Bild: dpa/Bodo Marks
Die wichtigsten Antworten zum Fall Harry S.

Der Kampf für eine islamistische Welt ist aus der Sicht von Harry S. mittlerweile "einfach totaler Schwachsinn, totale Lüge". Der 27-jährige Bremer hatte sich im vergangenen Jahr der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) angeschlossen, kehrte später desillusioniert nach Deutschland zurück. Jetzt muss er sich hier für seine Taten vor Gericht verantworten. (Radio Bremen I)

Was wird Harry S. vorgeworfen?

Er soll Mitglied des IS gewesen sein – nach deutschem Recht wird die "Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrorvereinigung" mit Haft zwischen sechs Monaten und fünf Jahren bestraft (§ 129a StGB). Außerdem soll er gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen haben, das unter anderem den Besitz und Transport von Waffen regelt, die zur Kriegsführung bestimmt sind (KrWaffKontrG).

Was wissen wir über seine Zeit beim IS?

Der Bremer hat sich laut Anklage im April 2015 auf den Weg nach Syrien gemacht und dort dem IS angeschlossen. Drei Monate später kehrte er nach Deutschland zurück, die Polizei nahm ihn fest. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. (SPIEGEL ONLINE I)

Harry S. hat einen deutschen Vater und eine ghanaische Mutter. In Bremen besuchte er eine katholische Schule und spielte Fußball. In London lebt er eine Zeit lang bei seiner Mutter und konvertiert dort zum Islam. 2012, wieder in Bremen, soll er sich radikalisiert haben. (Radio Bremen II)

Wie wir mit der IS-Miliz umgehen

Wir verwenden bei bento die Bezeichnung "Islamischer Staat", weil es der gängigste Begriff für die Miliz ist. Mit den Anführungszeichen distanzieren wir uns zugleich vom selbst definierten Anspruch der Miliz, islamisch oder ein funktionierender Staat zu sein. 

Als Kürzel nutzen wir IS, in englischsprachigen Medien findest du oft auch ISIS oder ISIL. Im Arabischen wird auch das Kürzel "Daish" verwendet.

In Syrien soll Harry S. eine Kampfausbildung durchlaufen haben, in der er spezielle Kampftechniken und den Umgang mit einem Sturmgewehr erlernt haben soll. Nach SPIEGEL-Informationen soll er zudem Kontakt zu den Drahtziehern der Pariser Anschläge gehabt haben (SPIEGEL ONLINE II).

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Als wichtigstes Beweismittel gilt ein deutschsprachiges IS-Propagandavideo, in dem Harry S. zu sehen ist.

Was passiert in dem Propagandavideo?

Das Video richtet sich an Muslime in Deutschland und Österreich. Sie werden aufgefordert, Teil des IS in Syrien zu werden oder im Namen der Miliz Anschläge in Europa zu verüben. "Schließt euch inshallah dieser Karawane an, bevor es zu spät ist", sagt ein Dschihadist. Harry S. ist zu Beginn für einige Sekunden zu sehen. Er trägt eine IS-Flagge.

Harry S. im Propagandavideo des "Islamischen Staates"(Bild: IS-Propagandavideo)

Die erste Hälfte des Videos zeigt mehrere IS-Anhänger, die im Halbkreis sitzen und die vermeintlichen Vorzüge eines Lebens in Syrien propagieren ("Der Dschihad ist der Urlaub für uns."). In der zweiten Hälfte des Videos stehen zwei Kämpfer in der Ruinenstadt Palmyra und erschießen zwei Geiseln mit Maschinengewehren.

Der IS wurde mittlerweile wieder aus Palmyra vertrieben, die verlorene Schlacht gilt als eine erste große Niederlage ("FAZ"). Insgesamt hat der IS im vergangenen Jahr rund ein Fünftel seines Hoheitsgebietes verloren.

Wie gefährlich ist der IS?

Seine Ursprünge hat der IS als Untergruppe des Terrornetzwerkes Al-Qaida während des Irakkrieges 2004. Die Hintermänner der Miliz sind ehemalige Schergen aus dem Regime von Saddam Hussein. Ab 2014 wurden die Islamisten auch der größeren Öffentlichkeit bekannt, als sie wichtige Städte im Irak und dem benachbarten Syrien eroberten und dort eine feste Herrschaft errichteten. Diese üben sie mit aller Brutalität aus: Frauen werden vergewaltigt, Gegner verbrannt oder gepfählt. Die Zivilisten in den IS-Gebieten werden erpresst und müssen sich harten Gesetzen beugen.

Hier erfährst du mehr übe die Methoden und den Einfluss des IS:

Wie ködert der IS junge Kämpfer?

Die Hintermänner des IS kommen aus dem Militär und dem Geheimdienst, wirklich gläubige Muslime sind nicht darunter. Allerdings nutzen sie islamistische Propaganda, um junge Muslime für sich zu gewinnen. Der IS verspricht ein Kalifat – also ein Land, das vom Stellvertreter des Propheten Muhammad auf Erden beherrscht wird. Der IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi sieht sich als dieser Stellvertreter.

Hier kannst du mehr über die Propaganda-Tricks des IS erfahren:

Wie denkt Harry S. heute über den IS?

Der Angeklagte geht sehr offensiv mit seiner Zeit beim IS um, zeigt Reue und will in Interviews über die Gefahren des Islamismus aufklären. Er hofft, Jugendlichen in Deradikalisierungsprogrammen zu zeigen, "dass dieser Weg nicht ins Paradies führt", sagte er Radio Bremen (Hier findest du das ganze Gespräch in der ARD-Mediathek). Der IS verspricht Kämpfern, dass sie ins Paradies kommen, wenn sie sterben.

Unschuldige Menschen kommen da ums Leben. Diese Ideologie und dieser Traum vom Kalifat und vom perfekten Leben stimmt nicht. Das ist einfach totaler Schwachsinn. Totale Lüge. Nichts in dieser Sache ist gerecht. Nichts islamisch und nichts menschlich.

Auch das Leben im vermeintlichen Kalifat prangert Harry S. heute an. Die Miliz tötet Abtrünnige, die nicht mehr kämpfen wollen. Wer sich nicht beugt, wird gefoltert:

Manche, die aufgegeben haben, wurden ausgepeitscht vor versammelter Mannschaft. Und die mussten dann immer sagen: Wir sind Verlierer, wir sind Versager, weil wir das Training nicht aushalten.

Die Aussagen decken sich mit denen anderer desillusionierter IS-Kämpfer. Der Hamburger Verfassungsschutz veröffentlichte unter anderem die Audiobotschaft des 17-jährigen Bilal, der seinen Freunden in Deutschland aufgelöst mitteilte, dass der IS hier Menschen als "Kanonenfutter" behandele. Kurze Zeit später stirbt er. (Hier kannst du die Audiobotschaft anhören)

Gibt es andere IS-Rückkehrer in Deutschland?

Der Verfassungsschutz weiß von mehr als 800 deutschen Islamisten, die in den vergangenen Jahren nach Syrien und in den Irak gereist sind, um dort auf Seiten des IS zu kämpfen. Etwa ein Drittel davon soll zurückgekommen sein (BfV Newsletter).

Unter diesen gibt es einige, die weiterhin aktiv und gewaltbereit sind, und andere, die dem IS abgeschworen haben – so wie der Aussteiger Harry S.


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