Bild: Screenshots/bento
Gesellschaftliche Themen werden immer öfter für Instagram-Betrug genutzt

Leid und Likes liegen auf Instagram manchmal nah beieinander: Seit Tagen färben viele Nutzer ihr Profilbild dunkelblau, um an die Situation im Sudan hinzuweisen. Das afrikanische Land steckt seit langem in einer schweren Krise, Demonstrierende werden bedroht oder vom Militär angegriffen. (bento

So wie Mohamed Mattar. Der 26-Jährige wurde erschossen, als er versuchte, zwei Frauen zu beschützen. Die blauen Profilbilder sollen an seine Lieblingsfarbe erinnern, heißt es. Die vielen Bilder und der Hashtag #blueforSudan sind so zu einem Symbol des Hinsehens und der weltweiten Solidarität geworden. 

Nur wenige Klicks entfernt, nutzen aber auch ganz andere Instagram-Profile die blaue Farbe für sich. Accounts wie @SudanMealProject, @SudanMealOfficial oder @sudanawarenesshelp. 

Sie haben in den vergangenen Wochen versprochen, für jeden neuen Follower, der einen Post teilt, eine Mahlzeit an Bedürftige im Sudan zu spenden. Auch andere Accounts mit blauem Bild machten ähnliche Versprechen, selbst Nike startete vermeintlich eine eigene Aktionsseite. Kann das alles sein?

Den Accounts folgten innerhalb weniger Tage Hunderttausende Menschen, Tausende tippten unter den Beiträgen auf den Like-Button. Der Account @sudanawarenesshelp hat, ohne aktuell einen sichtbaren Beitrag, inzwischen mehr als 240.000 Follower. Nur: 

Dafür, dass diese Instagram-Accounts tatsächlich in irgendeiner Form Hilfe für Menschen im Sudan organisieren, gibt es bislang keinen Beweis. 

Im Gegenteil: Tagelange Recherchen von skeptischen Nutzerinnen und Nutzern, Journalistinnen und Journalisten zeigen, dass viele der Accounts nur wenigen Menschen helfen dürften – nämlich ihren Besitzern. 

Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um eine Betrugsmasche handelte, um in kurzer Zeit möglichst viele Follower zu sammeln. 

Bento hat in den vergangenen Tagen mit mehreren Accounts Kontakt aufgenommen und sie um Nachweise für die angebliche Hilfe gebeten. Hinweise, dass die Accounts tatsächlich Hilfe vermitteln, bekamen wir nicht. Auch die US-amerikanischen Journalistin Taylor Lorenz hatte verschiedene Accounts kontaktiert, unter anderem @SudanMealProject mit 400.000 Followern. Angeblich wollten die Account-Inhaber für jeden Repost eine Mahlzeit im Sudan spenden – gegenüber der Journalistin konnte er das nicht nachweisen.

Nachdem die Journalistin Instagram kontaktiert hatte, wurden innerhalb weniger Stunden gleich mehrere der "SudanMeal"-Accounts gesperrt.

Auf Nachfrage teilte ein Instagram-Sprecher bento kurz darauf mit: "Wir untersuchen diese Angelegenheit momentan und werden Accounts deaktivieren, die wir als Verstoß gegen unsere Richtlinien ansehen." Konkrete Fragen zur Sperrung einzelner Accounts und dem genauen Vorgehen wurden nicht beantwortet.

Die Hilfsbereitschaft Hunderttausender Menschen weltweit wurde offenbar ausgenutzt, um in kurzer Zeit möglichst viele Follower und Likes zu sammeln.

Auch Influencerinnen und Influencer nutzten bereits die Masche: Anfang der Woche gab eine junge Frau aus Russland zu, Dessous-Fotos aus Tschernbobyl gefälscht zu haben. Tatsächlich wurden die Bilder 3500 Kilometer entfernt aufgenommen. Die Täuschung brachte ihr laut "Bild" jedoch angeblich 13.000 neue Follower ein. Mehrere andere Accounts, die ebenfalls mit Tschernobyl-Fotos für Empörung sorgten, könnten ähnlich vorgegangen sein. 

Auch in der Diskussion um Klimaschutz und die "Fridays for Future"-Proteste tauchten immer wieder Profile auf, die gezielt Instagram-Nutzerinnen täuschten, um Likes und Follower zu sammeln.

Auch in der Sudan-Krise scheinen verschiedene Personen die Chance für persönlichen Profit zu sehen. Neben "Folgt mir und ich spende"-Aufrufen tauchten in den vergangenen Tagen Accounts auf, die vorgaben, T-Shirts mit Sudan-Motiven zu verkaufen. Dabei ging es ebenfalls angeblich um Hilfe. Zumindest ein Teil der Erlöse sollte gespendet werden. Doch die Bestellung sollte fast immer über private GMail-Adressen erfolgen – ein Vorgehen, das vor allem Spuren verwischt und bei seriösen Hilfsorganisationen nicht üblich ist. Auch diese Accounts wurden inzwischen größtenteils gesperrt.

Worum es bei den meisten Accounts tatsächlich gehen dürfte, zeigt ein näherer Blick auf das Profil von @sudanawarenesshelp, einem Account, der mittlwerweile offline ist, dem aber 240.000 Nutzerinnen und Nutzer folgten. Schaut man in die Übersicht der Namensänderungen, wird schnell klar, dass der Account nicht als Hilfsangebot für den Sudan gestartet wurde: 

Allein seit Jahresbeginn hat @sudanawarenesshelp mehr als 80 Mal den Namen gewechselt.

(Bild: Screenshots/bento)

Für Menschen, denen die Ereignisse im Sudan tatsächlich nahe gehen, sind die zahllosen Sudan-Profile auf Instagram keine gute Anlaufstelle. Die serienmäßige Täuschung zeigt gut, wie schnell Scammer und Betrüger gesellschaftliche Themen aufgreifen. Wer tatsächlich aktiv werden möchte, sollte deshalb nach Profilen von Hilfsorganisationen suchen, die verifiziert sind und anerkannte Spendensiegel verwenden. Dazu zählen beispielsweise @unicefsudan oder die Spendenbündnisse @aktion_deutschland_hilft und @DasBuendnis (Twitter).

Instagram kann das Engagement vieler Menschen sichtbar machen – aber nicht ersetzen. Mit Likes allein wurde noch kein Leid bekämpft.


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