Bild: dpa/Markus Scholz

Die gute Nachricht zuerst: Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) verliert an Gebiet, Unterstützern und Geld. Die bessere Nachricht hinterher: Das lässt ihre Medienstrategie nur noch alberner wirken.

Am Mittwoch hat der IS die 14. Ausgabe seines Magazins "Dabiq" veröffentlicht, eine Art Gala für Dschihadisten. Titelthema: Abtrünnige. Und in den Augen des IS ein prominentes Beispiel: Der deutsche Islamist Pierre Vogel. Es pöbeln also Islamisten gegen Islamisten.

Was ist "Dabiq"?

Eines von mehreren Medien des IS. Die Terrormiliz veröffentlicht Videos und Radiostreams, bedient die eigene Nachrichtenagentur Amaq und gestaltet verschiedene PDF-Magazine, die dann im Netz auftauchen. Prominentestes Beispiel ist "Dabiq". Hier kannst du mehr über die Medienstrategie des IS erfahren.

Um was geht es in der Ausgabe?

Der Titel lautet "The Murtadd Brotherhood", zu deutsch "Die abtrünnige Bruderschaft". Gemeint sind die Muslimbrüder, eine islamistische Organisation, die in Ägypten entstand, aber in mehreren islamischen Ländern Einfluss hat. In der Mehrheit engagieren sich die Muslimbrüder als wohltätiger Verein, aus einigen Abspaltungen entstanden jedoch auch Terrorgruppen. Die ägyptischen Muslimbrüder scheiterten 2012 am Versuch, politisch aktiv zu werden: Das Militär stürzte sie, tötete mehr als tausend Anhänger und verbot die Bruderschaft. Der IS nennt die Muslimbrüder ein "Krebsgeschwür", dass den Kampf scheut. Die Schlächter vom IS sprechen also anderen Muslimen das Muslim-Sein ab.

In weiteren Artikeln führt der IS aus, was man vom Mongolensturm lernen kann und warum US-Präsident Barack Obama für den Tod von IS-Geiseln verantwortlich sei. Außerdem listet die Miliz Anschläge wie eine Geschäftsbilanz auf: Attentate in Ägypten, Jemen, dem Irak und Syrien sind darunter, aber auch der Angriff auf Brüssel, bei dem vor drei Wochen 32 Menschen ums Leben kamen.

Es gibt auch ein deutsches Dschihad-Magazin. So sieht es aus:
1/12
Was hat das alles mit Pierre Vogel zu tun?

Der wird an einer Stelle des neuen IS-Magazins als "Abtrünniger" präsentiert:

In der Dabiq-Ausgabe steht, "der Kampf gegen Abtrünnige sei noch wichtiger als gegen Ungläubige". Und abtrünnig ist in den Augen der IS-Schlächter jeder Muslim, der den Islam nicht als Kampfbefehl versteht. Die müsse man folglich töten.

Viele Muslime seien im vergangenen Jahrhundert in Länder emigriert, in denen Nicht-Muslime in der Mehrheit sind. Anstatt dort den Kampf aufzunehmen, hätten sie "den Komfort der weltlichen Welt angenommen und ein friedliches Leben in den Ländereien der ältesten Feinde des Islams angenommen". Und noch schlimmer: eine "neue Brut" an Gelehrten würde Liberalismus und Demokratie predigen.

Wer genau ist eigentlich Pierre Vogel?

Pierre Vogel war einst Boxer, konvertierte zum Islam und gehört jetzt zu den einflussreichsten islamistischen Predigern in Deutschland. Im Netz erreicht er mit seinen YouTube-Vorträgen über den Islam im rheinischen Sing-Sang Tausende, vielen konservativen Muslimen in Deutschland gilt er als Vorbild.

Andere Muslime lehnen ihn ab: Seine Reden würden eine gestrige Interpretation des Islam glorifizieren, Verfassungsschützer sind sich nicht einig, wie radikal Vogel zu bewerten ist. ("Der Tagesspiegel") Zumindest Gewalt im Stil des IS lehnt Vogel in seinen Videopredigten immer wieder ab:

Wahrscheinlich wegen solcher Aussagen sieht der IS Pierre Vogel nicht als "echten" Muslim. Und auch Hunderte Millionen weitere Muslime: Mit Vogelwerden auch andere islamistische Prediger als "abtrünnig" bezeichnet, darunter Bilal Philips, ein homophober Prediger aus Kanada. Aber auch liberale Gelehrte wie der US-Amerikaner Hamza Yusuf Hanson, der sich für eine Versöhnung der Religionen einsetzt oder Suheib Webb, ein ehemaliger Hip-Hopper, der jetzt Gebete via Snapchat veröffentlicht. Muslime, die nach Terrorakten Frieden predigen, werden verunglimpft:

Was bedeutet das jetzt?

Demokratie-feindliche Äußerungen von Islamisten wie Pierre Vogel werden durch den Diss vom IS nicht automatisch besser. Aber vor allem der "Islamische Staat" selbst beweist erneut, wie wenig er den Glaubensalltag von Millionen von Muslimen begreift: Ihm geht es nur um Hass und Spaltung. Die Idee von Gemeinschaft und Rücksicht hat in den Köpfen der Dschihadisten keinen Platz.


Gerechtigkeit

Warum Erdogan so allergisch auf deutsche Satire reagiert
Was ist passiert?

In seiner Sendung "Neo Magazin Royale" hat Jan Böhmermann vor anderthalb Wochen ein Gedicht vorgelesen, das den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan beleidigt. Wenige Stunden später löschte das ZDF den Beitrag aus seiner Mediathek (bento). Dennoch sorgte das Gedicht für deutsch-türkische Verwerfungen, selbst Merkel schaltete sich ein.