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Muslime und andere Minderheiten können durch neue Gesetze ihre Bürgerrechte verlieren.

Faisal sagt, er habe sich früher frei durch Delhi bewegt. Jetzt fürchtet er jeden Schritt auf die Straße. "Immer wenn ich plane rauszugehen, frage ich Freunde, ob sie mich begleiten. Zur Sicherheit."

Faisal ist 26, er lebt seit drei Jahren in Delhi, ist Doktorand an einer großen Universität. Er wohnt in einer WG mit zwei Feunden. Sie alle stammen aus Kaschmir. Sie sind Muslime. Und sie fürchten sich vor Übergriffen.

Mit ihrer Angst sind sie nicht alleine. Denn einige Viertel Delhis glichen in den vergangenen Tagen einem Kriegsschauplatz. Ausgebrannte Autos und Häuser säumen Straßen, auf denen Steine und Geröll liegen. In den schlimmsten Unruhen des Landes seit den Achtzigerjahren starben mindestens 20 Menschen, die meisten von ihnen Muslime. (SPIEGEL) Der Anlass:

Dem indischen Premierminister Narendra Modi wird vorgeworfen, die größte Demokratie der Welt zu einem Hindu-Staat machen zu wollen (SPIEGEL). Besonders benachteiligt wären die Muslime im Land, die schon vor zehn Jahren rund 14 Prozent der Bevölkerung ausmachten und damit die größte Minderheit im Land sind. Deshalb zogen Tausende auf die Straßen, vielerorts verlief der Protest friedlich - aber nicht überall. Denn Modi hat treue Anhänger. (Guardian

"Da ist diese ständige Furcht in meinem Herzen, dass jeder Zeit ein neuer Ausbruch passieren kann. Wir alle haben panische Angst", erklärt Faisal gegenüber bento.

In seiner Kindheit und Jugend lebte Faisal in Kaschmir. Das im Himalaya gelegene Gebiet ist von Indien, Pakistan und China umkämpft, der junge Mann kennt unsichere Lebensumstände: "Die Region, in der ich groß geworden bin, ist voller Menschenrechtsverstöße. Alle paar Monate kommt es dort zu schrecklichen Verbrechen." 

Eigentlich wollte er all das hinter sich lassen. Der 26-Jährige sagt, die Gewalt fühle sich für ihn wie eine Welle an, die ihm aus Kaschmir gefolgt sei. Über ihn und seine Kolleginnen und Kollegen an der Universität, die aus Delhi stammen, seien die Vorfälle unvorhergesehen hereingebrochen. "Die Angst fühlt sich an wie unerträglich drückende Hitze. Und das mitten in dem Teil des Landes, den ich für am sichersten gehalten habe", erzählt er.

Ein Mann wird während der Ausschreitungen in Delhi angegriffen

(Bild: Reuters)

Faisal ist erschüttert, nicht nur über die tödlichen Ausschreitungen, sondern über die gesamte politische Entwicklung in Indien. Denn Menschen wie er könnten ihre Staatsbürgerschaft verlieren:

Die indische Regierung plant unter der hinduistisch-nationalistischen Regierungspartei BJP ein landesweites Bürgerschaftsgesetz. Es soll dafür sorgen, dass Einwanderer aus Afghanistan, Pakistan und Bangladesch, die in ihren Herkunftsländern unter religiöser Verfolgung leiden, schneller als Inder anerkannt werden. Es ist also ein vorteil für Sikhs oder Christen. Muslime werden grundsätzlich als nicht verfolgt eingestuft. Sie würden also nicht beschleunigt Bürgerrechte erhalten. 

Zusätzlich ist ein Bürgerverzeichnis geplant, das dazu dienen soll, illegale Einwanderer ausfindig zu machen. Als illegaler Einwanderer gilt, wer nicht nachweisen kann, dass die Familie indisch ist. Dafür müssen diverse Nachweise zum Familienstammbaum erbracht werden. Diese Dokumente zu beschaffen ist besonders für arme und analphabetische Inder sehr schwierig, teilweise unmöglich. Muslime sind aber auch überdurchschnittlich von Armut betroffen. Das heißt, ihnen kann zunächst der Eintrag in das Bürgerverzeichnis schwer fallen. Und wenn sie dann nicht eingetragen sind, gibt es hohe Hürden, die Staatsbürgerschaft erneut zu beantragen – selbst, wenn ihre Familien schon seit Generationen in Indien leben.

Experten sehen diese Veränderungen kritisch – insbesondere, dass die beschleunigte Staatsbürgerschaft an die Religion geknüpft ist.

Faisal sieht die Erfassung von Bürgern eigentlich nicht als Problem. "Wäre der Vorgang nicht in seinen Grundsätzen diskriminierend", fügt er hinzu. "Dass Muslime ausgeschlossen bleiben, ist nicht akzeptabel." 

Wie es für ihn ohne eine Staatsbürgerschaft weitergehen könnte, kann er sich nicht ausmalen. "Ich könnte dann meine Rechte verlieren", sagt Faisal. "Ich kann nicht beweisen, dass meine Vorfahren Inder waren. Und weil ich Muslim bin, habe ich kaum eine Möglichkeit, die indische Staatsbürgerschaft zu erhalten."

Viele Muslime haben bei den Auseinandersetzungen Häuser und Besitz verloren

Die Änderungen der Bürgerschaftsregelungen haben Anhänger, aber auch Gegner. In wochenlangen, größtenteils friedlichen Protesten, gingen beide Seiten auf die Straßen. Am 23. Februar brachen dann die tödlichen Straßenkämpfe in der Hauptstadt aus, sie dauerten rund drei Tage an. Die Arbeit der Polizei scheint fragwürdig, Augenzeugen berichten sogar von Angriffen durch Polizisten (BBC). 

Während der Proteste wurden überwiegend muslimische Stadtviertel in Delhi attackiert, Geschäfte, Wohnungen und Autos in Brand gesteckt. Viele Muslime suchten nach den Ausschreitungen Schutz, weil die Häuser vieler zerstört wurden, etwa im Viertel Mustafabad. Besonders Frauen trauen sich nicht zurück – sie berichten von Mobs an Männern, die mit Vergewaltigung drohen, damit sie gezwungen wären, "hinduistische Götter" zu gebären. (Guardian)

Demonstrantinnen und Demonstranten vor der Jamia Millia Islamia Universität in Delhi protestieren gegen die geplante Gesetzgebung

(Bild: Reuters)

Indiens Premierminister schweigt bisher zu den Vorfällen. Während am Dienstag Mobs junger Männer durch die Straßen Delhis zogen, Menschen zu Tode prügelten und Häuser in Brand steckten (Guardian), rief er in einem Tweet dazu auf "Frieden und Brüderlichkeit zu erhalten".

Faisal befürchtet, dass ich die Situation nicht bessern wird. "Das Schweigen der Regierung zeigt, wie unnachgiebig sie ist, trotz der tiefen Spaltung in der Bevölkerung", erklärt er. Er wünscht sich, dass die Ängste von Muslimen gehört werden. "Es wäre angebracht, dass die Regierung auf uns zukommt und mit den Menschen spricht." 

Der 26-Jährige will die Diskriminierung nicht akzeptieren. Doch er fühlt sich in seinem Widerstand auch hilflos. Die Angst, die er in Kaschmir nicht mehr ertragen konnte, sie hat ihn wieder eingeholt. 


Fühlen

Wie ich 17 Stunden lang Corona-Verdachtsfall war – und erstmals die Panik verstand
Für viele Millennials ist Covid-19 nur ein Meme. Aber für Ältere wird diese Sorglosigkeit gefährlich.

Der Moment, in dem mich die Coronakrise einholte, begann mit einer Gratulation. "Herzlichen Glückwunsch", schrieb mir meine Chefin auf WhatsApp, "dein Urlaubsziel wurde zum Risikogebiet erklärt." Ich solle erst mal nicht ins Büro zurückkommen, bis geklärt sei, ob ich infiziert sei. Die Betriebsärztin schlug gleich Homeoffice für 14 Tagen vor. Wie ein echter Glückwunsch fühlt es sich nicht an. 

Ich war mit meiner Frau und meiner anderthalb Jahre alten Tochter mehrere Tage zum Rodeln in Österreich gewesen, in Tirol. Klar, ich hatte mich kurz vor dem Urlaub informiert, ob unser Ort Risikogebiet ist – war er nicht. Und ich hatte auf der Seite des Robert Koch-Instituts nachgelesen, wie gefährdet Kleinkinder sind – sie sind quasi ein Anti-Viren-Bollwerk. Aber wirklich beschäftigt hatte ich mich mit dem Coronavirus bisher nicht. Nun war ich plötzlich mittendrin.

Südtirol in Italien wurde zum Risikogebiet erklärt, mittlerweile hat sich das ganze Land abgeschottet. Das betrifft zwar nicht das nördliche Tirol in Österreich – aber die Ärztinnen, mit denen ich in den kommenden Tagen sprach, wollten lieber auf Nummer sicher gehen.

Für viele Millennials ist Corona nicht mehr als ein Meme

Alles rund um Corona und Covid-19 war mir in den vorangegangenen Wochen ziemlich egal gewesen. Vieles, was ich auf Social Media gesehen habe, empfand ich eher als Panikmache. Oder als Rassismus (bento). Die politischen und wirtschaftlichen Dimensionen hinter dem, was manche schon abfällig als "Corona-Hype" bezeichnen, interessierten mich mehr als die eine simple Frage, wie gefährlich dieses Virus nun ist. Denn was soll schon sein? Ich bin Anfang 30, ich bin kerngesund. Mir passiert schon nichts, dachte ich.

Und ich bin scheinbar nicht allein mit dieser Haltung: In keiner meiner WhatsApp-Gruppen, nicht auf Instagram und nicht auf TikTok habe ich ernsthafte Auseinandersetzungen mit der Krankheit gesehen. Freunde und Bekannte in meinem Alter teilen Meldungen über die Lage für Geflüchtete in Griechenland oder den Führungsstreit in der CDU – Updates zum Coronavirus interessierten sie kaum. Wenn das Virus Thema wurde, dann nur als Meme. 

Eine Freundin verlinkte einen Artikel, der Masturbation zur Stärkung des Immunsystems empfahl. Andere likten einen Tweet, der Gesundheitsminister Jens Spahn als Macarena-Tänzer verspottet: