Bild: privat

Es ist 4:18 Uhr an einem Donnerstagmorgen und Joachim Gerhard schlägt die Augen auf. Draußen drückt der Februar an die Scheiben, in seinem Schlafzimmer taucht das Display seines Handys das Zimmer in ein kaltes Blau. Eine WhatsApp. Von Jonas, seinem ältesten Sohn, gemeinsam mit Lukas, dem jüngeren.

Es ist die erste Botschaft seit einer Woche – seit Gerhard versucht hat, beide Jungs aus Syrien zurückzuholen. Zurückzuholen aus dem Herrschaftsgebiet des "Islamischen Staates". Jetzt sitzt er hier, allein in seinem Bett und greift mit zitternden Händen nach dem Smartphone.

Die Söhne haben ihm zwei Videos geschickt. Sie sagen: "Wir haben uns entschieden. Für Allah und seinen Gesandten und das Leben nach dem Tod." Von ihrem Vater sagen sie sich los. Er habe sie aus Syrien holen wollen, aber ihnen gefalle ihr neues Leben. Wenn Gerhard gegen sie arbeite, dann arbeite er gegen den Islam, gegen Gott. "Und wenn du ihn nicht bezeugst, herrscht Feindschaft bis zu unserem Tode."

Irgendwann geht die Sonne auf. Gerhard sitzt noch immer da und schaut auf sein Handy.

Er hat die beiden Videos wieder und wieder abgespielt. "Feindschaft." Stopp. Noch mal. "Feindschaft." Stopp. Noch mal. "Feindschaft bis zu unserem Tod." Joachim Gerhard ist jetzt jeder Regung beraubt. Es ist die letzte Nachricht seiner Söhne.

Wie wir mit der IS-Miliz umgehen

Wir verwenden bei bento die Bezeichnung "Islamischer Staat", weil es der gängigste Begriff für die Miliz ist. Mit den Anführungszeichen distanzieren wir uns zugleich vom selbst definierten Anspruch der Miliz, islamisch oder ein funktionierender Staat zu sein. Als Kürzel nutzen wir IS, in englischsprachigen Medien findest du oft auch ISIS oder ISIL.

Joachim Gerhard ist 53 Jahre alt und lebt in Kassel. Vor knapp zwei Jahren sind seine Söhne Jonas, heute 23, und Lukas, 20, nach Syrien aufgebrochen. In Kassel waren beide zum Islam konvertiert, kurz darauf waren sie mit Salafisten in Kontakt gekommen. Über seine Suche nach den Söhnen hat Gerhard ein Buch geschrieben, es erscheint in dieser Woche.

Auch die Februarnacht kommt darin vor. Wenn man Gerhard heute auf diese letzte WhatsApp-Nachricht der Söhne anspricht, erinnert er sich wieder an jedes Detail. Die Minuten der Nacht stecken in ihm. Mit den WhatsApp-Videos haben sich die Söhne von ihm losgesagt, sie schickten sie im Februar 2015. "Wenn man es sieht und merkt, was die, also der 'Islamische Staat', aus meinen Söhnen gemacht haben, das ist hart", sagt Gerhard heute. "Immer wurde ich geliebt und plötzlich war ich der Feind.“

"Meine Söhne sind keine Mörder."

Nur wenige Monate, nachdem sie die Salafisten in Kassel kennengelernt hatten, träumten Jonas und Lukas schon von einem Leben bei der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Gemeinsam mit Freunden brachen sie im Herbst 2014 auf, mit dem Auto des Vaters über Österreich und die Türkei. Zurück blieben zwei Briefe:

"Dass sie nach Syrien gehen, haben meine Frau und ich an einem Sonntag erfahren, als wir ihre Abschiedsbriefe bekommen haben. Die waren sehr liebenswert, geradezu liebevoll geschrieben: Sie bedanken sich, dass wir die besten Eltern waren.

Aber sie schreiben auch, dass sie den Islam angenommen haben und ihren Glauben hier in Deutschland nicht frei leben könnten. Vom IS oder irgendwelcher Propaganda stand da nichts.


Das war im Oktober 2014. Mein ältester Sohn hat sich das erste Mal Mitte Dezember gemeldet, mein Jüngerer erst im Januar, also drei Monate später. Wir haben lange gar nichts gehört. Wir wussten nicht, ob sie leben, wo sie sind, was sie machen."
In Syrien tobt seit mehr als fünf Jahren ein blutiger Bürgerkrieg.

Die Vereinten Nationen schätzen, dass mehr als 400.000 Menschen ums Leben gekommen sind (Al-Jazeera). Doch erst seit Sommer 2014 schauten viele hin. Zu der Zeit waren Dschihadisten aus dem benachbarten Irak einmarschiert und hatten ein sogenanntes Kalifat ausgerufen.

Damit wird im Islam das Herrschaftsgebiet eines Stellvertreters des Propheten Muhammads bezeichnet, so einen gab es seit Jahrhunderten nicht mehr. Abu Bakr al-Bagdagi, der Anführer des IS hält sich für einen Stellvertreter des Propheten.

Gläubigen verspricht Al-Bagdadi ein Paradies auf Erden, mit utopischen Gehältern, guter medizinischer Versorgung und Familienfürsorge. Der westlichen Welt zeigt seine Miliz ein anderes Bild: In mehreren Videos dokumentieren die Islamisten, wie sie westliche Geiseln enthaupten. Die Videos verbreiten sich im Netz.

Der grausame Höhepunkt: Im Januar 2015 filmen sie, wie ein gefangengenommener Pilot bei vollem Bewusstsein in einem Eisenkäfig verbrannt wird. Das Video läuft in den eroberten syrischen Städten in Endlosschleife auf Großbildleinwänden.

Zu diesem Zeitpunkt waren Gerhards Söhne bereits seit einigen Monaten im Syrien. Und der Vater ist überzeugt: Sie bereuen ihre Entscheidung.

"Meine Söhne sind keine Mörder. Sie wurden schlicht eingefangen von diesen Salafisten. Mir geht es darum, zu beweisen, wie weit der IS seine Macht ausdehnen und junge Leute korrumpieren kann. Er schnappt sich in Europa junge Abiturienten und dreht ihnen den Kopf rum. Die lassen alles stehen und liegen, um in ein Kriegsgebiet zu ziehen."
Jonas und Lukas seien ruhige, hilfsbereite Kinder, keine Islamisten. Sie waren getauft, aber nicht wirklich christlich erzogen. Videos, die die beiden nun in Kampfhandlungen zeigt, gebe es bislang nicht. Gerhard glaubt, sie wurden mit dem Versprechen nach Syrien gelockt, dort Kindern in Not zu helfen.
1/12

"Sie waren ja noch Kinder. Denen fehlte die Erfahrung, einzuordnen, wo sie wie helfen können – und wer sie nur umdrehen wollte." Zu ihrem Schutz – und weil er glaubt, dass sie irgendwann zurückkehren können – benutzt er daher Pseudonyme für die Namen seiner Jungs.

Um seine Söhne da rauszuholen, bat Gerhard die Polizei um Hilfe, das Auswärtige Amt, sogar den jordanischen Geheimdienst.

Schließlich reiste er selbst in den Nahen Osten, knüpfte an der syrisch-türkischen Grenze Kontakte zu Schleusern und kurdischen Kämpfern. Dutzende Male war er "unten", die genaue Zahl überblickt Gerhard nicht mehr. Mit jeder Reise wird er mehr und mehr zum Experten – für den Syrienkrieg, für Islamismus, für all das endlose Leid, das es in seiner ganzen Härte nie auf die Titelseiten deutscher Zeitungen schaffen wird.

Kurz vor dem Video, in dem sich seine Söhne lossagen, war Gerhard mehrere Tage mit einem anderen betroffenen Vater direkt an der Grenze. Es sah für wenige Tage so aus, als ob sie ihre Kinder rausholen können: Die Söhne wollten fliehen, schrieben sie ihm via WhatsApp, Schmuggler auf der anderen Seite wollten helfen. Tatsächlich schaffte es nur das andere Kind, Jonas und Lukas bleiben zurück. "Wir kommen, Papa. Es ist schwer, aber wir kommen", hatten sie ihm zuvor noch getextet.

"Sie waren ja noch Kinder."

Eine Woche später schickten sie das Video. Gerhard hält es für erzwungen, aus freien Stücken hätten seine Söhne darin nicht gesprochen. Die Aufzeichnung ist mehrmals zusammengeschnitten, die Worte wirken wie auswendig gelernt. Experten, die sich das Video ansehen, halten es ebenfalls für inszeniert.

Tatsächlich gibt es aus dem Hoheitsgebiet des IS immer wieder Berichte, dass viele die Terrormiliz verlassen wollen. Wen die IS-Führung bei der Flucht erwischt, den tötet und pfählt sie auf zentralen Plätzen. Die Bilder streut sie zur Abschreckung im Netz.

Auch Gerhard erfuhr schon bald vom angeblichen Tod seiner Söhne. Sie seien im Kampf gefallen, schrieb ihm eine unbekannte Person.

Diese WhatsApp aus dem März 2015 ist die vorerst letzte Nachricht. Seitdem: nur Gerüchte, Vermutungen, Behauptungen.

Seit mehreren Monaten muss sich der IS mehr und mehr zurückziehen: Die Kurden erobern Gebiete in Ostsyrien, die Türkei drängt die Dschihadisten im Norden zurück (bento). Viele IS-Kämpfer wurden getötet oder festgenommen, die Söhne waren bislang nicht darunter. Deutsche Behörden, die ihren Tod einst vermeldeten, nahmen es später wieder zurück.

Wenn Gerhard all das schildert, bricht immer wieder seine Stimme. Mehrere Minuten braucht er dann, um sich zu sammeln.

In seiner Erinnerung leben zwei normale deutsche Jungs. In den Medien sieht er Berichte von Extremisten. Sein Verstand sagt ihm, dass diese zwei Wirklichkeiten sind, die zusammengehören können – so widersprüchlich sie auch klingen.

"Meine Söhne sind noch irgendwo da draußen", sagt Gerhard. Es ist seine einzige Hoffnung.


Das Buch "Ich hole euch zurück!" von Joachim Gerhard erscheint im S. Fischer Verlag.

1/12

Lass uns Freunde werden!


Gerechtigkeit

Notstand in North Carolina: Um was es bei den Protesten gegen die Polizei geht

In zweiter Nacht in Folge waren Hunderte Menschen in Charlotte im US-Bundesstaat North Carolina auf den Straßen. Sie demonstrierten weiter gegen Polizeigewalt. Nach zuerst friedlichen Protesten eskalierte die Situation, die Polizei setzte Tränengas ein. Der US-Sender CNN berichtete, ein Demonstrant sei angeschossen worden, er schwebe in Lebensgefahr. Zuerst hieß es von Seiten der Polizei, er sei an der Schussverletzung gestorben. Es habe sich laut Polizei um eine "Konfrontation zwischen Zivilisten gehandelt" (SPIEGEL ONLINE).

Pat McCrory, der Gouverneur des Bundesstaates North Carolina, rief noch in der Nacht für Charlotte den Pat McCrory, der Gouverneur des Bundesstaates North Carolina, rief den Notstand aus und mobilisierte die Nationalgarde. Die Bürgermeisterin von Charlotte, Jennifer Roberts, forderte die Menschen dazu auf, nicht auf die Straße zu gehen und zu Hause zu bleiben ("Süddeutsche Zeitung").