Drei Fragen, drei Antworten

Was ist passiert?

Sondos Alqattan war richtig sauer: 

"Wie kann man ein Dienstmädchen zu Hause haben, das seinen Reisepass behält? Wenn sie mit ihrem Pass in ihr Heimatland zurückkehrt, wer erstattet mir das dann?"

In einem Instagram-Video redete sich Alqattan in der vergangenen Woche ihren Frust von der Seele. Frust darüber, dass Dienstmädchen von den Philippinen nach einer Gesetzesänderung in Kuwait künftig mehr Rechte besitzen.

Alqattan, 27, geboren und aufgewachsen in Kuwait, ist ein Star für viele arabische User. Als sogenannte Influencerin erreicht sie mit ihren Schminkvideos und Modetipps 2,3 Millionen Menschen via Instagram – das sind doppelt so viele, wie es Kuwaiter gibt.

"Noch schlimmer ist, dass sie jede Woche einen freien Tag kriegen. Einen freien Tag jede Woche", ereiferte sich Alqattan mit erhobenem Zeigefinger. 

"Ich würde mir kein philippinisches Hausmädchen mehr holen. Sie würde nur sechs Tage die Woche arbeiten und bekäme vier Tage im Monat frei."

Wenig später legte Alqattan in einem zweiten Video nach: "Unsere Rechte als Arbeitgeber müssen geschützt werden. Wenn wir Dienstmädchen einstellen, müssen wir ihren Pass einziehen, damit sie nicht ohne unsere Zustimmung verreisen." Sie schloss ihr Video mit den Worten:

Ich habe jetzt auch genug von dem Thema. Ich will davon nichts mehr hören, es gibt Wichtigeres im Leben. Zum Beispiel Botox.

Was ist der Hintergrund für Algattans Aussagen?

Doch viele Menschen in der arabischen Welt und auf den Philippinen sahen das anders. Denn es gibt rund 250.000 Hausangestellte aus dem südostasiatischen Inselstaat, die für Familien in Kuwait arbeiten. Die Behandlung der Gastarbeiterinnen hat in diesem Jahr eine handfeste diplomatische Krise zwischen beiden Staaten ausgelöst.

Im Februar war die Leiche des philippinischen Dienstmädchens Joanna Demafelis im Gefrierschrank einer verlassenen Wohnung entdeckt worden. (SPIEGEL ONLINE) Die Leiche wies Spuren von Folter auf. Demafelis war bereits mehr als ein Jahr zuvor von ihrer Familie als vermisst gemeldet worden. Ihr Arbeitgeber, der den Mord gestand, ist inzwischen zum Tode verurteilt worden.

Der philippinische Staatschef Rodrigo Duterte verhängte nach dem Mord an dem Dienstmädchen eine Ausreisesperre für Philippiner, die in Kuwait arbeiten wollten. Im April veröffentlichte das Außenministerium in Manila ein Video, das zeigt, wie Botschaftsmitarbeiter in Kuwait Landsleute vor kuwaitischen Arbeitgebern in Sicherheit bringen. Daraufhin wies der Golfstaat den philippinischen Botschafter aus und zog seinen eigenen Gesandten aus Manila ab.

Dann einigten sich beide Regierungen im Mai auf ein Abkommen, das die Rechte der Gastarbeiterinnen stärken soll. Die Details sind erst nach und nach bekannt geworden:

  • Künftig sollen Dienstmädchen nicht länger als zwölf Stunden pro Tag arbeiten.
  • Zudem steht ihnen ein Mobiltelefon mit Internetverbindung zu.
  • Außerdem bekommen sie pro Woche einen Tag frei.
  • Hinzu kommen 22 Urlaubstage im Jahr.
  • Nach zwei Jahren muss der Arbeitgeber der Angestellten einen Heimflug bezahlen. Während ihres gesamten Aufenthalts dürfen die Bediensteten ihren Reisepass behalten.

Alqattan und andere Kuwaiter fürchten, ausgenutzt zu werden, indem die Philippinerinnen mit ihrer Hilfe als Dienstmädchen ins Land kommen, sich dann aber vor Ort nach besser bezahlten Jobs umsehen. Einige Fälle dieser Art soll es bereits gegeben haben.

Doch unterm Strich verbessert die Gesetzesänderung in Kuwait die Lage der Gastarbeiterinnen nur marginal. Denn am sogenannten Kafala-System ändert sich dadurch nichts. Das System bindet jede Gastarbeiterin an einen einheimischen Arbeitgeber. Feuert er sie, muss die Frau das Land verlassen. Das gibt den Arbeitgebern viel Macht und Drohpotenzial, um die Angestellten zu erpressen.

Hatten ihre Äußerungen Folgen?

Menschenrechtsgruppen vergleichen das Kafala-System mit Sklaverei - ein Bild, das offenbar auch Alqattan verinnerlicht hat. Anders ist kaum zu erklären, dass sich die Frau darüber echauffiert, dass ihre Bediensteten künftig einen Tag in der Woche freinehmen dürfen.

Auch die Organisation Migrante International, die sich für die Rechte von Philippinerinnen im Ausland starkmacht, verglich ihre Äußerungen mit denen eines Sklavenbesitzers. Alqattans Haltung erinnere "an dunkle Zeiten", kritisierte die Organisation.

Alqattan rechtfertigte sich nun am Dienstag via Instagram. Die Kritik an ihrer Person sei ungerechtfertigt, sie selbst habe niemals Angestellte erniedrigt oder misshandelt, schrieb die 27-Jährige. "Ich betrachte alle Angestellten als gleichwertige Menschen."

Ihre eigenen Geldgeber konnte Alqattan damit nur begrenzt überzeugen. Mehrere Kosmetikunternehmen wie Max Factor und Chelsea Boutique haben ihre Zusammenarbeit mit der Influencerin eingestellt.

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


Fühlen

Diese Frau ist gegen Abtreibungen. Und ich will wissen, warum

Für mich stand nie in Frage, dass Frauen in einer modernen Gesellschaft unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit haben sollten, abzutreiben. Mit diesem Wissen bin ich aufgewachsen, so war es immer. Die entscheidende Diskussion darüber wurde in Deutschland in den Siebzigerjahren geführt – zu einer Zeit, in der ich noch gar nicht auf der Welt war. 

Doch jetzt flammt die Debatte erneut auf: In Ländern wie Polen oder Irland, wo Menschen gegen strikte Verbote kämpfen. In Deutschland, weil über die Abschaffung des Paragrafen 219a gestritten wird, der es Ärztinnen und Ärzten verbietet, Werbung für Abtreibungen zu machen (bento).