Bild: IS-Propagandaseite
So funktioniert das Terrornetzwerk.

Ein 29-jähriger US-Bürger tötet in Florida 49 Menschen in einem LGBT-Club, ein 25-jähriger Franzose ersticht bei Paris einen Polizisten und tötet auch seine Ehefrau. Beide Attentäter haben sich kurz vor ihren Angriffen zum "Islamischen Staat" (IS) bekannt. Aber sind sie deshalb Mitglieder des IS? Wie genau funktioniert das Terrornetzwerk und wie groß ist es?

Hier kommen Antworten auf die drängendsten Fragen:

In drei Sätzen: Was ist der IS?
  • Die Abkürzung steht für "Islamischer Staat", die Selbstbezeichnung einer Terrormiliz aus dem Irak.
  • Seine Ursprünge hat der IS als Untergruppe des Terrornetzwerkes Al-Qaida während des Irakkrieges 2004.
  • Ab 2014 wurden die Islamisten auch der größeren Öffentlichkeit bekannt, als sie wichtige Städte im Irak und dem benachbarten Syrien eroberten und dort eine feste Herrschaft errichteten.

Wie wir mit der IS-Miliz umgehen

Wir verwenden bei bento die Bezeichnung "Islamischer Staat", weil es der gängigste Begriff für die Miliz ist. Mit den Anführungszeichen distanzieren wir uns zugleich vom selbst definierten Anspruch der Miliz, islamisch oder ein funktionierender Staat zu sein. 

Als Kürzel nutzen wir IS, in englischsprachigen Medien findest du oft auch ISIS oder ISIL. Im Arabischen wird auch das Kürzel "Daish" verwendet.

Wo operiert der IS überall?

Syrien und der Irak gelten als Kerngebiet.

Es gibt dort keine festen Grenzen, eher kontrollierte Städte und Straßen, die der Miliz eine gewisse Bewegungsfreiheit ermöglichen. Als inoffizielle Hauptstadt gilt Rakka im Osten Syriens. In all seinen eroberten Gebieten unterdrücken die Islamisten die Zivilbevölkerung, wer sich auflehnt, wird getötet (bento I).

Neben den beiden Kernländern hat der IS auch in anderen Ländern selbst ausgerufene Provinzen definiert, sogenannte "Wilayat". Solche gibt es unter anderem in Ägypten, dem Jemen, Südostasien und Afghanistan (bento II). Die meisten Wilayat beschreiben kein wirklich erobertes Gebiet, die Kämpfer haben sort keinen großen Einfluss. Am einflussreichsten ist noch der libysche IS-Außenposten (bento III).

In Europa und den USA hat der IS kaum Einfluss, feste Strukturen sind den Geheimdiensten bislang nicht bekannt. Allerdings hat sich in Europa innerhalb der vergangenen zwei Jahre ein breites Netzwerk von IS-Unterstützern etabliert. Zum Kern sollen zwischen 440 ("The Independent") und 600 (Institut for the Study of War) Kämpfer gehören. Diese können mittlerweile weitgehend unabhängig der IS-Führungsspitze in Irak und Syrien agieren.

Wie organisiert sich der IS im Ausland?

Der Kern in Europa besteht vor allem aus Syrien- oder Irak-Heimkehrern. In der Regel handelt es sich dabei um Sympathisanten der Miliz, die einen französische, britischen oder deutschen Pass haben. Sie hielten sich meist nur für kurze Zeit in den Kriegsgebieten auf, zum Teil nur eine Woche ("New York Times"). Für den IS sind sie in erster Linie wertvoll, weil sie sich in Europa als Schläfer aufhalten können.

Ein Schläfer ist ein Extremist, der verdeckt auf einen Auftrag wartet. Geheimdienste können ihn kaum aufspüren, da er sich nicht aktiv in Terrornetzwerken einbringt, zum Beispiel über Chat-Gruppen. Einige IS-Heimkehrer kamen nach Erkenntnissen von Geheimdiensten auch als Flüchtlinge getarnt nach Europa zurück ("Die Welt").

Der IS könnte diese Kämpfer wohl auch einfacher nach Europa bringen. Wahrscheinlich will die Terrormiliz aber auf diese Weise zusätzlich eine Anti-Flüchtlingsstimmung in Europa erzeugen. Der Gedanke dahinter: Je stärker sich Muslime in Europa ausgegrenzt fühlen, desto leichter sind sie zu radikalisieren (SPIEGEL ONLINE).

In Frankreich und Belgien gab es nach Geheimdienstinformationen IS-Zellen, die unter anderem für die Angriffe in Paris und Brüssel zuständig waren (bento IV). Auch in Deutschland wurde Ende Mai eine mutmaßliche Zelle aufgedeckt (bento V).

Großen Einfluss haben die Zellen bislang allerdings nicht. Die meisten Angriffe von IS-Anhängern in westlichen Staaten werden von Einzeltätern ausgeführt, sogenannten "lone wolfs". Mit dem Begriff bezeichnen Sicherheitsexperten Attentäter, die sich durch die Propaganda von Terrorgruppen zu Taten animieren lassen (bento VI) und Anschläge auf eigene Faust planen. Geheimdienste können diese "einsamen Wölfe" kaum überwachen – Familien und Freunde können junge Muslimen am besten vor einer Radikalisierung bewahren.

Was motiviert "lone wolfs"?

Die meisten islamistischen Täter sind Außenseiter und haben zum Beispiel keinen Job oder wenig Freunde. Der IS buhlt mit Propagandavideos um die jungen Muslime und verspricht ihnen Anerkennung.

Es gibt mehrere IS-nahe Mediendienste, die Propaganda verbreiten, sie heißen zum Beispiel Furqan, Amaq und Bayan. Bayan ist ein Radiosender, über den der IS-Sprecher Muhammad al-Adnani regelmäßig Terrorbotschaften verkündet. Kurz vor Beginn des Fastenmonats Ramadan verbreitete der Sender eine Audiobotschaft, die Muslime in aller Welt auffordert, Anschläge im Namen des IS zu verüben (CNN).

Es war diese Audiobotschaft, die den Täter von Paris zu seiner Tat animiert hat (SPIEGEL ONLINE). Das sagte er zumindest in einem Facebook-Live-Video gesagt, das er während der Tat drehte.

Gibt es so etwas wie eine "IS-Mitgliedschaft"?

Alle IS-Anhänger eint, dass sie einen rituellen Treueschwur auf den IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi leisten, genannt "Bai'a". Im Herrschaftsgebiet in Syrien und dem Irak nimmt die Miliz diesen Schwur ernst, es herrscht strenge Disziplin. Immer wieder berichten Aktivisten, dass IS-Kämpfer, die aussteigen wollen oder Kampfhandlungen verweigern, getötet werden. Der IS selbst verbreitet Videos, die zeigen, wie "Abtrünnige" hingerichtet werden.

In den eroberten Regionen fällt es der Miliz allerdings schwer, Sympathisanten zu finden. Die Mehrheit der Muslime lehnt die radikale Interpretation ihrer Religion ab. Der IS findet nach einer Umfrage des PEW Research Center in den meisten islamischen Ländern keine Anhänger (PEW Research).

IS-Anhänger in anderen Ländern sind nicht an die Führung gebunden. Sie agieren eigenmächtig. Oft weiß der IS gar nicht, dass ein Täter ihm seine Treue schwört – und "schmückt" sich erst im Nachhinein mit einem Anschlag, der in seinem Namen verübt wurde.

Welche Konsequenzen hat es, wenn sich ein Einzeltäter zum IS bekennt?

Medien nehmen das sehr ernst. Bekennt sich ein Attentäter zum IS, gehört das aus Sicht vieler Nachrichtenseiten zur Berichterstattung hinzu: Es hilft bei der Einordnung der Tat und bei der Bewertung der Ideologie des Täters. Zugleich erzeugt es aber auch mehr Grusel – denn der IS wird so zu einer Art "Marke".

So wirkt die Terrormiliz mit der scheinbar weltweit verstreuten Anhängerschaft allerdings mächtiger, als sie tatsächlich ist. Für die Miliz ist es also egal, ob sie überhaupt Kontakt zu den Attentätern hatte. Die Wirkung ist dieselbe.

Al-Adnani, der IS-Sprecher, empfahl in einer seiner Audiobotschaften selbst: "Do not ask for anyone's permission." ("New York Times") Der Terrormiliz geht es um maximales Chaos.

Weitere Quellen:

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