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Jeder vierte Mensch in Deutschland hat heute einen Migrationshintergrund (Statistisches Bundesamt). Bei den unter 35-Jährigen sogar jeder Dritte. Ich gehöre dazu. Aber das Wort "Migrationshintergrund" beschreibt nicht nur meine Herkunft – sondern auch die meiner Großeltern und meines Vaters. Dabei könnten unsere Leben nicht unterschiedlicher sein.

Meine Großeltern kamen Anfang der Sechzigerjahre als Gastarbeiter nach Deutschland. Sie hatten kein Geld und sprachen kein Deutsch. Mein Vater war damals drei Jahre alt. Er lernte die Sprache schnell und schämte sich ein wenig für das schlechte Deutsch seiner Eltern. Seine Kindheit war hart. Die ersten Jahre lebten sie in der Garage einer deutschen Familie. Als mein Opa einmal krank wurde, fehlte das Geld für das Nötigste. Zum Essen gab es nichts außer blankem Reis.

Ich dagegen hatte eine sorgenfreie Kindheit. Ich bin in einem großen Haus mit Garten aufgewachsen. Meine Herkunft bedeutet für mich, dass ich zweimal Ostern feiere, Familienfeste zweisprachig sind und ich mehr Tsatsiki esse als meine Freunde. Im Alltag bemerke ich meinen Migrationshintergrund nicht, außer andere weisen mich darauf hin. 

Für mich bin ich Deutsche. Für das Statistische Bundesamt habe ich einen Migrationshintergrund, bereits in der dritten Generation. 

Eine einheitliche, internationale Definition davon gibt es nicht. In Österreich oder Schweden hätte ich gar keinen. Dort müssen beide Elternteile im Ausland geboren sein. In anderen Ländern gibt es den Begriff "Migrationshintergrund" überhaupt nicht.

In Deutschland reicht, nach Definition des Statistischen Bundesamtes, dass ein Elternteil ohne deutsche Staatsangehörigkeit geboren wurde. Nach der offiziellen deutschen Definition verliert sich der Migrationshintergrund also nach der dritten Generation. Meine Kinder hätten keinen mehr.

Aber Osterbräuche und Tsatsiki, Sprachkenntnisse und Diskriminierung verschwinden doch nicht einfach? Wir haben mit dem Sozialpsychologen Fatih Uenal, 37, darüber gesprochen.

Er ist Sozialpsychologe am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) und forscht zu Mehrfachdiskriminierung und Migrationshintergrund.

Fatih Uenal forscht zum Migrationshintergrund.

(Bild: Privat)

bento: Der Begriff Migrationshintergrund umfasst in Deutschland etwa 20,8 Millionen Menschen aus verschiedenen Ländern, in verschiedenen Generationen. Wird er von allen gleich erlebt?

Fatih Uenal: Das will ich mit einer Studie derzeit herausfinden. Wir vermuten, dass Menschen mit Vorfahren aus der Türkei oder Togo andere Erfahrungen machen als die, deren Eltern oder Großeltern aus Schweden oder den USA kommen. Dazu machen wir eine Studie unter Menschen mit Migrationshintergrund und versuchen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten in dieser großen Gruppe zu finden. Unsere Vermutung basiert auf internationalen Studien, die besagen, dass Menschen, die anders aussehen oder anders heißen, mehr Vorurteilen und Diskriminierung begegnen. In Deutschland gibt es dazu noch sehr wenig Forschung.

Der Begriff "Migrationshintergrund" ist mittlerweile umstritten. 

Ja. Mit diesem Begriff wird so getan als ginge es nur um Einwanderung. Aber das ist nicht der Fall. Dann hätten auch Vertriebene einen Migrationshintergrund. Die tauchen in offiziellen Statistiken aber nicht als Menschen mit Migrationshintergrund auf. Im Grunde genommen macht man mit dem Migrationshintergrund eine ganz klare Trennung zwischen ethnisch Deutschen und nicht ethnisch Deutschen. Damit bezeichnet der Migrationshintergrund nicht das, was sein Name eigentlich suggeriert.

Wie misst man den Migrationshintergrund?

Früher erfasste das statistische Bundesamt nur "Ausländer" und "Deutsche". Seit 2005 kommt in der Volkszählung, dem "Mikrozensus", auch der Migrationshintergrund vor.

Seitdem wurden Definition und die Erhebungsmerkmale aktualisiert. Heute gilt: Wer die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt oder mindestens einen solchen Elternteil hat, hat einen "Migrationshintergrund". (Mikrozensusgesetz)

Die Erhebung ist aber komplex: 27 Fragen werden beantwortet, 19 davon werden zur Erhebung des "Migrationshintergrundes" genutzt. Das Statistische Bundesamt fragt nicht nur nach den Geburtsländern der Eltern, sondern auch nach dem Grund des Zuzugs und nach der Sprache, die zu Hause gesprochen wird. (Statistisches Bundesamt) Die Daten fließen beispielsweise in politische Zielvorgaben für Bildungs- oder Arbeitsmarktpolitik. Und sie sind zentrales Thema gesellschaftlicher Debatten.

Aber: Zur Erfassung von Diskriminierung taugt der "Migrationshintergrund" nur bedingt, kritisieren Expertinnen. Ein Schwarzer Deutscher könnte aus der Definition herausfallen – wer einen weißen, französischen Elternteil hat fällt darunter.

Wenn der Begriff nicht passt, sollte er dann nicht abgeschafft werden? Das wird ja schon gefordert

Nein, der Begriff hat auch seine Vorteile. Man kann Diskriminierungen besser erfassen und strukturelle Benachteiligungen früher erkennen. Das machen wir in unserer Studie ja auch. Wobei: Im Kontext Diskriminierung reicht die Kategorie Migrationshintergrund nicht. Da muss weiter differenziert werden, um herauszufinden, welche Gruppenmerkmale mit Diskriminierungserfahrungen zusammenhängen. Die Frage ist auch: Welchen Begriff nutzen wir stattdessen? Oder benutzten wir gar keinen mehr? Ich glaube, das würde keinen Sinn machen. Das sieht man am Beispiel Frankreich. Dort wird sehr viel Wert darauf gelegt, dass alle als französische Bürgerinnen und Bürger gesehen werden. Aber Rassismus und Diskriminierung gibt es trotzdem. Intoleranz verschwindet nicht durch die Abschaffung von Kategorien.

„Ich glaube, es bringt nichts, so zu tun, als wären alle gleich.“
Fatih Uenal

In anderen europäischen Staaten wie England oder Polen können Menschen im Zensus selbst entscheiden, zu welcher "ethnischen" oder "nationalen Gruppe" sie sich zuordnen. Könnte das nicht auch in Deutschland so gemacht werden?

Das würde Sinn machen, wenn man interessiert daran ist, was die Menschen über sich denken. Ich kann nachvollziehen, warum Menschen nicht fremdbestimmt in irgendwelche Kategorien einsortiert werden wollen. Als Forscher und Wissenschaftler sehe ich das aber anders. Wenn man erheben will, wie viele Menschen mit Migrationshintergrund es gibt, ist die persönliche Identifikation nicht relevant und dient nicht unbedingt der Fragestellung. Die Zahlen in dem Zensus müssen ja objektiv und vergleichbar sein. Menschen, die sich dabei unwohl fühlen, haben immer die Möglichkeit, sich zu enthalten.

Seine Herkunft wird man nicht so leicht los.

(Bild: Unsplash)

Der statistische Migrationshintergrund hört nach spätestens drei Generationen auf. In welcher Generation verschwindet der Gefühlte?

Ich denke: nie. Ich weiß auch nicht, ob er das muss. So wie er öffentlich diskutiert wird, ist der Begriff ja oft sehr negativ besetzt. Aber er hat auch positive Seiten. Mit migrantischen Wurzeln hat man mehr als einen Bezugsrahmen: kulturell, sozial, sprachlich. Im Kern verschwindet der Migrationshintergrund nicht. Die meisten Untersuchungen bisher erfassen aber erst die erste und zweite Generation. Zur dritten Generation wird erst seit kurzem geforscht. 

Man weiß ja, dass Nachfahren türkischer Einwanderer auch in der dritten Generation oft keinen deutschen Pass haben (Universität Konstanz). Wie ist das zu erklären?

Vor einigen Jahren mussten sie sich noch für eine Staatsbürgerschaft entscheiden. Das ist kein einfacher Prozess. Bei einer Entscheidung für die deutsche Staatsbürgerschaft, hätten sie die Staatsbürgerschaft von einem Land abgelegt, das sie ohne Wenn und Aber zurückgenommen hätte. Gerade in der heutigen politischen Lage mit einer Partei wie der AfD, die ganz offen gegen Menschen nichtdeutscher Herkunft agiert, schafft das nicht gerade Vertrauen.

Der Rechtspopulismus sorgt dafür, dass sich Menschen wieder deutlicher mit ihrem Migrationshintergrund identifizieren?

Wir haben leider keine Untersuchungen, die diese Frage datenbasiert beantworten könnten. Es würde mich aber nicht wundern, wenn ein Erstarken des Rechtspopulismus in Deutschland und anderen Ländern bei vielen Menschen mit Migrationshintergrund dazu führt, sich mehr mit der Herkunftsidentität ihrer Eltern zu identifizieren als mit Deutschland. Und das obwohl sie in jeder Hinsicht schon als Deutsch gelten. Also sowohl die Staatsbürgerschaft haben, als auch akzentfrei deutsch sprechen und so weiter. Entscheidend beim Migrationhintergrundsgefühl ist ja auch, was die Mehrheitsgesellschaft denkt.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels schrieben wir, Spätaussiedler hätten keinen Migrationshintergrund. Das ist falsch, sie sind in der Definition des Migrationshintergrundes des Statistischen Bundesamtes enthalten. Wir haben den Fehler korrigiert.


Trip

So schön war der Festivalsommer 2019!
Wir spielen noch mal alle Hits


Oh nein, es ist schon wieder so weit: Draußen wird es langsam zu kalt zum Campen, und was gerade noch ein Festival-Gelände war, liegt jetzt still im frühen Abendlicht. Die Menschen – eben noch am Tanzen und Singen und Feiern – verstecken sich jetzt lieber in ihren Wohnungen, hängen auf der Couch und holen die ganzen Serien nach, für die sie im Sommer keine Zeit hatten. Und auch die Bands ziehen sich in ihre Studios zurück wie Füchse in ihren Bau, um zu überwintern und vielleicht ein neues Album aufzunehmen.

Es fällt uns schwer, das zuzugeben, aber jetzt führt kein Weg mehr dran vorbei: Die Festival-Saison 2019 ist ziemlich zu Ende.