Die Sprache der Liebe ist universell. Außer, man verliebt sich in eine Person aus Deutschland, dann ist die Sprache der Liebe Deutsch, auf dem Niveau A1.

Denn wer aus dem Ausland zu seinem Ehepartner oder der Ehepartnerin nach Deutschland ziehen will, muss seit 2007 Sprachkenntnisse nachweisen. Mit einem Deutschtest beim Goethe-Institut oder einer anderen anerkannten Organisation. (BAMF)

Im vergangenen Jahr kamen 58.563 Menschen über den Ehegattennachzug nach Deutschland (Auswärtiges Amt). Versucht hatten es noch mehr: Aber knapp 16.200 Ehepartner scheiterten.

Jeder dritte Partner fällt durch den Sprachtest. bento hat mit zwei von ihnen gesprochen. Ahmed und Michaela Elkoumi trennte der Sprachtest mehrere Monate lang. Bennys* junge Familie lebt noch immer nicht zusammen.

Über diese Recherche

Die Paare haben uns teilweise Unterlagen, wie die Ergebnisse des Sprachtests, vorgelegt. Trotzdem können wir die Kommunikation mit den Behörden, insbesondere Anrufe, nicht verifizieren. 

Das Aufenthaltsgesetz verlangt "Einfache deutsche Sprachkenntnisse", also Deutschkenntnisse auf dem Niveau A1 des europäischen Referenzrahmens. In den Prüfungszielen des Goethe-Instituts klingt das so: "Entschuldigen Sie, die Heizung funktioniert nicht", "Schon 10 Uhr, und er ist immer noch nicht da" und: "Was? Du bleibst zu Hause? Schade!" Auch "Ich liebe dich!" gehört dazu. (Goethe Institut)

Für Ahmed Elkoumi, 28, waren diese Sätze eigentlich kein Problem.

Er ist Akademiker und kommt aus einem kleinen Ort außerhalb von Kairo. Seine Frau Michaela, eine 42-jährige Deutsche, lernte er 2016 auf einer Videochat-App kennen. Ahmed erzählte ihr damals, er sei gerade mit dem Tiermedizin-Studium fertig. Michaela platzte heraus: "Willst du mich heiraten? Ich hab fünf Hunde und drei Katzen!"

Sie videochatteten immer häufiger, immer auf Englisch. Bis heute ist das die Sprache ihrer Beziehung. Michaela war skeptisch. Der Mann war ihr eigentlich zu jung und dann noch aus dem Ausland. Dann besuchte sie ihn, lernte ihn und seine Familie kennen. Ahmed fragte, ob sie ihn heiraten wolle und Michaela gefiel die Idee, mit ihm und den Katzen und Hunden ein Leben in ihrem großen Haus in Schleswig-Holstein aufzubauen.

Michaela spricht bis heute kaum arabisch. "Filfil heißt Paprika", das hat sie in der Küche ihrer Schwiegermutter aufgeschnappt. Ahmed mag die deutsche Sprache. Er hört Sarah Connors deutsche Alben. "Aber es ist so schwer, Deutsch zu lernen und auf Deutsch zu denken", sagt Ahmed. "Ich habe deutsche Videos geschaut, meine Frau hat mir deutsche Bücher geschickt und versucht, im Video mit mir deutsch zu sprechen."

Zwischen Ahmed und Michaelas gemeinsamen Leben stand zunächst der Deutschtest am Goethe-Institut Kairo.

Ahmeds Sprachübungen auf Deutsch und Arabisch

Für harte Fälle

Der Europäische Gerichtshof urteilte 2015, der Sprachtest dürfe die Familienzusammenführung nicht unmöglich machen oder  übermäßig erschweren. Die Bundesregierung führte daraufhin eine Härtefallklausel ein. Wer es ein Jahr versucht, aber kein Deutsch lernt, kann sie in Anspruch nehmen. Für Ehegatten von Deutschen gilt schon seit 2012 eine ähnliche Ausnahmeregelung.

Laut dem Mediendienst Integration greift die Härtefallregel in der Praxis aber oft nicht. Selbst bei Fällen, in denen ein Lerndefizit ein Sprachzertifikat erschwert, weil die Betroffenen zum Beispiel gar nicht Lesen und Schreiben können. Nur die Wenigsten wissen von der Regelung, sagt Swenja Gerhard, Juristin beim Verband binationaler Familien und Partnerschaften dem Mediendienst. Nuray Acun, Beauftragte für Sprachkurse und Prüfungen am Goethe-Institut in Izmir sagt, trotz Härtefallregel bestünden die Konsulate oft darauf, dass der Test absolviert werde. 

Für bestimmte Länder gelten Ausnahmeregelungen: Partner aus beispielsweise Australien, Israel, Japan, Honduras und Monaco dürfen auch ohne Sprachnachweis einen Aufenthalt beantragen. (Aufenthaltsgesetz)

"Die Prüfung kostet 2200 ägyptische Pfund. Das ist weit über einem Monatseinkommen. Ich habe Glück, dass mein Mann aus einer sehr wohlhabenden Familie kommt", sagt Michaela.

Ahmed bestand die Deutsch A1-Prüfung. Dann die Enttäuschung: Er durfte nicht ausreisen, denn erst musste die Armee ihn vom Wehrdienst freistellen. Ein zermürbendes Jahr später kam die Erlaubnis – nur das Zertifikat des Sprachnachweises war mittlerweile abgelaufen.

Dass Ahmed ein Jahr zuvor gut Deutsch konnte, galt nicht mehr. 

Er müsse einen weiteren Test machen, habe man ihm damals gesagt. Weil sein Ausreisetermin näherrückte, habe die Botschaft ihn stattdessen für einen telefonischen Test angerufen, sagt Ahmed.

"Da war eine Frau, die mit mir auf arabisch über das Visum gesprochen hat. Plötzlich hat sie mir eine deutsche Frage gestellt. Ich war nicht vorbereitet, habe erst nicht geantwortet. Dann stellte sie eine zweite Frage. Stell dir das mal vor: Warum willst du nach Deutschland?" Ahmed lacht. "Ich habe gesagt: Weil ich zu meiner Frau will. Ob das reicht. Sie meinte: Nein – und hat den Anruf beendet." Dass der Anruf als Ersatz für den A1 Sprachtest gedacht war, habe man ihnen nicht mitgeteilt, sagt Michaela. Erst ein paar Tage später erfuhr sie das durch Zufall von ihrer Ausländerbehörde. "Das tat denen auch Leid."

Ahmed bekam Angst. Bis zum Flug war nur noch eine Woche Zeit. Er lieh sich noch einmal Geld, meldete sich zu einem weiteren Sprachtest an, ohne Vorbereitung – und bestand mit 81 von 100 Punkten. Heute ist er bei Michaela. Er findet: "Der Sprachtest ist unnütz. Es ist entwürdigend, Mann und Frau deswegen voneinander zu trennen."

Für Richelle*, 24, ihren Mann Benny, 34, und den gemeinsamen dreijährigen Sohn ist ein gemeinsames Leben noch nicht in Sicht.

Weil Richelle zweimal den Sprachtest nicht bestanden hat, hat Benny seit mehr als einem Jahr den gemeinsamen kleinen Sohn nicht gesehen. Benny ist Hamburger und deutscher Staatsbürger. Im Alter von sieben Jahren kam er von den Philippinen nach Deutschland, um bei seiner Mutter zu leben. Sie war zu ihrem neuen Partner nach Deutschland gezogen, Benny holte sie einige Jahre später nach.

(Bild: Unsplash)

Benny ging zur Schule, dann machte er eine Lehre als Koch – und beschloss, das Heimatland seiner Mutter zu erkunden. Auf den Philippinen schrieb er sich an einer Hochschule für Unternehmensführung ein und lernte seine spätere Frau kennen. Richelle* arbeitete für eine Telefonfirma. Einmal im Monat musste Benny dort sein Pay TV-Abonnement verlängern. Die beiden verliebten sich, heirateten und bekamen 2015 ein Kind. 

Dann wollte Benny zurück nach Deutschland.

Jobs in der philippinischen Gastronomie waren schlecht bezahlt, außerdem wollte Benny seinen Sohn auf eine deutsche Schule schicken, denn philippinische Privatschulen sind teuer. Benny und Richelle sprachen das philippinische Tagalog miteinander, Richelle brauchte für die Einreise aber ein A1-Zertifikat. Also reiste Benny im Mai 2018 allein zurück. Richelle sollte mit dem gemeinsamen Sohn nach bestandenem Sprachtest nachkommen.

Das Problem: Richelle musste für den Sprachkurs von der Insel Mundo auf die Hauptinsel, in die Hauptstadt Manila ziehen. Ihren Job als Bürokauffrau gab sie auf, eine Tante nahm sie und den Sohn auf. Drei Tage pro Woche pendelte Richelle jeweils zwei Stunden zum Sprachkurs und zurück. Die Tante passte derweil auf das Kind auf.

Indessen arbeitete Benny in Hamburg erst in einem Hotel, dann als Busfahrer im Schichtdienst. Das Geld schickte er auf die Philippinen, sagt er. Um Sprachtest und Lebenshaltungskosten für seine Familie zu bezahlen.

Als seine Frau durch den Sprachtest fiel, war Benny deshalb wütend. 

45 von 100 Punkten? Hatte sie nicht richtig gelernt? Den Test nicht ernst genommen? Aber es stellte sich heraus: Rachelles Kurs entsprach nicht den Standards des Goethe-Instituts, sagt Benny. Der offizielle Kurs wäre etwas teurer gewesen – und noch weiter weg. "Das wäre unzumutbar gewesen."

Einen weiteren Kurs konnten die beiden nicht bezahlen. "Ich musste ja selbst erstmal Fuß fassen in Deutschland und konnte ihr gar nicht richtig beistehen in der Zeit", sagt Benny. Die Tante fiel als Babysitter weg, sie hatte selbst Arbeit gefunden. Richelle beschloss, online zu lernen. Mit YouTube-Videos und Apps. Als sie sich bereit fühlte, meldete sie sich noch einmal zur Sprachprüfung an – und fiel noch einmal durch. 

Benny hofft jetzt auf die Härtefallklausel. "Es ist sehr schwer für mich, von meiner Familie getrennt zu sein. Ich bin selbst erst sehr spät, mit sieben, hergekommen und hatte Schwierigkeiten, mich zu integrieren, weil ich die Sprache nicht konnte." 

Sein Sohn wird bald vier. Eigentlich sollte er längst in Hamburg in den Kindergarten gehen, um sich einzuleben, bevor die Schule startet. Er soll deutschsprachige Freunde finden, seine deutsche Oma besuchen und deutsche Kinderbücher lesen. Denn wie sonst sollte er die Sprache lernen?

*Bennys Nachname ist der Redaktion bekannt. Richelle heißt eigentlich anders.

Hinweis: Bennys Sohn ist 2015 geboren, nicht 2017, er kam im Mai 2018 nach Deutschland, nicht 2019. Wir haben das korrigiert.

bento gibt es auch als App!

Wir pushen dir die besten Storys aufs Handy. Hier kannst du die App kostenlos runterladen: Android | iOS


Fühlen

Warum bringen uns unsere Eltern so leicht auf die Palme?
Eltern bleiben immer Eltern – und Kinder immer Kinder.

Hannas Mutter kaut zu laut. Marcel ist genervt, weil sein Vater ständig pfeift. Franziskas Mutter erwähnt bei jedem Gespräch betont beiläufig, dass "der Florian" immer wieder nach ihr frage, woraus die immer gleiche Diskussion um ihren Beziehungsstatus entsteht. Clara beobachtet, dass ihre Oma ihren Vater innerhalb von Sekunden auf die Palme bringen könne – obwohl er sonst ein völlig ausgeglichener Mensch ist.

Auch meine Eltern, die ich alle paar Wochen sehe, schaffen es mühelos, mich mit Kleinigkeiten aus der Fassung zu bringen, die mir bei anderen Menschen wahrscheinlich nicht einmal auffallen würden. Egal, ob mich meine Mutter beim Reden unterbricht oder mein Vater aus meinem Glas trinkt.

Warum stören uns Verhaltensweisen unserer Eltern so sehr?

Das habe ich Dr. Claus Koch gefragt. Er ist Autor und Leiter des pädagogischen Instituts Berlin. In seinen Büchern beschäftigt er sich unter anderem mit der Beziehung zwischen Eltern und Kindern und mit der Frage, was passiert, wenn Kinder erwachsen werden