Bild: dpa/Screenshot/Montage: bento

Ein Bekennerschreiben zum Überfall auf den AfD-Politiker Frank Magnitz teilten Hunderte innerhalb weniger Stunden. Medien und Abgeordente verschiedener Parteien kommentierten die Erklärung für den Angriff auf den rechtspopulistischen Politiker

In der Überschrift hieß es: "Wer Hass sät, wird Gewalt ernten". Und weiter: "Der Antifaschistische Frühling Bremen gibt bekannt, dass wir den AfD-Politiker F. Magnitz am Montag (...) von seinem faschistischen Gedankengut befreien wollten. Magnitz (...) gehört mundtot gemacht."

Aber auf Indymedia kann jede und jeder anonym Texte veröffentlichen. 

Das angebliche Bekennerschreiben enthielt nur bereits öffentlich bekannte Informationen. Das Wort "mundtot" ist unüblich in linken Kreisen. Von den Autoren sind bislang keine weiteren Einträge auf Indymedia zu sehen.

Warum bekam die Erklärung dann dennoch so viel Aufmerksamkeit? Und welche Rolle spielt Indymedia bei den Auseinandersetzungen radikaler politischer Gruppen?

1 Wie Indymedia funktioniert

Indymedia, kurz für "Independent Media Center", ist ein Netzwerk verschiedener linksradikaler Internetseiten und Gruppen. Entstanden ist es 1999 bei Protesten gegen eine Konferenz der Welthandelsorganisation in Seattle. Zwei Jahre später entstand der erste deutsche Ableger. Inzwischen gibt es weitere, der bekannteste ist inzwischen de.indymedia.org

Die Macher des Projekts sitzen an verschiedenen Orten, kommuniziert wird über verschlüsselte Chats und E-Mail-Verteiler. Eines der Grundprinzipen: Im Bereich "Openposting" kann grundsätzlich jede und jeder Interessierte anonym selbst Inhalte auf die Seite stellen. Eine Anmeldung oder Verifizierung ist nicht notwendig. Nur selten werden Inhalte von den Betreibern gelöscht.

2 Weshalb die Seite so umstritten ist

Neben Veranstaltungshinweisen und Berichten finden sich auf Indymedia auch immer wieder Bekennerschreiben und Aufrufe zur Gewalt. Die ursprünglich in Süddeutschland entstandene Abspaltung "linksunten.indymedia.org" wurde deshalb kurz nach den Krawallaen beim G20-Gipfel 2017 in Hamburg vom Bundesinnenministerium verboten und abgeschalten.

„Über Jahre bot das Portal eine Plattform zur Darstellung und Propagierung linksextremistisch motivierter Straftaten und verfassungsfeindlicher Inhalte. Insbesondere war eine Vielzahl an Selbstbezichtigungssschreiben gewaltorientierter Linksextremisten auf „linksunten.indymedia“ abrufbar. Gleiches galt für Anleitungen zum Bau von zeitverzögerten Brandsätzen und explizite Aufforderungen zu Straftaten.“
Verfassungsschutzbericht 2017

Gleichzeitig nutzen die Sicherheitsbehörden selbst immer wieder Informationen, die auf Indymedia veröffentlicht wurden, um politische Gruppierung einzuschätzen. Allein im jüngsten Verfassungsschutzbericht findet sich zwölf Zitaten von Indymedia.

3 Warum die Seite so oft für Verwirrung sorgt

Schon vor dem vermeintlichen Bekennerschreiben zum Angriff auf Frank Magnitz gab es immer wieder anonyme Berichte auf Indymedia, die sich später als falsch herausstellten:

  • 2016 gab es nach zwei Sprengstoffanschlägen in Dresden ein angebliches Bekennerschreiben der Antifa, das sich nach kurzer Zeit als Fälschung entpuppte. Der tatsächliche Täter war Pegida-Anhänger.
  • 2017 tauchte nach dem Bombenanschlag auf den BVB-Mannschaftsbus ebenfalls ein angebliches Antifa-Bekennerschreiben auf, das von der AfD und verschiedenen Medien rasch verbreitet wurde. Der tatsächliche Täter war ein 29-Jähriger, der aus finanziellen Motiven gehandelt hatte.

Die Fälle zeigen, dass ein Gegencheck dringend nötig ist. Für Medien, aber auch Politikerinnen und Politiker, sind die Artikel auf der Plattform vor allem aber auch deshalb interessant, weil sie oft von radikalen Gruppen stammen, die ansonsten wenig mit klassischen Medien kommunizieren. 

4 Wie Indymedia auf die Magnitz-Meldung reagiert hat

Die Betreiber der Seite sind bislang nicht für intensive Öffentlichkeitsarbeit bekannt. Auch im Fall des angegriffenen AfD-Politiker Frank Magnitz war bislang wenig zu hören, nur das angebliche Bekennerschreiben verschwand nach einiger Zeit wieder von der Seite.

Am Freitagmorgen, um 2.08 Uhr, gab es dann doch eine Form der Aufarbeitung. In einem Text, der an die "Liebe Polizei, liebe doofe Presse" adressiert war, wurde die öffentliche Diskussion kritisch unter die Lupe genommen. "Fallt ihr wirklich auf ein so extrem offensichtlich und geradezu lächerlich falsches Bekennerschreiben rein?", hieß es darin weiter. 

Es war allerdings nicht die Stellungnahme der Indymedia-Initiatoren. Sondern nur ein neuer anonym hochgeladener Text.

Wir haben die Betreiber von de.indymedia kontaktiert und um eine Stellungnahme gebeten. Sofern wir eine Antwort erhalten, reichen wir diese nach.


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