Bild: Getty Images/John Moore
Verbrennt euren Niqab, Schwestern!

Der "Islamischer Staat" (IS) zerfällt. Diese Schlagzeile stand schon oft in den Medien, seitdem die Terrormiliz im Sommer 2014 große Teile Syriens und des Iraks eroberte – und begann mit Gräuelvideos und blutigen Attentaten für sich "zu werben".

Nun aber könnte es tatsächlich so weit sein: Der IS ist trotz seiner jüngsten Anschläge im Westen so schwach wie nie. Das selbst ausgerufene "Kalifat" verliert an Land, die "Soldaten" flüchten.

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In den vergangenen Wochen hat die Miliz vermehrt Anschläge im Westen verübt – oder besser: Sie rühmt sich, Einzeltäter zu den Angriffen inspiriert zu haben. Ein Attentäter rast mit einem LKW durch eine Menschenmenge in Nizza, ein Flüchtling sprengt sich vor einem Musikfestival in Ansbach in die Luft, ein anderer greift in einem Regionalzug nach Würzburg mit einer Axt Touristen an. Viele Menschen sind bei diesen Anschlägen ums Leben gekommen.

Wie wir mit der IS-Miliz umgehen

Wir verwenden bei bento die Bezeichnung "Islamischer Staat", weil es der gängigste Begriff für die Miliz ist. Mit den Anführungszeichen distanzieren wir uns zugleich vom selbst definierten Anspruch der Miliz, islamisch oder ein funktionierender Staat zu sein. Als Kürzel nutzen wir IS, in englischsprachigen Medien findest du oft auch ISIS oder ISIL.

Diese Taten sind schrecklich und bleiben in unserem Gedächtnis. Zugleich formen sie ein Bild des "Islamischen Staates", das nur wenig mit der Realität zu tun hat.

Diese fünf Punkte zeigen, wie schwach der IS tatsächlich ist
(Bild: EPA/Sedat Suna)

Ende 2014 kontrollierte der "Islamische Staat" je rund ein Drittel Landesfläche im Irak und in Syrien – und damit rund zehn Millionen Menschen. Heute hat er im Irak 40 Prozent seiner Gebiete und in Syrien rund 20 Prozent Fläche verloren (BBC). Ihm bleibt vor allem Wüste – Städte, Dörfer, Verbindungsstraßen gehen verloren.

Erst Ende Juni fiel die westirakische Stadt Falludscha, bis zu 80.000 Menschen waren dort vor der IS-Herrschaft geflohen (SPIEGEL ONLINE). In Syrien wurden in den vergangenen Wochen viele Dörfer im Norden befreit (bento). Dieser Tage ist der IS dort nur noch in der Großstadt Manbidsch eingekesselt – er wird die Stadt aller Voraussicht nach in den kommenden Tagen verlieren.

Fällt Manbidsch, fällt eine wichtige Verbindungsroute der Dschihadisten von ihrer selbst erkorenen Hauptstadt Rakka an die türkische Grenze. Über diese konnte der IS bislang nahezu unbehelligt Waffen schmuggeln und Kämpfer einreisen lassen.

(Bild: EPA/Ahmet Jalil)

Der IS hatte sich nie die Mühe gemacht, die Bevölkerung in seinen eroberten Gebieten für sich zu gewinnen: Frauen wurden als Sexsklavinnen verkauft, Männer, die nicht kämpfen wollten, wurden hingerichtet. Strenge Gesetze verbieten Rauchen, Musik und jegliche Art von Freizeit, Frauen müssen Vollverschleierung tragen.

Wo immer nun die Dschihadisten zurückgedrängt werden, jubelt die Bevölkerung. In Nordsyrien filmt ein kurdischer Sender, wie eine Frau ihren Gesichtsschleier "Daeshi-Style" verbrennt. Daesh ist die arabische Abkürzung für den IS.

Dort, wo die Miliz noch herrscht, versucht die Zivilbevölkerung zu fliehen. Experten schätzen, dass im Irak rund 3,3 Millionen Menschen im Land vor dem IS auf der Flucht sind. In Syrien sollen laut Rot-Kreuz-Mitarbeitern acht Millionen Menschen im Land geflohen sein, die große Mehrheit aus vom IS kontrollierten Regionen. Ein schlechtes Zeichen für das vermeintlich muslimische "Kalifat", wenn vor allem Muslime das Weite suchen.

(Bild: EPA/Ghulamullah Habibi)

In den vergangenen zwei Jahren sollen mehr als 26.000 IS-Anhänger durch Luftschläge getötet worden sein (CNN I). Auch hochrangige Mitglieder werden getroffen: Der Anführer der ägyptischen IS-Zelle soll vergangene Woche getötet (Middle East Eye) und IS-Kämpfer in Libyen ausgeschaltet worden sein (Soufan Group).

Spätestens seit der IS an Raum verliert, ergreifen viele Kämpfer die Flucht. Viele vor allem westliche Sympathisanten realisieren oft erst vor Ort, dass sie sich einer fanatischen Mörderbande angeschlossen haben.

Im Netz veröffentlicht die Miliz daher regelmäßig abstoßende Videos, in denen sie zeigt, was sie mit den "Verrätern" macht: enthaupten, in die Luft sprengen, von Häusern werfen oder pfähleb. Die Propaganda soll weitere Flüchtende abschrecken.

Am Donnerstag sprach US-Präsident Barack Obama vor hochrangigen Militärs über den Zerfall des IS (US-Verteidigungsministerium). Und gibt sich zuversichtlich:

Even [their] leaders know they're going to keep losing. In their message to followers, they're increasingly acknowledging that they may lose Mosul and Raqqa.
(Bild: EPA/Str)

In seinen besten Zeiten besaß die Miliz mehrere Ölfelder im Irak und in Syrien – und konnte um die 50 Tanklaster täglich über die Grenze schmuggeln. Die Ölverkäufe waren die Haupteinnahmequelle der Islamisten. Heute sollen sie um 90 Prozent eingebrochen sein, sagen regionale Beobachter ("Business Insider").

Das dicke Minus in der "Staatskasse" zwingt die Miliz dazu, ihren Kämpfern die Gehälter zu kürzen. Früher verdienten die "Soldaten" zwischen 400 und 1200 US-Dollar monatlich, was vor allem für ärmere Menschen in der Region ein Grund war, sich der Miliz anzuschließen. Doch bereits Anfang des Jahres wurde der Sold um die Hälfte gekürzt, gab die IS-Führung bekannt (CNN II).

(Bild: IS-Propagandakanal)

Zugegeben, viel "Verstand" war bei den Schlächtern nie zu erwarten. Aber nun reagiert die IS-Führung auf die Gebietsverluste und den Jubel von befreiten Zivilisten mit immer härteren Gesetzen und immer absurderer Propaganda:

  • In der irakischen Stadt Mossul, die noch fest in IS-Hand ist, gebe es jetzt eine neue Regel für den Mathematikunterricht, sagte ein Informant dem SPIEGEL: Das Pluszeichen darf nicht mehr zum Addieren verwendet werden, weil es an das christliche Kreuz erinnere. Stattdessen sollen Schüler nun schreiben: "1 addiert 1 sei, so Gott will, 2."
  • Ebenfalls aus Mossul macht sich der seit 2012 vom IS gefangene Brite John Cantlie in einem Propagandavideo über die USA lustig (bei SITE Intel Group). Sie treffe nur Zeitungskioske, anstatt wichtige Stellungen des IS. Zum Beweis zeigt er verbeulte Blechstangen. Cantlie war Reporter und muss seit 2014 Videos für den IS drehen.
  • Und auch das gehört zur Propaganda: Immer wieder gibt es Videos von glücklichen Kindern, von gefüllten Spielplätzen und feiernden Familien. Sie täuschen über die Realität hinweg, von der IS-Rückkehrer berichten (tagesschau.de).
(Bild: IS-Propagandakanal)
Aber auch wenn der IS als "Staat" im Zerfall ist, als Terrornetzwerk wird er noch lange bestehen.

Die Hintermänner des IS waren nie besonders gläubige Muslime. Ihnen ging es darum, einen Machtraum zu erschaffen, der die irakische und syrische Bevölkerung unterdrückt – die Religion war ihnen nur Mittel zum Zweck.

Trotzdem hat gerade die Ausrufung des "Kalifats" Tausende Fanatiker herbeigerufen: Islamisten aus Tunesien, dem Balkan, Tschetschenien, Südostasien und Westeuropa schlossen sich den Kämpfen im Nahen Osten an. Sie glauben nicht, sie hassen. Zerbricht nun das IS-Gebiet, bleibt der Hass seiner Anhänger immer noch übrig.

Diesen Fanatikern kann die Gesellschaft, sowohl im Nahen Osten wie in westlichen Ländern, nur durch Aufklärung entgegenwirken. Aufklärung darüber, wie wenig Islam im Namen des "Islamischen Staates" steckt.

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