Bild: Marc Röhlig
Wie sie und andere dafür kämpfen, IS-Angehörige nach Deutschland zurückzuholen.

Manchmal träumt Danisch einen besonders bösen Tagtraum. Darin steht ein gesichtsloser Bundestagsabgeordneter in einem Flüchtlingslager in Syrien. Dieser müsse dabei zusehen, wie ein Kind stirbt. "Hier, sieh zu wie das Kind verreckt", sagt Danisch bitter. Doch der Tod ist kein gewaltsamer. Das Kind verhungert über mehrere Monate, siecht vor sich hin, verliert jede Kraft. "Und der Politiker muss dann daneben stehen und die ganze Zeit zuschauen." 

So erzählt es Danisch. Und so malt er sich aus, wie die Wirklichkeit für seine Tochter Aaliya wohl gerade aussieht – nur, dass kein Politiker und keine Politikerin aus Deutschland an ihrer Seite steht. 

Aaliya wurde von der Mutter nach Syrien verschleppt, da war sie gerade drei Jahre alt. Heute, fünf Jahre später, kämpft er immer noch darum, seine Tochter aus dem Kriegsgebiet zu holen.

Danisch Farooqi sitzt in einem Straßencafé in Hamburg, es ist einer der heißesten Tage des Jahres. Junge Frauen in Hotpants und Miniröcken spazieren an seinem Tisch vorbei, eine Kellnerin bringt eine Cola frisch aus dem Kühlschrank. Danisch erzählt davon, wie es ist, wenn die eigene Tochter im syrischen Bürgerkrieg verschollen ist.

Der Hamburger war 30 Jahre alt, als Aaliya geboren wurde. Heute ist er 38, seine Tochter hat er seit ihrer "Entführung", wie er es nennt, weder gesehen noch gesprochen. 

Erinnerungen an früher: Danisch und seine Tochter Aaliya, als beide noch in Hamburg vereint waren.

(Bild: Privat)

"Wir haben uns kurz nach Aaliyas Geburt getrennt, teilten uns aber das Sorgerecht", erzählt Danisch. Dann habe seine Ex einen neuen Partner kennengelernt, beide hätten sich radikalisiert und seien plötzlich nach Syrien ausgereist. "Ich habe null mitbekommen", sagt Danisch heute. Die Ex und ihr Partner wollten für die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) kämpfen, Aaliya sollte dabei sein. Danisch wusste davon nichts. Erst, als er einen Anruf aus Syrien bekam: "Und plötzlich brach eine Welt zusammen."

Der Vater erstattete Anzeige wegen Kindesentzug, schaltet internationale Suchaufträge und recherchiert in sozialen Netzwerken. "Ich habe den ganzen Abschaum auf Facebook angeschrieben, all die Typen, die zum IS sind und im Netz drüber gebloggt haben", sagt Danisch. "Jede Info über meine Tochter war es wert." So wusste er über die Jahre, dass sie noch lebt. 

Mittlerweile soll sie mit ihrer Mutter in einem Gefangenenlager in Nordsyrien sein, ein Netzwerk von Angehörigen versorgt ihn mit Infos. Nur selbst Kontakt hat er keinen. Seit fünf Jahren keine Sprachnachricht, kein Bild oder auch nur ein Wort von Aaliya. Das erste und letzte Mal, dass seine Ex sich meldete, war im September 2014. Auf weitere Anrufe und auf WhatsApp hat sie nicht mehr reagiert. 

Viele Familien teilen Danischs Schicksal: Das Innenministerium weiß aktuell von insgesamt 85 deutschen mutmaßlichen IS-Kämpfern in Gefangenschaft, 77 davon in Syrien, die übrigen im Irak. Neben den gefangenen Terroristen befinden sich schätzungsweise rund 50 Kinder in den kurdischen Gefangenenlagern. Die Bundesregierung tut sich schwer mit der Frage, ob und wie deutsche IS-Kämpfer und ihre Kinder zurückgeholt werden sollten. 

Vergangene Woche hat nun erstmals ein Gericht im Fall einer Familie entschieden: Deutschland müsse die Kinder zurückholen. Das Auswärtige Amt wird nun aufgefordert, drei minderjährigen Kindern und ihrer Mutter die Rückreise nach Deutschland zu ermöglichen. (SPIEGEL ONLINE)

Ob es so einfach wird, ist aber nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine politische Frage – für IS-Anhänger wie für deren Kinder. Nicht wenige Politiker fürchten, Heimflüge für mutmaßliche Terroristen und deren Angehörige kommen in der Bevölkerung nicht so gut an. "Wer in Terrormilizen kämpft, hat unsere staatsbürgerlichen Rechte verwirkt", sagt der SPD-Abgeordnete Johannes Fechner. (Die Welt)

Und der ehemalige Chef des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, hatte sogar Kinder von IS-Anhängern einst als "tickende Zeitbomben" bezeichnet. 

Trotzdem: Das Urteil macht Hoffnung, auch bei Nadja Zagarti. Die 26-jährige Hamburgerin hat ihre Neffen an den IS verloren, ohne sie je zu Gesicht bekommen zu haben. 

Nadjas Bruder Bilal schloss sich 2014 dem IS an, "nach dem Tod unserer Oma wurde er plötzlich religiös, interessierte sich für den Koran". Innerhalb von nur vier Monaten habe er sich radikalisiert. Nadja, die den Islam sehr viel liberaler lebt, bekam Angst. Sie überredete die Mutter, den eigenen Sohn bei der Polizei anzuzeigen. "Die sagten uns, er werde auf jeden Fall an der Ausreise gehindert – wenige Tage später war er plötzlich in Syrien."

Bilal holte seine Hamburger Jugendfreundin Merve nach. Beide heirateten in Syrien, kurz darauf brachte Merve zwei Söhne zur Welt, Yusuf und Elyas. Nadjas Neffen. Sie kennt sie nur von WhatsApp-Bildern. Bilal, ihr Bruder, kam 2017 bei einem Bombenangriff ums Leben. Merve, die Schwägerin, wird nun mit beiden Söhnen in einem Lager in Nordsyrien festgehalten. 

Alle vier bis sechs Monate gibt es einen Hoffnungsschnipsel – dann erhält Nadja über Kontakte in Syrien neue Fotos ihrer Neffen.

(Bild: Marc Röhlig)

Sie behauptet, dem IS abgeschworen zu haben und will nach Deutschland zurück. Von den Gräueltaten der Dschihadisten will sie nichts mitbekommen haben: "Ich hatte meine vier Wände, mein Kind, meinen Mann. Ich war glücklich, und mich hat eigentlich auch nichts anderes interessiert", sagte Merve vor einem Jahr einem Team von SPIEGEL TV

"Ich glaube ihr, dass sie nur aus Liebe zu Bilal runterging", sagt Nadja heute. "Die hat sich hier in Deutschland noch nicht mal für Kopftücher interessiert." Aber egal, wie die Schwägerin heute zum IS steht, Nadja will vor allem eines: ihre beiden Neffen in Sicherheit wissen.

Ich bin es meinem Bruder schuldig, die Jungs zu retten und seinen Scheißfehler wieder gutzumachen.
Nadja Zagarti

Danisch und Nadja sind nicht allein: Eltern, Geschwister und Freundinnen von Dutzenden mutmaßlichen deutschen Terroristen hoffen dieser Tage darauf, dass ihre Angehörigen – oder zumindest deren Kinder – nach Deutschland zurückkehren können. Darauf, dass es für sie ein Leben nach dem Islamismus gibt.

Wie der IS groß wurde

Der IS ging vor einigen Jahren aus Al-Qaida im Irak hervor. Als in Syrien der Bürgerkrieg ausbrach, nutzte die straff organisierte Miliz das Chaos, um sich eigene Gebiete zu erobern. Wer sich nicht anschloss oder unterordnete, wurde brutal ermordet. 

Binnen kurzer Zeit errichtete der IS in seinem sogenannten Kalifat eine Diktatur. Auf der Höhe seiner Macht, in den Jahren 2014 und 2015, sollen bis zu 50.000 Anhänger für den IS gekämpft haben. Etwa die Hälfte zog aus dem Ausland nach Syrien. (Soufan Group)

Kinder aus solchen Lagern rauszuholen sei dringend geboten, sagt Anastasia Isyuk vom Internationalen Roten Kreuz. Die Organisation versucht vor Ort in den Lagern zu helfen und Kontakte zwischen Inhaftierten und Verwandten in Europa herzustellen. In den kurdischen Lagern sitzen nach Rot-Kreuz-Angaben ehemalige IS-Kämpfer aus mehr als 60 Ländern.

"Egal, welche Verbrechen er begangen hat, niemand darf außerhalb des Rechts stehen", sagt Isyuk. Allerdings würden viele Familien und ihre Kinder in den kurdischen Gefangenenlagern unter zum Teil unwürdigen Bedingungen inhaftiert. 

Die medizinische Versorgung sei mangelhaft, die Verpflegung auch. Krankheiten wie Syphilis und Typhus würden sich immer weiter ausbreiten. Die Lager seien überfüllt, die kurdische Selbstverwaltung mit den Insassen überfordert. Seit dem vergangenen Jahr mehren sich die Berichte über Kinder, die in den Lagern verhungerten. Kinder, auch falls sie in bewaffneten Gruppen mitkämpfen mussten, sind in erster Linie Opfer, sagt Isyuk: "Wir dürfen diese Kinder nicht für die Sünden ihrer Eltern bestrafen."

Doch die Bundesregierung zögert im Umgang mit deutschen IS-Anhängern – und damit wird es auch schwierig für die mitinhaftierten Kinder.

Als der IS 2014 sein "Kalifat", ein muslimisches Hoheitsgebiet, ausrief, strömten Dschihadisten aus aller Welt herbei. Allein aus Europa kamen mehr als 5000 Personen (Soufan Group). Aus Deutschland waren es knapp 1000, Danischs Ex-Frau und Nadjas Bruder waren zwei von ihnen. Die Terrormiliz umwarb junge Deutsche vor allem mit Videos im Netz. Was viele lockte, war eine Utopie von Gemeinschaft: strenge Verhaltensregeln plus verklärtes Heldentum.

Jetzt, fünf Jahre später, ist der IS fast besiegt. Die letzte Hochburg fiel im Februar, seitdem sitzen die meisten übrig gebliebenen Islamisten in kurdischen Gefängnissen und Lagern im Irak und Syrien. Und mit ihnen verschleppte oder gar in Syrien geborene Kinder wie Aaliya, Yusuf und Elyas. 

Deutsche Behörden stufen 23 der 85 gefangenen Deutschen als Gefährder ein, also als Islamisten von denen eine Anschlagsgefahr ausgeht. "Grundsätzlich haben alle deutschen Staatsbürger und so auch diejenigen, die in Verdacht stehen, für den sogenannten IS gekämpft zu haben, das Recht auf eine Rückkehr nach Deutschland", sagt ein Sprecher des Innenministeriums zu bento. Vorrang habe aber erst mal die Strafverfolgung in Syrien und dem Irak – also dort, wo die Deutschen Straftaten begangen haben. 

  • Das Problem: Im Irak droht einigen mutmaßlichen IS-Kämpfern so die Todesstrafe und in Syrien gibt es gar keine richtigen staatlichen Strukturen, also auch keine funktionierende Justiz. 

Viele Angehörige fordern daher, die jungen Kämpferinnen und Kämpfer und ihre Kinder zurückzuholen. Die Erwachsenen sollen sich hier vor Gerichten verantworten, Deradikalisierungsprogramme inklusive. 

Erst vor Kurzem hatten sich daher Verwandte deutscher IS-Anhänger, die in Nordsyrien festgehalten werden, mit einem offenen Brief an Innenminister Horst Seehofer (CSU) gewandt (SPIEGEL ONLINE). Der schweigt jedoch. So lange sich in Berlin nichts tut, bleiben Danisch nur die wenigen Videos und Fotos, die er noch von Aaliya gespeichert hat. Sie zeigen Ausflüge an den Elbstrand, zeigen Aaliya beim Karussell-Fahren auf dem Hamburger Dom. "Wir hatten eine ganz normale Vater-Kind-Beziehung", sagt Danisch, "und dann war sie einfach weg."

Am traurigsten sei, dass er sich an den letzten Tag mit Aaliya nicht mehr erinnern könne. Wenn er andere Eltern trifft, dann habe jeder eine Anekdote parat. "Wenn man das nicht weiß, dass es ein Abschied ist", sagt Danisch, "dann merkt man sich diese Sachen gar nicht". Er hat in den vergangenen Jahren noch zwei Söhne mit seiner neuen Frau bekommen. Mit ihnen lebe er jetzt jeden Moment viel bewusster: "Du weißt nie, ob dein Leben auf die eine oder andere Art zerrüttet wird."

Um seine Tochter Aaliya zurückzubekommen, habe er in den anderthalb Jahren mehrere Hundert Mails geschrieben, an das Innenministerium, an das Auswärtige Amt, an die Bundestagsabgeordneten des Auswärtigen Ausschusses. Aus dem Ausschus habe nur eine Politikerin geantwortet, von den Ministerien werde er mit Standardsätzen vertröstet.

Eine der Mails, die Danisch auf seine vielen Anfragen erhält (Anonymisierungen von bento).

Es sind die gleichen Sätze, die auch andere Angehörige als Antworten bekommen, die auch Nadja immer wieder liest. "Ich bin Deutsche", sagt Nadja, "aber es fühlt sich so an, als interessiere sich die deutsche Regierung null für meine Probleme". Auch sie hat schon viele Dutzend Mails geschrieben, hat erst im April eine Demo vor dem Auswärtigen Amt organisiert. "Das war der Hammer", erinnert sich Nadja. Zwar seien nicht viele gewesen, aber überhaupt etwas zu tun, sei einfach wichtig gewesen.

Die Demo bedeutet vielleicht nur ein Prozent Fortschritt, aber wenn deine Hoffnung monatelang bei null Prozent war, ist das trotzdem viel!
Nadja Zagarti

Nadja und Danisch haben sich mittlerweile mit anderen Betroffenen vernetzt. Gut 40 Verwandte treffen sich regelmäßig in Berlin. Sie tauschen sich in einer WhatsApp-Gruppe über die Situation in Syrien aus, über Hoffnungsschimmer und jeden Schnipsel, den man über den Verbleib der Kinder erfährt. So haben beide auch erfahren, dass Aaliya, Yusuf und Elyas noch leben. 

Aktuell sollen sich alle drei mit ihren Müttern in Camp Roj aufhalten, einem berüchtigten Lager im syrisch-irakischen Grenzgebiet. "In den Lagern soll es schrecklich sein", sagt Nadja. Zwar gebe es ein bisschen Verpflegung, aber an Medizin mangele es, vieles gebe es nur gegen Geld. 

Danisch und Nadja kämpfen daher weiter. Ganze Tage verbringen beide mit Recherchen, studieren die aktuelle Lage in Syrien, schreiben Mails an Politiker. Nur gehen beide sehr unterschiedlich damit um. "Gefühlt bin ich aber immer noch da, wo ich vor anderthalb Jahren war", sagt Danisch. Wenn er von seinen Kontakten mit den Behörden spricht, von seinen ganzen Mails, dann benutzt er immer wieder zwei Worte: Wut und Ohnmacht. Wut, weil sich nichts tut. Ohnmacht, weil er und die anderen Angehörigen mit ihrer Verzweiflung allein gelassen werden.

Man findet nicht mal den Weg, das rauszulassen und mal jemandem beim Innenministerium ins Gesicht zu schreien.
Danisch Farooqi

Nadja hingegen spricht lieber von Hoffnung, das ist das Wort, dass immer wieder fällt, wenn man ihr zuhört. Jede Mail, die sie schreibt, jede News, die sie entdeckt, sei ein Schritt in die richtige Richtung. "Ich lass mich nicht runterziehen", sagt sie. 

Wie Danisch erzählt auch sie von einem Tagtraum, der sie seit einiger Zeit begleite. Ihrer ist allerdings weniger bitter als Danischs von dem gesichtslosen Bundestagsabgeordneten und dem sterbenden Kind. 

"Wenn ich die Augen schließe, sehe ich meine beiden Neffen vor mir, ich kann sie riechen, ich kann ihnen durchs Haar wuscheln." Beide stünden dann in Bilals altem Zimmer, das sei nun ihr Kinderzimmer. "Bilal war für mich an jenem Tag gestorben, als er nach Syrien ging", sagt Nadja. Klar, sei er immer noch ihr Bruder, aber wirklich trauern konnte sie bei seinem echten Tod nicht mehr. Sie will nach vorne schauen. 

Vor wenigen Wochen hat Nadja begonnen, ihren Traum einfach selber Wirklichkeit werden zu lassen. Trinkgeld, dass die Frisörin bekommt, spart sie für die Neffen. Das Zimmer des verstorbenen Bruders gestaltet sie nach Feierabend um. Der Boden ist schon neu, die Wände sind gestrichen. Erst vergangene Woche hat sie Namensschildchen für Yusuf und Elyas besorgt.

Es fehlen nun nur noch die beiden Jungs.

Im Video: Wie Marc recherchiert hat – und was es nicht in den Artikel geschafft hat:

Video: Inken Dworak


Fühlen

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