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Die Revolutionsgarde droht den Demonstranten.

In Iran demonstrieren Tausende Menschen in mehreren Städten gegen die religiöse Führung des Landes. Die Proteste begannen am Donnerstag und erreichten am Samstag erstmals Teheran, die Hauptstadt des Landes. An das geistliche Oberhaupt Ajatollah Ali Khamenei gerichtet, riefen sie "Tod dem Diktator".

In diversen Städten kam es am Samstagabend zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten. Die Staatsmacht ging in vielen Städten mit Tränengas gegen die Demonstranten vor – und warnte vor einer Teilnahme an den "illegalen" Protesten. (The Guardian)

Die Lage sei unter Kontrolle, sagte der Vize-Sicherheitschef der Revolutionsgarde in Teheran, Esmail Kowsari. Die riesige Revolutionsgarde steht auf der Seite des islamischen Regimes. Kowsari drohte Demonstranten mit der "eisernen Faust der Nation".

In der westiranischen Stadt Doroud starben offenbar zwei Menschen. Es kursieren Videos, auf denen zwei junge Männer zu sehen sind, die blutüberströmt und bewegungslos auf dem Boden liegen. Eine über die Aufnahmen gelegte Stimme sagt, die beiden Iraner seien von Polizisten erschossen worden. (Guardian, SPIEGEL ONLINE)

Die staatlichen iranischen Medien berichten kaum über die Proteste. Der Zugang zum Internet und Social Media werden offenbar auf Anweisung der Regierung an vielen Orten gestört. Der beliebte Messenger Telegram schließt unter Druck der Behörden Accounts. (Haaretz)

Dennoch finden Videos den Weg ins Netz. Sie zeigen das Ausmaß der Wut – und die Anliegen der Menschen. Hier sind die wichtigsten Videos, die meisten von ihnen konnten noch nicht von unabhängiger Seite verifiziert werden:

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Was treibt die Demonstranten an?

Zunächst schienen die Proteste wirtschaftlich motiviert. Die Inflation und die Jugend-Arbeitslosigkeit von fast 40 Prozent treffen die Iraner hart. Ein Auslöser für die Proteste ist offenbar der Anstieg der Eierpreise gewesen. (Guardian)

Mit Verweis auf den Syrien-Krieg kritisierten Demonstranten, dass das iranische Regime viel Geld dafür ausgibt, seine außenpolitischen Interessen durchzusetzen, statt es beispielsweise in Bildung oder die Infrakstruktur zu investieren. Im syrischen Bürgerkrieg unterstützt Iran das Regime von Machthaber Baschar Al Assad.

Nach dem Atombabkommen mit den USA, mit dem sich Iran zu einer rein zivilien Nutzung der Atomkraft verpflichtet, hatte der amtierende Präsident Hassan Rouhani den Iranern versprochen, dass das Land durch mehr Handel wirtschaftlich aufblühen würde. Das ist ihm bisher nicht gelungen. Rouhani gilt als moderater Modernisierer, der relativ offen auf Kritik reagiert. (Tagesschau)

Inzwischen haben die Demonstrationen aber eine klare politische Ausrichtung: Sie richten sich gegen die islamische Führung des Landes – auch gegen den Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamenei. Er bestimmt seit 1979 die Politik und Wirtschaft des Landes. 

Damals stürzten die Iraner in einer Revolution den autokratisch regierenden Schah. Kritik an Khamenei ist im Land tabu. Jetzt kursieren allerdings Videos von Menschen, die Banner mit dem Bild Khameneis zu Boden reißen oder sogar verbrennen. Demonstranten forderten seinen Tod. (Guardian)

Die Proteste sind die größten seit 2009.

Damals demonstrierten Hunderttausende Iraner gegen die Wiederwahl des Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Die Unruhen wurden als "grüne Bewegung bekannt". Die Sicherheitskräfte des Regimes reagierten allerdings harsch und erstickten den Aufstand. Dutzende Menschen starben, Tausende wurden verhaftet, nicht alle kamen wieder frei.

(Bild: Getty Images)

Welche gesellschaftlichen Kräfte hinter den Protesten stehen, ist noch weitgehend unklar. Die politische Lage im Land ist kompliziert. Der amtierende Präsident Rouhani hält nicht die volle Macht. Konservative Hardliner kontrollieren große Teile der Wirtschaft, beispielsweise den Energiesektor und die Tourismusindustrie. Der Machtkampf mit den korrupten und häufig als inkompetent wahrgenommenen Hardlinern erschwert Rouhani Reformen. (BuzzFeed, Tagesschau)

Selbst erfahrene Beobachter sind sich noch nicht sicher, wie sich die Proteste entwickeln werden. Es scheint bisher keinen Anführer zu geben. Die Oppositionspolitiker halten sich zurück.

Ali Ansari, Professor für iranische Geschichte an der Uni in St. Andrews, sagte, das Ausmaß der Proteste sei von niemandem vorhergesehen worden. Er glaube daran, dass ursprünglich konservative Hardliner die Proteste angefacht haben könnten, um Präsident Rouhani zu schwächen. "Ich glaube, sie haben etwas losgetreten und dann die Kontrolle verloren", sagte er. (Guardian)

Die Proteste hatten im Osten des Landes begonnen. Hier ist eine Übersicht:

Bei den großen Protesten 2009 konnten sich die Iraner nur über Twitter informieren, inzwischen haben aber mehr als 24 Millionen Bürger des Staates Zugriff auf den Messenger Telegram. Präsident Rouhani hatte ein Verbot der App bisher verhindert, weil auch er sie nutzt, um staatliche Medien zu umgehen, die nicht auf seiner Seite stehen. Am Samstag gab es Berichte, dass Telegram wiederholt einzeln riesige Gruppen geschlossen hat, weil darin zu Gewalt aufgerufen worden war. (Tagesschau)

Die USA haben sich unterdessen klar auf die Seite der Demonstranten gestellt. Präsident Donald Trump forderte die iranische Führung auf, die Rechte des Volkes zu achten. "Unterdrückerische Regime können nicht ewig bestehen, und der Tag wird kommen, an dem das iranische Volk vor eine Wahl gestellt wird", twitterte Trump am Samstag. "Die Welt schaut hin!"

Dazu stellte er ein Video seiner Rede vor der Uno-Vollversammlung im September, in der er die iranische Regierung scharf kritisiert und als "Schurkenstaat" bezeichnet hatte. Kurz zuvor erklärte der Präsident in einem ersten Tweet, die ganze Welt verstehe, dass das iranische Volk sich nach Veränderung sehne. 


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