Alle sprechen über Integration, aber was bedeutet das überhaupt?

Das Künstlerkollektiv God’s Entertainment möchte eine Diskussion über “deutsche Werte” anregen und testet diese Woche in Hamburg Passanten auf ihre eigene "Integrationsfähigkeit". Wir waren im "Integrationslager" und haben mit den Initiatoren gesprochen.

“Die Sprüche an den Wänden hören wir ständig", erzählt Maja. (Bild: bento.de)

Integrieren sollen sie sich! Die Zugezogenen, die Fremden, die Flüchtlinge. Die, die nicht in Deutschland oder Europa geboren sind, eine dunkle Hautfarbe haben - im schlimmsten Fall. Kein oder schlechtes Deutsch sprechen. Gar nicht erst Deutsch lernen wollen. Die ihre Andersartigkeit nicht verstecken, nein, sondern es wagen, diese auch noch mit einem Kopftuch und bodenlanger Kleidung zu betonen.

Menschen, die sich angeblich nicht integrieren wollen, findet man in Deutschland vor allem dann, wenn man nach ihnen sucht. God’s Entertainment sind diese Woche aus Wien angereist und möchten die schwierige Debatte neu beleben. Nach all den Integrationskursen und Sprachprüfungen, die unsere zugewanderten Mitbürger absolviert haben, fordern sie: "Deutsche, integriert euch!"

Noch bis Samstag können freiwillige Passanten mit einem “Fremdscanner” die eigene Integrationsfähigkeit überprüfen. "Im Schnelltest sehen wir, ob eine Person mit gewissen Minderheiten ein Problem hat. Wir fragen nach, was es bedeutet, Deutsch zu sein", erklärt Simon. Er ist Teil der Gruppe.

„Viele Leute überlegen lange, was es bedeutet, Deutsch zu sein“

“Sind Sie Deutsch?” oder “Was bedeutet es, ‘Deutsch’ zu sein?” steht ganz oben auf dem Fragebogen von God’s Entertainment. Gefolgt von: “Welche Minderheiten begegnen Ihnen in Ihrem Bezirk?”

Die wenigsten Bürger begegnen Flüchtlingen täglich auf offener Straße, trotzdem sind viele sicher: Die wohnen gleich gegenüber! Die leben jetzt hier, in unserer schönen Gegend und beschmutzen die Parks und Spielplätze. Arabisch sprechen sie! Die Türken, die Schwarzen, die Roma und Sinti, wie man sie jetzt nennen muss, im politisch korrekten Deutschland. Sollen sie doch wieder dahin zurückgehen, woher sie gekommen sind.

Die Zitate stammen auch von Teilnehmern (Bild: bento.de)

"Wenn bei dem Ersttest festgestellt wird, dass rassistische Tendenzen bestehen, können wir eine Integrationsmaßnahme durchführen", erklärt Boris. Das Kollektiv setzt bewusst auf die Macht der Sprache. Der Fragebogen wird von einem der drei Teammitglieder unmittelbar ausgewertet. Schnell kann festgestellt werden, ob jemand integrationsfähig ist oder Integrationsbedarf besteht. Erst dann geht es weiter ins Lager, wo verschiedene “Vorurteilsschleifen” durchlaufen werden. "Manche Leute möchten gar nichts ausfüllen, haben aber das Bedürfnis, zu sprechen", erklärt Boris.

"Don't read the comments" gilt hier nicht.

Der Name “Intergrationslager” sei absichtlich gewählt. "Der Begriff ist für viele sehr negativ besetzt. Gleichzeitig ist es ein Wort, das unsere Gesellschaft gerade beschäftigt", so Maja. “Lager ist in der deutschen Sprache aufgrund der Geschichte sehr negativ besetzt. Dennoch werden ähnliche Wörter wie Erstaufnahmelager, Notaufnahmelager oder Flüchtlingslager selbstverständlich genutzt.”

„Das erste deutsche Wort, das die Flüchtlinge sehr gut und richtig aussprechen können, ist häufig 'Lager' “
Maja

Angelegt ist das Integrationslager als offener Reflektionsprozess. Jeder Teilnehmer wird dazu angehalten, einen kritischen Blick auf die eigene Wahrnehmung zu werfen. Wohin fällt der Blick als Erstes, wenn man eine Zeitung aufschlägt? Kann man tatsächlich einen “integrierten” Nigerianer von einem “nicht integrierten” unterscheiden? In jedem Vorwurf der Integrationsunwilligkeit steckt eine klare Statuszuweisung. Und zwar seitens jener, von denen Integration eingefordert wird.

Statt sich in der Argumentation auf sprachlich etablierten Begriffe wie “Integration”, “Anpassung” und “Deutsche Werte” auszuruhen, sollen sich die Teilnehmer selbst fragen, was Integration eigentlich bedeutet. Die Beantwortung der Frage fällt nämlich schwerer als gedacht.

„Der Begriff Integration wird missbraucht.“
Boris

Integration wird in Europa als etwas verstanden, das bitte die tun sollen, die neu hinzugezogen sind. Das stört Boris: “In Europa braucht man ständig eine Bestätigung, dass man integriert ist." Zertifikate und Sprachtests sollen den Grat der Integration messbar machen. So scheint es einfacher, zwischen einem "guten" und "schlechten" Ausländer zu unterscheiden. Einem, der sich problemlos der Werte einer deutschen Leitkultur angepasst hat und jenem, der diese verweigert.

Der Bedarf an Integrationsbestätigung sei extrem hoch, so Boris. Politiker kokettierten schließlich auch damit: "Wer sich nicht integriert, fliegt raus." Sprachfähigkeiten lassen sich leicht erheben, andere Dinge weniger. Das Kollektiv wünscht sich, dass der Begriff Integration deshalb abgeschafft oder zumindest komplett neu hinterfragt wird. So kann der Wert eines Menschen unabhängig von seiner Herkunft gedacht werden, ohne ihn an eine Bedingung zu knüpfen.

Was ist typisch Deutsch?