Bild: dpa/AP
Wir haben mit einer Demonstrantin gesprochen, die von Anfang an auf die Straße geht.

Reyhane ist wütend. Seit knapp einer Woche gehen in Iran täglich Menschen auf die Straßen (bento). Die 27-Jährige ist eine von ihnen. Zuerst ging es nur um gestiegene Lebensmittelpreise – mittlerweile um so ziemlich alles. In einer kollektiven Wut über das Regime versammeln sich Reyhane und ihre Freunde jeden Abend auf der Straße. 

Seit Ende Dezember gehen viele junge Iraner gegen die Regierung auf die Straße. Begonnen hat der Protest im besonders frommen Maschhad.
Zunächst ging es nur um Lebensmittelpreise. Mittlerweile sind die Demonstranten vor allem wütend – auf die geistliche Führung im Land.
Sie protestieren gegen den Ayatollah Ali Khamenei und gegen den Präsidenten Hassan Rouhani. Er hatte seine Versprechen auf Modernisierung nicht eingehalten.
Auch Befürworter des Regimes gingen seit dem Wochenende auf die Straße. Ob die Aufmärsche inszeniert sind, bleibt unklar.
Bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei kamen mittlerweile Dutzende Menschen ums Leben. Im Netz kursieren Videos von Ausschreitungen.
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Wie geht es ihr damit? Und: Wie geht es weiter? 

Reyhane besitzt ein Restaurant in Rascht, einer Kleinstadt nördlich von Teheran. Sie geht seit vergangenem Donnerstag demonstrieren, ist von Anfang an dabei.

(Bild: privat)

Wir haben Reyhane erzählen lassen, wie sie die Proteste erlebt. In kleineren Infokästen stellen wir Hintergründe zum Iran zur Seite.

Das sagt Reyhane über die Unruhen in Iran:

Ich gehe seit dem 29. Dezember jeden Abend auf die Straßen, gemeinsam mit Freunden, meinem Bruder, mittlerweile ist auch mein Vater dabei. Ich bin zuerst durch Telegram darauf aufmerksam geworden, es gibt dort Kanäle, über die sich Menschen zum Protest organisieren.

Draußen schaut dich jeder komisch an. Es sind viele Menschen auf den Straßen, aber du weißt nicht, ob sie auf deiner Seite stehen oder nicht. Sie sprechen mit dir, ganz normal und plötzlich greifen sie dich an. Das ist das Gefährlichste.

Politik in Iran

Der Iran nennt sich selbst Islamische Republik – und ist eine Mischform aus Gottesstaat und Demokratie. Ein Präsident wird zwar gewählt, er ist aber vom sogenannten Wächterrat abhängig. In diesem Gremium sitzen Juristen und geistliche Führer.

Noch über dem Präsidenten steht der geistige Führer, aktuell Ayatollah Ali Khamenei. Er bestimmt die Hälfte des Wächterrates, ernennt den Präsidenten und befehligt die Streitkräfte. Bei ihm liegt also die größte Macht.

Ihm untersteht auch die Pasdaran genannte Revolutionsgarde. Die Miliz schikaniert jeden, der sich nicht an die strengen Regeln hält.

Vorgestern zum Beispiel waren wir auch auf der Straße. Plötzlich griff uns eine Gruppe Menschen auf Motorrädern an, sie schlugen uns mit Gegenständen. Ich bin sicher, die Regierung hatte sie geschickt. 

Einer meiner Freunde wurde am Kopf getroffen, ich am Bein, aber es war zum Glück nicht schlimm. Ich kann kaum beschreiben, was ich gefühlt habe. Es war eine Mischung aus Wut, Verachtung, Ekel, Angst. Zum Glück konnten wir entkommen.

Wenn es so weitergeht, werden wir viel Blut in den Straßen sehen.

Das Ganze hat damit angefangen, dass die Preise von Eiern stark angestiegen sind – von 1500 Rials auf 6000 bis 7000 (umgerechnet von 3 Cent auf 16 Cent). 

Es steigen auch andere Preise, aber Eier sind besonders wichtig, weil auch arme Menschen sie essen. Ich weiß, das klingt komisch, aber plötzlich wurden sie teuer. Das haben Menschen als Anlass genommen, auf die Straßen zu gehen.

Wirtschaft in Iran

Zwischen dem Westen und Iran gab es lange Zeit diplomatische Funkstille. Weil Iran an einem eigenen Atomprogramm forschte, wurden Sanktionen auferlegt. Diese Maßnahmen haben das eigentlich ölreiche Land stark geschwächt.

Es fehlt an Jobs und guten Gehältern – die Arbeitslosenquote liegt bei mehr als zwölf Prozent. Lebensmittelpreise und Mieten steigen. Allein in Teheran stiegen die Immobilienpreise seit 2002 um mehr als 400 Prozent, doppelt so viel wie in Paris oder London.

Die Organisation findet hauptsächlich über Telegram statt, das wird ab und zu gesperrt. Jeden Abend gibt es eine Straße, zu der wir alle gehen. 

Wir können auch Twitter und Facebook nutzen, aber manchmal sind auch sie blockiert.

Zensur in Iran

Über Politik oder den Islam zu reden, gilt im Iran als unerwünscht. Entsprechend verbietet die geistliche Führung immer wieder Zeitungen, Satireartikel oder Karikaturen. Das Netz wird am stärksten zensiert: Soziale Netzwerke und ausländische Nachrichtenseiten werden immer wieder gesperrt.

Anfang 2016 wurde ein "Halal Internet" eingeführt, ein eigenes Iran-weites Internet, dass nur noch "erlaubte" Seiten beinhaltet. Viele junge Nutzer durchbrechen aber die Sperren und surfen über Apps auch außerhalb. Etwa 60 Prozent der Iraner haben so einen Zugang.

Ich will meine Rechte als Frau, ich will Respekt. Ich will selbst wählen, ob ich Hijab trage oder nicht. Ich will reisen können, auch aus Iran heraus, ohne die Erlaubnis meines Vaters oder Bruders.

Sie begleiten mich in dem Protest, auch sie haben die gleichen Forderungen. Am Ende geht es um Menschenrechte, egal ob für Männer oder Frauen. Wir wollen eine bessere Wirtschaft, mehr Jobs.

Frauenrechte in Iran

Frauen sind im Iran nicht gleichberechtigt. Bestimmte Berufe dürfen sie nicht ausüben, im Ehe- und Sorgerecht werden sie benachteiligt. Außerdem mussten Frauen in der Öffentlichkeit lange Zeit ein loses Kopftuch tragen – auch wenn es im Koran keine genaue Regelung gibt, wie sich Frauen bedecken sollen.

Das Kopftuchgesetz wurde jüngst gelockert, in Teheran werden Frauen nicht mehr festgenommen (bento). Es bleibt jedoch bestehen. Damit einher geht: Sicherheitskräfte können Frauen in der Öffentlichkeit so immer schikanieren und ihre Kleidung kontrollieren.

Die Regierung bestiehlt ihre Bevölkerung. Sie veruntreuen Gelder. Wir haben gute Ölquellen, aber sie verkaufen das Öl an andere Länder und stecken das Geld ein, statt in das Land und seine Menschen zu investieren.

Ich glaube, viele hier sind zu ungebildet, sie lesen keine Nachrichten. Es gibt Korruption überall, aber man kann nicht darauf vertrauen, dass die Regierung das korrigiert.

Irans Kriege

Iran buhlt mit dem Erzfeind Saudi-Arabien um die Vormachtstellung im Nahen Osten, in mehreren Stellvertreterkriegen stehen sich beide Seiten gegenüber. Iran hat Soldaten und Berater im Irak und in Syrien, außerdem finanziert das Land Kämpfer im Jemen und die Hisbollah im Libanon.

Die Verteidigungsausgaben haben sich stark erhöht, Präsident Rouhani sprach zuletzt von 145 Prozent. Eine aggressive Außenpolitik gehört für die geistlichen Führer dazu: Schon die Gründung der Islamischen Republik  1979 wurde mit einem Krieg gegen den Nachbarn Irak abgeschlossen.

Ich weiß nicht, was die Lösung wäre, vielleicht wollen wir eine Revolution, aber ich weiß nicht, wen man am besten folgen sollte.

Manche lachen uns aus, einige meiner Cousins beispielsweise. Obwohl sie sich modern geben, lachen sie uns aus!

Sie sagen, wir können die Probleme so nicht lösen, für sie ist das nur ein Spiel, sie sagen, wir gehen nur raus um ein bisschen Aufregung zu verursachen. 

Ich glaube trotzdem daran, dass unser Protest etwas bewirken wird. Wir werden hier sein, bis sie uns umbringen. 

Aufstände in Iran

Irans Jugend ist schon länger unzufrieden – sie fühlt sich durch die alten Männer im Wächterrat nicht mehr repräsentiert. 2009 kam es zur "Grünen Bewegung", einem vor allem von Akademikern in Teheran getragenen Protest. 

Die nächsten Proteste gab es 2011. Wieder gingen vor allem Akademiker demonstrieren, dieses Mal motiviert durch den Arabischen Frühling in den Nachbarländern. Beide Bewegungen wurden jedoch niedergeschlagen, Dutzende Anführer festgenommen.

Die neue Protestbewegung ist anders: Sie wird von einer breiten Gruppe der Bevölkerung getragen. Und sie entzündet sich in vielen Städten, auch kleineren und sehr frommen Orten. 

Ich bin auch 2009 auf die Straßen gegangen. Damals aber war es etwas anderes, es ging um unsere Wählerstimmen. Und die meisten Protestler waren junge Iraner aus der Mittelklasse. Heute gehen auch ältere und ärmere Menschen auf die Straße, alle. Sie sind hungrig. Ich glaube, das wird mehr Wirkung haben.

Aber natürlich habe ich Angst. Ich will meine Freunde und meine Familie nicht verlieren.

Hinweis: Das erste Aufmacherbild zum Artikel zeigte fälschlicherweise einen Anti-Israel-Protest. Die neue Aufnahme ist von den Protesten. Das Bild zeigt eine Studentin am 30. Dezember 2017 nach einem Tränengas-Angriff auf dem Geländer der Universität in Teheran.


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Entertainer Stefan Raab ist wieder da – und zwar schon in gut einem Monat. Dann laufen auf ProSieben die ersten beiden Folgen seiner neuen Show "Das Ding des Jahres"

Am Freitag, den 9. Februar, läuft um 20.15 Uhr die erste Folge. Am Abend darauf gleich die zweite. 

Die weiteren Folgen sollen dann immer samstags auf ProSieben ausgestrahlt werden. Wie viele das insgesamt sein werden, ist bisher noch nicht bekannt. (ProSieben)