mögen gute Geheimdienste haben, die kleinen können kaum mithalten. (War on the Rocks)

"As a whole, the European Union’s counterterrorism efforts are a patchwork of bureaucracies, capabilities, and regulations."
Politikwissenschaftler Clint Watts