Was, wenn das Mittelalter nur eine Erfindung von Otto dem Dritten gewesen wäre, um sich vor der Nachwelt wichtig zu machen? Wenn Burgen erst später gebaut und Urkunden gefälscht worden wären? Philipp Schmid, 30 Jahre alt, dunkelblaues Hemd, blonder Kurzhaarschnitt, beige Hose, blickt grinsend in den Saal. Etwa 100 Kinderärzte, Gesundheitsexpertinnen und Behördenvertreter schauen ihn irritiert an – was sollen diese Fragen auf einer Impfkonferenz? 

"Wir wissen nicht, wie wir auf solche Sprüche reagieren sollen, selbst wenn wir wissen, dass sie falsch sind", beantwortet Philipp die Frage schließlich selbst. Nachdenkliches Nicken im Publikum.

Für viele hier ist er wohl so etwas wie ein Vorbild. Der 30-jährige Psychologe hat seine Promotion an der Uni Erfurt noch nicht ganz abgeschlossen, aber bereits einen international beachteten Ratgeber für die Weltgesundheitsorganisation WHO geschrieben. Thema ist nicht das Mittelalter, sondern der Umgang mit Impfgegnern. Philipp meint zu wissen, wie man sie bezwingen kann – damit hat er vielen Ärzten etwas voraus.

Seit Monaten wird über das Thema diskutiert: Wie können wir den Impfschutz in Deutschland wirksam verbessern? 

Im Januar erklärte die WHO Impfgegner zur globalen Bedrohung – im vergangenen Jahr steckten sich in Europa drei Mal so viele Menschen mit Masern an wie in den zwölf Monaten davor. Es war der stärkste Anstieg seit Jahren. Auch in Deutschland sorgte die Rückkehr vergessen geglaubter Krankheiten für Schlagzeilen.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte deshalb vor wenigen Wochen an, noch in diesem Jahr eine Masern-Impfpflicht für Kinder durchsetzen zu wollen. Wer sich nicht daran hält, soll Tausende Euro Bußgeld zahlen und seine Kinder nicht mehr zur Kita schicken dürfen.

Philipp hält von Spahns Strategie nicht viel. Er ist fürs Impfen, aber er will den Streit darüber mit Worten gewinnen. Er ist überzeugt, dass Menschen verstehen müssen, weshalb Impfungen gegen Masern, Keuchhusten oder Tetanus wichtig für ihre Gesundheit und die ihrer Mitmenschen sind. "Eine Pflicht verhindert, dass wir uns bewusst damit auseinandersetzen. Auf Dauer stärkt das nur die Impfgegner", sagt Philipp.

Mit dieser Haltung kam er auch auf der Nationalen Impfkonferenz, die vor wenigen Tagen in Hamburg stattfand, gut an. Zwischen holzvertäfelten Wänden und Ausroll-Postern übers Händewaschen diskutierten Fachleute zwei Tage lang über das Thema. Kaum ein Workshop bekam jedoch so viel Aufmerksamkeit wie der von Philipp zu "Fake News" bei Impfgegnern. Er fand zeitgleich mit drei anderen statt, geleitet von Professoren und Universitätsmedizinern. Doch bei keinem war so viel los wie bei Philipp.

Viele Ärzte sind verunsichert: Müssen sie künftig mit ihren Patientinnen und Patienten wie eine Art Gesundheitspolizei sprechen? 

Philipp rät, nicht mit jedem Impfgegner zu diskutieren. Und zu akzeptieren, dass es Menschen gibt, die sich selbst vom besten Argument nicht überzeugen lassen werden.

Ihm selbst dürfte das schwer fallen: Philipp diskutiert und debattiert schon seit seiner Schulzeit. Auf die Impfdebatte wurde er dagegen erst über einen Studentenjob im Psychologie-Studium aufmerksam. Doch das Thema wurde schnell zu seiner Mission. Philipp hatte etwas gefunden, über das er auch außerhalb der Uni nachdenken konnte. Eine Diskussion, bei der sowohl sein akademisches Wissen als auch seine rhetorischen Fähigkeiten etwas bewirken konnten.

Philipp schrieb schließlich seine Bachelorarbeit über "Impfakzeptanz", später auch die Masterarbeit. An der Doktorarbeit sitzt er gerade noch. Nebenbei arbeitet er in mehreren Forschungsprojekten zum Thema. Inzwischen schicke ihn seine Professorin oft vor, wenn es um Vorträge geht, erzählt Philipp.

Dass er etwas zu sagen hat, merkt man auch seiner Präsentation auf der Impfkonferenz an. Während andere Referierende mit gesenktem Kopf Zahlenreihen vortragen, spricht Philipp nicht nur über Verschwörungstheorien zum Mittelalter, sondern zeigt auch Videos und Memes. Er kämpft um die Aufmerksamkeit seiner Zuhörerinnen und Zuhörer.

Genau das ist Philipps Botschaft an die Ärzte: Wer Patienten davon überzeugen will, dass Impfungen wichtig für ihre Gesundheit sind, muss kämpfen, sich vorbereiten. "Viele Menschen wissen, dass Impfungen wichtig sind, aber warum das so ist, mussten sie noch nie begründen." Wer sich als Impfgegner oute, habe sich dagegen bereits meist mit vielen Argumenten bewaffnet, sagt Philipp.

"Cultural Truism" nennen Psychologen das Phänomen, dass wir manche Gewohnheiten akzeptieren, ohne sie zu hinterfragen: Möglichst dreimal täglich Zähneputzen, morgens die Unterwäsche wechseln. Oder sich impfen lassen. Doch warum bröckelt ausgerechnet diese Gewissheit in jüngerer Vergangenheit?

Während Philipp darüber spricht, ist hinter ihm das Bild einer jungen Frau mit Aluhut zu sehen. Er erklärt mit psychologischen Studien und Beispielen, wie Menschen zu Impfgegnern werden und warum das Thema so gut zu Diskussionen um Klimawandel, Migration und vermeintliche "Fake News" passt. Je unübersichtlicher unsere Welt wird, desto beliebter werden einfache Erklärungen, heißt es oft. Doch reicht das als Erklärung?

Studien zeigen, dass Nonkonformismus, also Unangepasstheit, bei manchen Menschen ein regelrechtes Persönlichkeitsmerkmal ist. "Ich sehe das anders" ist ein Spruch, der bei solchen Leuten den Protest schon ankündigt, noch bevor sie erklären, was sie eigentlich anders sehen. Wer so tickt, freut sich regelrecht, anderen die eigene Skepsis auf die Nase binden zu können. Was, wenn Impfen wirklich krank macht? Oder sogar Autismus begünstigt? Ging es nicht auch 5000 Jahre lang ohne Masernimpfungen?

Manche Menschen nervt diese Haltung, andere finden es aber auch spannend. "Freunde kann man sich leider aussuchen", sagt Philipp grinsend. Er rät den Fachleuten deshalb, nicht bei den Impfgegnern um Verständnis zu werben, sondern bei ihrem Umfeld. In Deutschland ist, trotz aller Warnrufe, die Impfquote noch vergleichsweise hoch. Viele mögen verunsichert sein, vielleicht auch skeptisch. Auch unklare Kosten, mangelnde Aufklärung und der fehlende Zugang zu Ärzten spielen eine wichtige Rolle. 

Die meisten Menschen wollen sich aber offensichtlich schützen. Der harte Kern der Impfgegner mache am Ende höchstens ein Prozent der Bevölkerung aus, schätzt man beispielsweise an der Charité in Berlin. Doch auch das wären noch Hunderttausende Deutsche.

Wie spricht man mit denen, die Impfungen grundsätzlich ablehnen? Wie können sich Kinderärzte wehren, wenn in öffentlichen Diskussionen plötzlich ihre Schlagfertigkeit mehr zählt als ihre fachliche Kompetenz?

Philipp hat mit seiner Professorin für solche Gespräche eine Leitfaden entwickelt, der aus vielen lila, orangenen und türkisen Karten besteht. Was auf ihnen steht, erinnert ein bisschen an Brettspiele oder Kochbücher: Wenn das passiert, tue dies, tue jenes. 

Es ist so etwas wie ein Rezept für Ärzte, die bislang noch keine Therapie gegen Impfgegner gefunden haben.

Ganz am Anfang des Leitfadens steht eine Frage, von der man denken könnte, dass sie überflüssig ist: “Gibt es ein Argument?" Sie soll die Nutzerinnen und Nutzer des “Algorithmus” innehalten und überlegen lassen: Auf was muss ich hier eigentlich reagieren? 

Wenn es den Gesprächspartnern offensichtlich nur Gefühle ansprechen oder rhetorische ablenken wollen (“Impfen ist doch Sozialismus, das hatten wir schon mal!”), rät Philipp, das direkt anzusprechen. Andere Zuhörerinnen und Zuhörer sollen so merken, dass es um Manipulation geht, nicht um eine echte Auseinandersetzung.

Im Publikum halten jetzt ein paar ältere Zuhörer ihre Smartphones hoch, um Philipps Anleitung zu fotografieren. 

Andere Karten zeigen, wie man auf inhaltliche Fragen reagiert. Wenn Patienten in der Sprechstunde fragen, ob Impfungen für Kinder "hundertprozentig sicher" sind, sollen Ärzte im Gespräch offen darauf eingehen, dass so etwas in der Medizin praktisch nie möglich ist, Nicht-Impfen in fast allen Fällen aber deutlich gefährlicher. 

Philipp diskutiert mit seinen Zuhörern über den Leitfaden. Viele im Raum haben eigene Erfahrungen, sie scheinen froh zu sein, auf der Impfkonferenz endlich einmal darüber sprechen können. Wo braucht es die Empathie eines geduldigen Hausarztes und wo die Entschlossenheit des studierten Experten, der sich eben auskennt?

Auf die Frage, ob Impfungen nicht nur ein gutes Geschäft für Pharma-Lobbyisten und Ärztinnen seien, rät ein älterer Mediziner, mit Humor zu kontern: "Wir hätten doch viel mehr zu verdienen, wenn alle hier ungeimpft sind!"

Philipp gefallen solche Diskussionen. Er will, dass sich die Ärzte bewusst machen, wie Debatten funktionieren und was Worte bewirken können. Warum Begriffe wie "Kinderkrankheiten" im Gespräch mit Patienten vielleicht harmloser klingen, als es eigentlich gemeint ist. Im Medizin-Studium spielt so etwas bislang kaum eine Rolle. Doch in der Auseinandersetzung mit verunsicherten Patienten könnte es am Ende hilfreicher sein als eine Impfpflicht. 

Als Philipp mit seinem Vortrag fertig ist, stehen einige Zuhörerinnen geduldig vor der Bühne, um ihm noch Nachfragen zu stellen. Viele sehen es wie ein Kinderarzt im Jeanshemd, der sich gegen Ende der Präsentation nachdenklich zu Wort gemeldet hatte. Er sagte: "Wir verstecken uns oft hinter unserem Fachwissen. Manchmal ist es aber vielleicht auch gut, gar nicht der Schlauste zu sein, sondern zu überzeugen." Philipp lächelt freundlich.


Future

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Und was willst du später werden? Diese Frage haben wir schon gehört, als wir noch nicht mal richtig lesen und schreiben konnten. Wohl nur selten haben Mädchen geantwortet: "Ich werde mal als Ingenieurin arbeiten."

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Nach ihrem Grundschulpädagogik-Studium und dem Master in "Medien und Bildung" arbeitet sie nun an der TU für den Bereich "Didaktik in der Informatik".