Bild: dpa/Andrea DiCenzo
Und wenn ja: Was kommt danach?

Vor ziemlich genau drei Jahren bestieg Abu Bakr al-Baghdadi die Predigerkanzel der Al-Nuri-Moschee in Mossul. Es war Al-Baghdadis erster öffentlicher Auftritt. Er ist Anführer der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) – und rief an jenem Tag Ende Juni 2014 ein sogenanntes Kalifat aus. Ein Land, in dem die Nachfahren des Propheten Muhammad über alle Muslime herrschen.

Das angebliche Kalifat umspannte zu jenem Zeitpunkt große Teile Syriens und des Irak. Die größenwahnsinnige Idee von Al-Baghdadi: Bald soll es der ganze Nahe Osten sein, später die ganze Welt. Und alle Muslime sollen in seinen "Staat" ziehen und mit dem IS gegen "Ungläubige" kämpfen.

Heute ist die Moschee zerstört, Mossul fast zurückerobert und Al-Baghdadi angeblich tot – die Ideologie der Dschihadisten lebt jedoch weiter. 

Was heißt das für die Zukunft des IS? Kann er besiegt werden? Und wenn ja: Wie geht es danach weiter? Hier sind die wichtigsten Antworten.

1. Wie wurde der IS überhaupt groß?

Der IS war zunächst Teil des Terrornetzwerkes Al-Kaida. Später stieß er sich ab. Hier ist sein Werdegang:

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2. Die irakische Regierung hat das Ende des Kalifats ausgerufen. Stimmt das?

Am Donnerstag stürmten irakische Truppen jene Moschee, von der Al-Baghdadi damals sein Kalifat ausrief. Der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi jubelte im Anschluss: "Wir erleben das Ende des falschen Staats!" (SPIEGEL ONLINE)

  • Es stimmt: Die Moschee hat einen hohen symbolischen Wert – allerdings hat der IS das Minarett selbst vor ein paar Tagen gesprengt. 
  • Das sollte bedeuten: Wir lassen uns nicht erobern, wir bestimmen unseren Abgang selbst. 

Tatsächlich ist der Herrschaftsbereich des IS noch lange nicht zurückerobert – in der irakischen Wüste und in Syrien gibt es noch viele Rückzugsorte. Die Aussage des irakischen Ministerpräsidenten war vor allem ein PR-Stunt, denn das Land leidet seit Jahren unter dem IS.

Wie wir mit der IS-Miliz umgehen

Wir verwenden bei bento die Bezeichnung "Islamischer Staat", weil es der gängigste Begriff für die Miliz ist. Mit den Anführungszeichen distanzieren wir uns zugleich vom selbst definierten Anspruch der Miliz, islamisch oder ein funktionierender Staat zu sein. 

Als Kürzel nutzen wir IS, in englischsprachigen Medien findest du oft auch ISIS oder ISIL. Im Arabischen wird auch das Kürzel "Daish" verwendet.

3. Wie steht es nun tatsächlich um das Kalifat?

Der IS hatte ab 2014 weite Teile Syriens und des Iraks erobert. Ab September 2014 stellte sich den Terroristen erst eine internationale US-geführte Koalition entgegen, ab Oktober 2015 auch eine russisch geführte. Beide Seiten fliegen Luftangriffe gegen Stellungen des IS.

Auch am Boden werden die IS-Anhänger bekämpft. Im Irak gibt es ein breites Armeebündnis verschiedener Milizen und kurdischer Peschmerga, die gegen den IS vorrücken. In Syrien kämpft vor allem das Bündnis "Demokratische Kräfte Syriens" gegen den IS. Es besteht vor allem aus syrischen Kurden.

Alle Seiten haben den IS zurückgedrängt. Dieses Gif zeigt, wie stark das Kalifat seit Anfang 2015 wieder geschrumpft ist. Der schwarze Bereich gehört dem IS:

Bilder, die aus dem Hoheitsgebiet des IS nach außen gelangen, zeigen ein brach liegendes Land. Gleichzeitig werden Waren geliefert, der Alltag funktioniert. Menschen unter der IS-Herrschaft fürchten die Terroristen also – haben sich aber an das harte Leben im Kalifat gewöhnt.

Doch auch unabhängig vom Bodenverlust ist der IS in Bedrängnis: Kämpfer fliehen, Gelder bleiben aus und auch die Terrorpropaganda des IS wird immer bizarrer – was weitere Unterstützer abschreckt. 

4. Abu Bakr al-Baghdadi soll tot sein. Stimmt das?

Das russische Verteidigungsministerium behauptet, Al-Baghdadi sei bei einem Luftangriff Ende Mai ums Leben gekommen (SPIEGEL ONLINE). Auch die iranische Regierung verkündet: "Der Terrorist Bagdadi ist definitiv tot." (Kurier) Beide Seiten liefern allerdings keine Beweise für ihre Behauptung und IS-Propagandakanäle schweigen. 

Tatsächlich wurde der IS-Chef schon öfter für tot erklärt – und meldete sich danach in Audiobotschaften. 

5. Kann der IS überhaupt endgültig besiegt werden?

Eher nein. Die Militärbündnisse können die Kämpfer immer weiter zurückdrängen – und ja, so das Kalifat eines Tages komplett zurückerobern. Doch die Ideologie bleibt bestehen:

  1. Schon Al-Kaida konnte militärisch nicht besiegt werden, sagt der Terrorexperte Aaron Y. Zelin. Auch wenn unter Obama viele hochrangige Kaida-Kommandanten und sogar der Anführer Osama bin Laden getötet wurden, habe das der Logistik und Finanzierung des Netzwerkes kaum geschadet (Mehr dazu: How Al-Qaeda survived Drones, Uprisings and the Islamic State).
  2. Ähnlich wird es dem IS gehen, sind sich viele Sicherheitsexperten einig. Die Miliz gründet ihre Ideologie auf einem Kampf zwischen Muslimen und "dem Westen". Je mehr sie militärisch unter Druck gerät – und je öfter dabei auch muslimische Zivilisten sterben – kann sie sich als Märtyrerorganisation inszenieren. Und neue Kämpfer für sich begeistern.
  3. Schon jetzt ändert der IS daher seine Strategie: Kämpfer in Syrien und im Irak werden bewusst in Städte geschickt, in denen der IS längst besiegt wurde. Dort sollen sie Schläferzellen aufbauen – damit bloß keine Ruhe in den befreiten Städten einkehrt. 
  4. Auch für Kämpfer im Ausland gibt es neue Befehle: Vor allem in Europa sollen sie Anschläge verüben, und den IS so von der einstigen Miliz in ein loses Terrornetzwerk verwandeln. "Bleibt, wo ihr seid und begeht Anschläge in unserem Namen" ist die neue Losung. 
6. Wie kann man die Ideologie des IS am besten bekämpfen?

"Die beste Art, Terrorismus zu verhindern, ist zu verhindern, das es Terroristen gibt", sagt die grüne Sicherheitsexpertin Irene Mihalic zu bento. Anstatt Gelder in die Bekämpfung von Islamisten zu stecken müsste es bessere Präventionsarbeit und mehr Deradikalisierungsprogramme geben.

Das gilt für IS-Anhänger in Europa, für Syrienheimkehrer, aber vor allem für die Menschen im Irak und Syrien selbst. Denn dort drohen mit dem Ende des IS neue Krisen:

Im IRAK droht ein neuer Krieg zwischen Schiiten und Sunniten. Bisher kämpfen beide gegen den IS.
Ist die Miliz besiegt, könnten sich beide Seiten gegeneinander richten – was extremistische Gruppen wieder stärkt.
In SYRIEN konzentriert sich der Krieg wieder auf die Kämpfe zwischen Assad und den Rebellen. Die Zivilbevölkerung wird dazwischen zerrieben.
Das gibt Islamisten neuen Auftrieb – sie können sich als Beschützer des Volkes inszenieren.
Die KURDEN wollen in Syrien und im Irak eigene Gebiete erobert. Die Chancen dafür stehen gut – aber sunnitische Familien müssen dafür weichen.
Auch das sorgt für neue ethnische Spannungen. Islamisten können das für antikurdische Stimmungen ausnutzen.
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Es reiche daher nicht, wenn nur Stellungen vor Ort bombardiert werden. Vielmehr müssen alle Seiten am Wiederaufbau des Landes helfen und den Menschen vor Ort eine Perspektive geben. 

Der IS hat in den vergangenen Jahren also stark an Anziehungskraft verloren – und konnte die Utopie seines Kalifats nicht aufrecht erhalten. 

Wirklich besiegt ist die Miliz aber nicht: Ihre Ideologie bleibt bestehen. Und kann sich das Chaos in der Region weiter zunutze machen.

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