Die Tötung von Qasem Soleimani droht das Land in ein neues Chaos zu stürzen. So organisieren sie ihren Protest.

Batula hat gerade wenig Zeit. Die 21-jährige Irakerin ist auf dem Weg zum Tahrirplatz in Bagdad, ihre Stimme am Telefon klingt abgehetzt, erschöpft. Immer wieder seufzt sie zwischendurch, als reiche ein tiefer Atmer schon aus, um neue Kraft für den Widerstand zu sammeln.

Es ist Freitag und Batula und die anderen Demonstranten in der irakischen Hauptstadt bereiten ein kleines Jubiläum vor – nur gibt es eigentlich keinen Grund zum Feiern. "Seit 100 Tagen gehen wir auf die Straße für einen besseren Irak", sagt sie. "Aber nun wird alles nur noch schlimmer."

Der Irak kommt seit Jahren nicht zur Ruhe – jetzt droht der neue Konflikt zwischen Iran und den USA das Land in neues Chaos zu stürzen. 

Die Jugend im Irak wird dabei zwischen den Fronten zerrieben – und hat nun genug. Seit Batula denken kann, kennt sie nur Chaos, deshalb geht sie Freitag für Freitag auf die Straße, organisiert Essen und Medizin für Verletzte. 

Wie wir recherchiert haben:

Irak-Demonstrierende sind auf Instagram, Facebook und Twitter aktiv vernetzt – viele haben wir dort direkt angeschrieben. Gleichzeitig half uns eine kurdische Doktorin mit Kontakten vor Ort, gab uns Mails von Aktivistinnen und Aktivisten. 

Wir haben mit unseren Gesprächspartnerinnen entweder telefoniert oder, je nach Netzabdeckung, per Messenger Sprachnachrichten ausgetauscht.

"Ich bin groß geworden in einem Land aus Krieg, Korruption und Blutvergießen", sagt sie. Als Batula geboren wurde, hatte Saddam Hussein ihre Heimat bereits 20 Jahre diktatorisch regiert. Als sie vier Jahre alt war, marschierten die USA in den Irak ein, stürtzten Hussein – und das Land in neues Chaos. Mehr als 100.000 Menschen wurden in dem folgenden Bürgerkrieg getötet, im Chaos gewann das Nachbarland Iran an Einfluss – und die Terrormiliz "Islamischer Staat"

Batula über dem Tahrir-Platz in Bagdad – dem Zentrum der Proteste: "Die USA und Iran können ihren Krieg woanders führen."

(Bild: Batula Ali)

Heute sind die Islamisten zwar wieder nahezu vertrieben, dafür beeinflusst Iran die Politik des Landes, hat Soldaten und Milizen im Land. Anfang Januar töteten die USA den iranischen Topgeneral Qasem Soleimani bei einem Luftangriff, Iran reagierte mit Raketenbeschuss auf US-Einheiten – beide Male jeweils auf irakischem Grund. 

Soleimani galt bei den Iran-Fans im Land als Popstar, andere sahen ihn als heimlichen Herrscher, der ein Milizennetz quer über die ganze Region gespannt hat. Seine Einheiten sollen für den Tod vieler Demonstranten verantwortlich sein (SPIEGEL).

Nun fürchten viele Jugendliche, dass ihr Protest zwischen den Fronten eines neuen US-iranischen Krieges zerrieben wird. 

Seit Anfang Oktober vergangenen Jahres demonstrieren sie für ein neues demokratisches System. Es ist der größte Protest seit dem Sturz von Langzeitherrscher Hussein (Foreign Policy). Junge Irakerinnen und Iraker gehen in der Hauptstadt, aber auch im Süden und Westen des Landes zum Teil unter Lebensgefahr auf die Straßen. Die irakischen Sicherheitskräfte setzen Tränengasgranaten, scharfe Munition und Gummigeschosse ein. Seit Beginn der Demonstrationen wurden laut offiziellen Angaben über 320 Menschen getötet (SPIEGEL).

bento hat mit mehreren Akteuren gesprochen. Sie alle sagen, die Demos seien ein Aufbegehren aus der Mitte – wo der Irak sonst in Minderheiten gespalten sei, kommen hier alle zum gemeinsamen Protest zusammen. "Am Anfang gab es nur wenige Frauen auf der Straße", sagt Batula in ihr Handy, "doch jetzt sind wir Tausende."

„Ich sehe Frauen und Männer, Schiiten und Sunniten gemeinsam – alle Traditionen, die uns sonst zurückhalten, sind hier aufgehoben.“
Batula

Der 24-jährige Ali sieht das ähnlich. Er kommt aus Babil, südlich von Bagdad. "Die irakische Jugend revoltiert gerade gegen diese eingerosteten Vorstellungen von Religion und Kultur", sagt er. Was sie wollen sei ein sicheres und säkulares Land: "Wir haben genug von diesem religiösen und ethnischen Rassismus."

Batula mit Mitdemonstranten in Bagdad: "Frauen und Männer gemeinsam – Traditionen sind hier aufgehoben."

Von dem hat der Irak jedoch reichlich. Im Land leben vor allem Schiiten. Die Sunniten sind in der Unterzahl. Diktator Saddam Hussein war Sunnit und ließ die Schiiten unterdrücken. Nach seinem Sturz wurde das Machtverhältnis umgekehrt: Schiiten besetzen Topämter in Politik und Militär, faktisch alle sunnitischen Sicherheitskräfte und Funktionäre wurden entlassen. 

Dieses Missverhältnis ist der Grund für die anhaltenden Spannungen im Land. Und ein Grund, warum Iraks Jugend nun auf die Straße geht. "Alles Schlechte, was uns passierte, war von diesen konfessionellen Spannungen angetrieben", sagt der 30-jährige Mend am Telefon. Er kommt aus Bagdad, lebt aber immer wieder zeitweise in London. Die Proteste sieht der Filmemacher abwechselnd von nah und fern. 

"Am Anfang war ich echt pessimistisch, was die Bewegung angeht", sagt Mend. Er fürchtete neue konfessionelle Konflikte. Mittlerweile sagt er, die Angst war unbegründet: 

„Die Leute gehen gegen Korruption und Unterdrückung auf die Straße – nicht wegen ihres Glaubens.“
Mend

Diese Einschätzung teilen auch die Beobachter der US-amerikanischen Denkfabrik "Soufan Center". "Die Proteste sind in ihrer Natur nicht konfessionell", heißt es in einer Einschätzung. Im Gegenteil, Irans Einfluss stehe im Zentrum der Debatten auf den Demonstrationen und sei "der größte Zorn der Protestler". Klar, Gegner der Massenproteste gibt es auch, vor allem Anhänger der schiitischen Geistlichkeit im land warnen vor Unruhen. Doch die große Mehrheit im Land unterstützt die aufbegehrende Jugend.

Mit der Tötung von Qasem Soleimani und den iranischen Vergeltungsschlägen kommen die Spannungen nun jedoch zurück auf die Straßen Bagdads. 

Schon jetzt würden iranische Milizionäre wieder Demonstranten angreifen, sagt Ali, der Junge aus dem Süden Bagdads. Sie würden als "Agenten der USA" denunziert, dabei stünden sie weder auf der einen noch auf der anderen Seite. "Wir haben Angst vor einem massiven Krieg, der den Irak einmal mehr zum Kampfplatz macht." 

„Die meisten der Opfer werden dann wieder Iraker sein. Wir haben die Nase voll von ausländischer Einmischung.“
Ali

Diese Furcht treibt viele um. Auf Demos halten die Protestler Schilder hoch, auf denen sie Iran wie die USA dazu auffordern, ihre Konflikte doch bitte woanders auszutragen. Andere versuchen es mit Humor: "Vielleicht sollten lieber die Irakis den Irak verlassen?"

Es sei eine Stimmung zwischen Verzweiflung und Zynismus, sagt Hawzhin. Die 35-jährige Kurdin wuchs in Iran auf, ihre Familie war vor den Massenmorden Saddams an den Kurden geflohen. Jetzt ist sie wieder im Irak, in Sulaimaniyah im Norden. "Viele meiner Freunde leiden unter Schlaflosigkeit und posttraumatischen Belastungsstörungen", sagt die Kurdin, "wir alle haben große Angst vor dem neuen Machtspiel zwischen Iran und den USA."

Obwohl sie in Iran aufgewachsen ist, glaubt Hawzhin nicht, dass das Land dem Irak Gutes bringen könne: "Frieden im Irak kann es nur geben, wenn zunächst sämtlicher iranischer und US-Einfluss entfernt wird." Dann brauche es eine neue Bildungsoffensive, Entwicklungshilfe – "und die Jugend muss ernsthaft an der Zukunft des Landes beteiligt werden."

„Manche sagen, es sei Öl. Tatsächlich ist Hoffnung das einzige, was wir hier im Überfluss haben.“
Hawzhin

Kurdin Hawzhin über die Zukunft des Irak: "Sämtlicher iranischer und US-Einfluss muss entfernt werden."

Die Demonstrantion mit Batula ist mittlerweile am Tahrir-Platz angekommen, die Straßen füllen sich, sagt sie in einer Audiobotschaft. Im Hintergrund ist Stimmengewirr zu hören. Auch sie sagt, die USA und Iran sollen ihren Krieg woanders führen. Im Oktober sei sie allein für den Irak demonstrieren gegangen. Nun gingen sie und viele andere auch bewusst gegen die Einmischungen von außen auf die Straße. Es gehe darum, sich das Land zurückzuholen. 

"Ich habe zwei sehr einfache Wünsche", sagt Batula, "Stabilität für den Irak und endlich ein Leben für mich."  

Ali sieht es ähnlich. Seit er geboren wurde, kenne er seine Heimat nur als Konfliktzone. "Es gibt eine witzige Begrüßung hier, die Menschen nutzen, wenn sie sich lange nicht gesehen haben", sagt Ali. Sie lautet "Baadek Ayesh?", übersetzt: Lebst du noch? Das reflektiere ganz gut, in was für einem harten Umfeld Iraks Jugend aufwachse, sagt Ali. 

Er hofft, dass die Proteste die makabere Begrüßung eines Tages unnötig machen.


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"Das war für mich der bis jetzt schönste Moment in meinem Leben", sagt Fabian, 24.

Schnitt. Nun bekommen wir zu hören, was die anderen Gäste über Fabian und Christians großen Tag zu sagen haben. "Beide Anzüge waren etwas zerknittert", bemängelt Michelle. "Die Dekoration war sehr spartanisch", sagt Nicole. Oder mit den Worten von Froonck, dem Wedding-Planner: "Eine Deko, die nicht stattfindet."