Hier erzählt sie, wie es gelaufen ist.

Die Rückkehr ins Heimatland angepriesen wie ein lohnenswertes Last-Minute-Angebot? Anfang November regten sich zahlreiche Menschen über eine fragwürdige Werbekampagne des Innenministeriums auf. Für 1000 Euro extra sollten Geflüchtete dazu bewegt werden, bis Ende des Jahres auszureisen. Titel der Kampagne: "Dein Land. Deine Zukunft. Jetzt." Eine Zukunft, die sich die Menschen eigentlich in Deutschland aufbauen wollten – in Frieden. 

Nachdem die Plakate an zahlreichen Bahnhöfen oder Straßen in Deutschland hingen, formierte sich Protest. Einige bewarfen die Plakate mit Farbbeuteln, andere starteten eine Petition. (bento)

So wie Hannah Hübner. Die 30-jährige Eventmanagerin tat sich mit Freundinnen und Freunden zusammen und veröffentlichte einen offenen Brief, 30.000 Menschen unterschrieben. 

Das entging auch dem Innenministerium nicht, die Mitarbeiter luden Hübner ein. Am Montag durfte sie denen persönlich ihre Meinung sagen. Wir haben mit ihr gesprochen.

Was hat euch an der Kampagne so aufgeregt?

Es ist so ein sensibles Thema, und nicht mal die Zielgruppe ist klar benannt. Auf dem Plakat sind irgendwelche Flaggen abgedruckt – mit dabei unter anderem Eritrea, Äthopien, die Türkei. Das führt dazu, dass alle Menschen, die Verbundenheit mit den Flaggen verspüren, sich angesprochen fühlen – sei es, weil sie die Sprache sprechen, oder weil ihre Eltern in diesem Land geboren wurden. Das suggeriert, man sei unerwünscht. Auch die, die legal hier leben. Bei Geflüchteten, die sich hier etwas aufbauen wollen, genauso wie bei türkischen Gastarbeitern, oder Menschen mit einem deutschen Pass, die hier in dritter Generation leben.

Das finde ich sehr gefährlich in einem Land, wo gerade sehr laut und öffentlich Rechte die Vielfalt unserer Gesellschaft in Frage stellen. Diese rechtspopulistischen Denkmuster werden mit den Plakaten bestätigt. 

(Bild: Privat)

Also stören dich eigentlich hauptsächlich die Flaggen?

Nein, die gesamte Sprache und Wortwahl der Plakate. Es klingt nach flottem Marketing für ein plumpes Produkt. Das wird dem Thema nicht gerecht, es wirkt unseriös, sogar höhnisch. "Deine Zukunft. Jetzt" heißt der Slogan. Als sei es etwas prickelndes, in die zerstörte Heimat zurückzukehren. Was soll das für eine Zukunft sein, in einem Land wie Eritrea oder Afghanistan? Dort gibt es Terrorismus, Armut, Menschenrechte werden verletzt. 

Wieso habt ihr euch für eine Petition entschieden?

Zusammen mit anderen Menschen, die sich engagieren – zum Beispiel bei den Unteilbar-Demonstrationen – habe ich eine WhatsApp-Gruppe. Als ich die Plakate gesehen habe, habe ich in diese Gruppe geschrieben, meine Empörung und meinen Schock geteilt. So wie mir, ging es auch den Anderen. 

Wir wollten handeln. Es reicht eben nicht mehr, sich im Stillen aufzuregen, wir müssen aktiv werden. Als Bürgerinnen und Bürger hat man eine Verantwortung für das Land. Eine Petition kann diese kritische Masse super abbilden. 

30.000 Unterschriften sind in vier Wochen zusammengekommen. Es gibt durchaus noch größere Aktionen. 

Klar, mehr geht immer. Aber hey, wir haben es bereits bis zum Innenministerium geschafft. Wir sind sehr stolz.

Gab es auch Hass-Botschaften?

Erstaunlich wenig. Menschen haben uns nur als dumm, idealistisch und verträumt bezeichnet. 

War es zu idealistsich, dass ihr gleich Seehofers Rücktritt gefordert habt?  

Diese Kampagne steht nicht für sich allein, Horst Seehofer hat sich mehrfach problematisch zum Thema Migration und Flüchtlinge geäußert – sei es die 69 Abschiebungen zum 69. Geburtstag oder das Zitat "Migration ist die Mutter aller Probleme". Er hat keinerlei Fingerspitzengefühl, er hat damit eine extrem spaltende Wirkung und versucht Bevölkerungsgruppen gegeneinander auszuspielen. Ein Innenminister sollte genau das Gegenteil tun. 

Lehnst du Rückkehr an sich ab?

Nein. Es gibt eben Menschen, die abgelehnt werden und hier nicht bleiben können. Sie brauchen sachliche Informationen und Angebote des Innenministeriums – aber eben keine höhnische Werbekampagne. 

Was habt ihr im Innenministerium gefordert?

Die Plakate müssen weg – zumindest wenn es nach uns geht. Außerdem haben wir klargemacht, dass eine Kampagne die Zielgruppe mit einbinden muss – dann lässt sich auch ein Shitstorm vermeiden. Ein Innenministerium sollte die Gesellschaft zusammenhalten, nicht spalten, auch das haben wir gesagt. 

Das Team, das im Innenministerium zu Gast war

Hannah Hübner, Petitionsstarterin
Yann Leretaille, Berlin Founders Unite
Cihan Sinanoglu, Sprecher der Türkische Gemeinde in Deutschland
Tahir Dellar, Sprecher der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland 
Diana Henniges, Vorständin von Moabit hilft e.V.
Lewamm Ghebremariam, Campagnerin bei Change.org 

Hatte das Erfolg?

Mit dabei waren Christian Klos, der Leiter des Stabes Rückkehr und Steve Alter, Pressesprecher des Innenministeriums. Sie haben unsere Kritik zur Kenntnis genommen – mehr auch nicht. Sie haben uns klar gemacht, dass Seehofer und seine Mitarbeiter weiter hinter der Kampagne stehen. Auch eine öffentliche Stellungnahme lehnen sie bislang ab.

Wir haben sehr gerungen – vielleicht redet das Ministerium vor der nächsten Kampagne zunächst mit Betroffenen, bevor ein Plakat an irgendeinem Bahnhof hängt. Aber damit es soweit kommt, müssen wir weiter dranbleiben. 

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Gerechtigkeit

Ein Hoodie mit Kippa gegen Antisemitismus - diese Gruppe kämpft für Religionsfreiheit
"Es soll egal sein, wer dich mit einer Kippa sieht."

Ein Mann, der auf offener Straße einen Israeli mit Kippa angreift: dieses Video aus Berlin wurde im April 2018 in den sozialen Netzwerken viel geteilt. Es ist für viele zu einem Symbol geworden, für eine Angst, die umgeht: Wird der Antisemitismus in Deutschland (und Europa) stärker? Aktuelle Umfragen sagen: ja! Jüdinnen und Juden fühlen sich stärker bedroht (Welt) und die Zahl der antisemitischen Übergriffe ist deutlich angestiegen (Handelsblatt).

Zum Ende des jüdischen Lichterfestes Channukka (bento) stellen wir deshalb junge Menschen vor, die sich gegen Antisemitismus einsetzen – und die Solidarität der Deutschen mit dem jüdischen Glauben sichtbar machen wollen:

Das Künstler-Kollektiv "Ignaz" hat sich von den Menschen inspirieren lassen, die nach dem Übergriff im April auf die Straßen gingen und aus Solidarität eine Kippa trugen – und zwar Juden und Nicht-Juden.