Bild: Sebastian Willnow/dpa
Sie war als "G20 in Leipzig" angekündigt.

Tom, 28, grüner Parka, lange braune Haare, ist verärgert. Er steht inmitten von einigen Hunderten linken und linksradikalen Demonstranten. Wenige Meter von ihm entfernt essen Deutschlands Innenminister im "Auerbachs Keller" zu Abend. Bis vor wenigen Minuten haben sie in Leipzig zusammengesessen und beraten – über mehr Kompetenzen für die Polizei und über die Frage, ob Deutschland schon bald wieder straffällige Flüchtlinge und sogenannte Gefährder in einige Regionen Syriens abschieben soll (dazu mehr bei bento).

Tom hält das für totalen Unsinn. "Wer sich auch nur ein bisschen informiert, weiß, dass es das keine Option sein kann", sagt er. In seiner Freizeit hilft er Flüchtlingen beim Deutschlernen, den schweren Fällen – die Menschen, die eher nicht in die Sprachkurse gehen, wie er sagt.

„Dort erlebe ich jeden Tag, wie Menschen, ganze Familien, abgeschoben werden, manchmal über Nacht.“
Tom

Er ist sich sicher. Eine Abschiebung in ein Land wie Syrien habe niemand verdient.

So wie er denken an diesem Donnerstagabend die meisten der rund 500 Demonstranten, die durch Leipzigs Innnenstadt ziehen. Sie tragen schwarze Northface-Jacken und Schals, die erste Reihe hat die Kapuzen aufgezogen, eine Frau hat eine dunkle Sonnebrille im Gesicht. 

Die Demonstranten rufen: "Staat, Nation, IMK. Scheiße". "IMK", das steht für Innenministerkonferenz.

(Bild: Sebastian Willnow/dpa)

Um die Konferenz zu schützen, hat das sächsische Innenministerium Hunderte Polizisten aufgeboten. An jeder Ecke steht ein Mannschaftswagen. Zeitweise ziehen mehr Polizisten als Demonstranten durch die Stadt. "Wo knallt es denn nachher?", fragt ein Polizist seinen Vorgesetzten, der zuckt mit den Schultern.

Die vielen Beamten sind nicht ohne Grund da.

Seit Tagen geistert das Gerücht eines "G20 in Leipzig" durch die Medien. Sogar der Polizeipräsident sah sich genötigt, zu dementieren. So schlimm werde es schon nicht werden.

Im Vorfeld der Proteste hatte eine Gruppe, die sich selbst "proletarische Jugend Leipzig" nennt, ein Video hochgeladen, um die linke Szene zu mobilisieren. Zu sehen sind Vermummte, sie brennen Pyrotechnik ab – und fordern "proletarische Platzverweise für die #Innenministerkonferenz". Im linksradikalen Forum "Indymedia" tauchte ein Schreiben auf, das indirekt zur Gewalt aufrief. "Hier gibt es keinen Frieden", schrieben die Verfasser.

Was an diesem Donnerstagabend passiert, ist: das genaue Gegenteil.

Keine Gewalt, kein G20 weit und breit. Die Polizei begleitet die Demo seitlich. Das größte Problem ist die halbvolle Bierflasche, an der ein Demonstrant in der zweiten Reihe nuckelt. Glasflaschen sind verboten. Auf Nachfrage stellt er sie brav weg. 

Juliane Nagel, eine Abgeordnete der Linken im sächsischen Landtag, hat die Demo angemeldet. Sie ist froh, dass es friedlich bleibt, und auch ein bisschen überrascht.

(Bild: bento)

Wer mit den Menschen unter den Kapuzen spricht, erlebt junge Männer und Frauen mit einer klaren, radikalen Haltung. Aber sie haben nichts mit dem Klischee der Krawalltouristen zu tun, das nach G20 entstanden ist. Seit den vier Tagen im Juli steht die linke Szene in ganz Deutschland unter Druck. Zu heftig waren die Bilder der geplünderten Läden und der brennenden Barrikaden.

So sah es nach G20 aus:
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Auch bei den Demonstranten in Leipzig wirkt der Gipfel nach, allerdings vor allem, weil die Polizei immer noch konsequent gegen die linke Szene vorgeht. In dieser Woche stürmte sie zahlreiche Wohnungen und Häuser in ganz Deutschland, in denen sie Menschen vermutete, die sich während des G20 strafbar gemacht hätten. 

Ihr Ziel: Beweise sammeln, dass die Proteste und mutmaßlichen Straftaten abgesprochen waren.

(Bild: bento)

"Ein bisschen fühle ich mich wie unter einem Generalverdacht seitdem" sagt Elias, der Anarchist. Der 19-Jährige will wie fast alle Demonstranten nicht mit vollem Namen oder gar einem Bild in den Medien erscheinen, zu groß ist die Angst, dass ihm am Ende doch noch Ärger droht. 

Die Sache mit den syrischen Flüchtlingen findet er auch nicht toll. Aber vor allem ist er gekommen, weil er seine Daten nicht dem Staat überlassen möchte. Innenminister Thomas de Maizière wolle ja nun sogar Hintertüren in unsere elektronischen Geräte einbauen, sagt Elias.

"Wo kommen wir denn hin, wenn der Staat weiß, was ich meinem Kühlschrank sage? Was passiert, wenn der Staat die Macht hat, Geräte zu kontrollieren und auszuschalten? Und wenn diese Macht in die falschen Hände fällt?"

Um Elias herum ist es inzwischen ruhig geworden. In kleinen Gruppen stehen die Demonstranten beieinander. Von den zeitweise rund 500 Demonstranten ist nur noch der harte Kern übrig geblieben. 

Über ihren Köpfen strahlen die Leuchtreklamen von Primark und Media Markt. Kapitalismuskritik unter erschwerten Bedingungen.

Aber Elias gibt nicht auf, schwenkt weiter seine Antifa-Fahne. Neben ihm steht Jonas und reckt trotzig sein Schild in die Höhe. Auch er heißt in Wirklichkeit anders. "Nur eines verstehe ich nicht", sagt er nachdenklich.

„Diese Fragen gehen uns doch alle an. Warum sind wir Linksradikalen eigentlich die einzigen, die hier stehen und gegen Abschiebungen und Überwachung demonstrieren?“
Jonas

Future

In dieser Bielefelder Agentur wird fünf Stunden gearbeitet – bei voller Bezahlung
Wenn der Feierabend zum Feiermittag wird.

Strikt getaktete Konferenzen, kein WhatsApp und keine private Plauderei während der Arbeitszeit – klingt schrecklich? Was ist aber, wenn du dafür nur fünf Stunden pro Tag arbeiten müsstest – bei gleichem Gehalt? Klingt fast zu schön, um wahr zu sein?

In der Bielefelder Digital-Kommunikationsagentur "Digital Enabler" hat Chef Lasse Rheingans jetzt aber genau dieses Modell eingeführt. Mitte Oktober ist der Versuch gestartet, Ende Februar wird entschieden, ob daraus Alltag wird.

Wir haben mit Lasse gesprochen und eine Mitarbeiterin gefragt: Ist das wirklich so toll, wie viele glauben?