Indien ist das für Frauen gefährlichste Land der Welt – zumindest meldete das 2018 die Thomson Reuters Foundation (Reuters). Seit 2012 dringen immer wieder Berichte über Massenvergewaltigungen aus dem Subkontinent zu uns, vor Ort stehen sie fast täglich in den Zeitungen. 

Gleichzeitig gibt es starke, feministische Bewegungen: Bereits in den Sechzigerjahren wurde mit Indira Ghandi eine Frau Regierungschefin, die Wahlbeteiligung von Frauen wächst schneller als die der Männer (Zeit Online). Erst Anfang des Jahres formten Tausende Frauen im südindischen Kerala eine 600-Kilometer-lange Protestkette. Sie wollten zwei Frauen dazu ermutigen, einen Tempel zu betreten. Im gebärfähigen Alter war ihnen das lange verboten, doch der indische Gerichtshof hatte die Praxis für unzulässig erklärt. 

Frauen in Indien kämpfen für ihre Rechte – mit teils großem Erfolg. Sicherer wird es für sie in dem Land dennoch nicht. Es ist schwierig, in diesen Gegensätzen ein Bild der indischen Frau zu formen. Shammi Singh hat es trotzdem versucht.  

Der 31-Jährige wuchs als Sohn eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter in Ditzingen bei Stuttgart auf. Vor zehn Jahren reiste er das erste Mal nach Indien. Für seine selbst produzierte Doku "Women’s Voice India’s Choice" fuhr er die gleichen Routen noch einmal ab, von Süd nach Nord, sprach mit Studentinnen, Lehrerinnen, Gründerinnen, mit Überlebenden von Gewaltattacken und Journalistinnen – kurz: mit vielen indischen Frauen. 

Der Filmemacher Shammi Singh. 

Wie hat sich sein Bild der indischen Frau verändert? Welche Rolle spielte seine eigene Herkunft dabei? 

Wir haben mit ihm über seine Doku und Reise gesprochen.

Shammi, wieso muss ein Mann losziehen, um die Wahrheit über Frauen in Indien zu finden? Können sie die nicht selbst erzählen?

Diese Frage habe ich mir gar nicht gestellt. Ich interessiere mich in erster Linie als Mensch für das Thema Gleichberechtigung und als Mensch wollte ich Frauen eine Plattform bieten, auf der sie von ihren Erfahrungen erzählen. Mein eigenes Geschlecht ist für mich dabei in den Hintergrund gerückt.

Du bezeichnest dich selbst als feministischen Filmemacher. Was bedeutet das für dich und wozu braucht es sowas?

Für mich bedeutet es, dass ich mich mit Gleichberechtigung auseinandersetze und versuche, hier einen Beitrag zu leisten. Das braucht es, weil jeder Mensch – auch ich als Mann – Teil der Veränderung ist. Wir alle müssen uns bewegen. Viele der Frauen, die ich in Indien interviewt habe, sprachen von diesem "wir": Dass wir nur gemeinsam etwas verändern können. Ich versuche einfach nur, mit gutem Beispiel voran zu gehen 

Den Trailer zu Shammis Film gibt es hier: 

Wie kamst du auf die Idee, eine Doku über Frauen in Indien zu drehen?

Da kamen zwei Dinge zusammen. Ich war immer fasziniert von dem Land, aus dem auch mein Vater kam. In den vergangenen zehn Jahren bin ich mehrmals dort gewesen und plante gerade eine längere Reise, als die Metoo-Debatte hier losging. Das hat mich ziemlich politisiert und ich dachte: Eigentlich ein ziemlich spannendes Thema, auch oder gerade in Indien. Wir kennen ja alle die Zeitungsartikel über Vergewaltigungen. 

Wie sieht die Realität indischer Frauen aus?

Es gibt nicht die eine Realität, sondern viele. Das Land ist so divers, allein die regionalen Unterschiede machen es unmöglich, eine einheitliche Aussage über irgendwas zu treffen. Vor allem in Städten leben unglaublich unabhängige Frauen, die ein sehr fortschrittliches Gesellschaftsbild leben. In den ländlichen Regionen ist das häufig anders: Männer treffen Entscheidungen, Mädchen werden früh verheiratet.

Aber auch in ärmeren Familien kann eine Frau das Oberhaupt sein, je nach Region, Familie, Kaste, Charakter, Entwicklung. Gerade die jüngeren Generationen scheinen mit einem anderen Selbstverständnis aufzuwachsen.

Das hat auch was mit dem Wandel im Land allgemein zu tun. Ich war vor zehn Jahren das erste Mal in Indien und fand total krass, wie sich alle Orte verändert haben. Es gibt noch mehr Menschen, Fahrzeuge, jeder hat ein Smartphone, in den Großstädten lassen sich Menschen mit Uber Lebensmittel nach Hause liefern. In mancher Hinsicht sind sie dort weiter als wir hier.

Deine Doku führst du ein mit dem Satz: "Wir hören immer nur die schrecklichen Geschichten und niemand erzählt uns von Frauen, die unabhängig und unbesorgt leben können.“ Leben sie wirklich unbesorgt?

Selbstbestimmt wäre wohl das bessere Wort. Ich glaube schon, dass es diese Frauen und einen Wandel gibt, den wir auch wahrnehmen müssen, um ihn weiter voranzutreiben.

Die Frau kümmert sich ums Essen – das hat sich bis heute in Indien kaum geändert.

Wer oder was hat dich auf dieser Reise am meisten überrascht?

Allen meinen Interviewpartnerinnen war sofort klar, was sie sagen wollten. Sie wirkten unheimlich politisiert und waren sich ihrer Rolle als Frau und den Problemen sehr bewusst. Viele fanden aber schade, dass indische Frauen in Medien hauptsächlich als Opfer dargestellt werden. Zwei Journalistinnen, die ich interviewt habe, sprachen darüber, wie wichtig es war, dass der Metoo-Moment auch in Indien ankam. Weil Frauen dadurch feiern konnte, was sie bereits erreicht haben. Zu zeigen: Ich fühle mich in der Lage, "me too" zu sagen.

Was ich noch spannend fand war, dass finanzielle Unabhängigkeit keine alleinige Antwort ist. Die freie Journalistin Vatsala aus Bangalore erzählte mir beispielsweise, wie viele erfolgreiche Frauen aufhören zu arbeiten, weil der Mann ausreichend verdient. Die Familien erwarten das von ihnen, damit sie sich der Familie widmen, oder weil es als Statussymbol gilt. Auf die Frage, was Unabhängigkeit für sie bedeutet, sagte Vatsala: "It’s a mindset." Und das zu ändern dauert eben lange.

Shammi bei einem Interview auf seiner Reise. 

In deinem Film kommen vor allem Frauen vor, die in der urbanen Mittel- oder Oberschicht leben, eine gewisse Bildung vorweisen können. Fehlt hier nicht ein großer Teil der "Wahrheit"?

Das stimmt. Ich wusste, dass ich es nie schaffen würde, alle Perspektiven abzubilden. Zum Beispiel hätte ich gern mehr auf dem Land recherchiert, aber der Zugang hat mir gefehlt, allein sprachlich. Dafür hätte ich je nach Region verschiedene Übersetzer gebraucht und bei einem Do-it-Yourself-Projekt ist das kaum möglich.

Ich habe dann versucht, die Lücke anders zu schließen, in dem ich beispielsweise mit einer NGO gesprochen habe, die Mikrokredite für Frauen in den ländlichen Regionen vergibt.

Oder Neetu und Shabnam, zwei Überlebende von Säureattacken, die in bildungsfernen Schichten aufgewachsen sind. Shabnam ist Muslima und arbeitete schon als Teenager in einer Textilfabrik. Mit 15 gab sie den Job auf, weil der Chef ihr nachstellte. Als Rache übergoss er sie mit Säure. Das passiert in Indien häufig. Die Mehrheit der Gewalt gegen Frauen ist in Indien, wie bei uns und überall auf der Welt, auf Bekannte und Verwandte zurückzuführen.

Shabnam und Neetu haben Säureattacken überlebt. 

Heute ist Shabnam 29 und gehört zu Sheroes’ Hangout, einem Café, in dem nur Überlebende von Säureattacken arbeiten. Shabnam ging lange Zeit nach der Attacke nur verschleiert aus dem Haus, mittlerweile verschleiert sie sich gar nicht mehr. Sie wurde auch verheiratet, zu ihrem Mann hat sie aber keinen Kontakt mehr. Sie steht für mich dafür, dass man alles, was einen laut Gesellschaft definiert, ablegen kann. Auch als Frau, auch in Indien. 

Du bist Sohn eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter. Wie hat die Herkunft deines Vaters deine Wahrnehmung von Gleichberechtigung beeinflusst?

Eigentlich gar nicht. Mit meinem Vater war ich nie in Indien. Er ist vor zehn Jahren gestorben und auch davor habe ich lange mit meiner Mutter allein gelebt. Ich glaube eher, dass sie mich geprägt hat, weil sie mit vielen Schicksalsschlägen umgehen musste und drei Kinder alleine groß gezogen hat. Das hat mir vor allem rückblickend gezeigt, wie unglaublich stark eine Frau oft sein muss. Und was das überhaupt bedeutet: Stärke. 


Grün

Ernährungsstudie: Vegetarisch leben ist ansteckend
Und das könnte das Klima positiv beeinflussen

Einer der größten Faktoren des Klimawandels ist: die Landwirtschaft. Vor allem die Massentierhaltung trägt zur Erderwärmung bei – laut einem Uno-Bericht sorgt sie für etwa 14,5 Prozent der Treibhausgas-Emissionen, für die der Mensch verantwortlich ist. Ein Weg, den Klimawandel effizient zu bekämpfen, wäre wohl, wenn die Menschheit deutlich weniger Fleisch essen würde.

In Deutschland ist der Fleischkonsum zwar leicht rückläufig, weltweit betrachtet ist in den kommenden Jahren aber mit einer weiteren Steigerung der Fleischproduktion zu rechnen – und damit mit noch mehr CO2-Emissionen. Um diese Entwicklung abzuwenden, müsste sich die Ernährung der Menschheit drastisch ändern: Laut Forschern dürfte jeder Mensch nur noch etwa 300 Gramm Fleisch pro Woche essen, um schwere Umweltschäden in Zukunft zu vermeiden – das entspricht einem Steak oder fünf bis sechs Mettbrötchen. Jede und jeder Deutsche isst derzeit jedoch rund 1,15 Kilo Fleisch pro Woche. (SPIEGEL ONLINE)

Wie ist es also möglich, die Menschheit von einer klimafreundlicheren Ernährung zu überzeugen?

Mit dieser Frage hat sich ein Team um die Wissenschaftlerin Sibel Eker am Internationalen Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Österreich beschäftigt.