Bild: Ministry of National Defence Greece
"Das waren Szenen wie im Krieg"

Kampfjets im Tiefflug, bewaffnete Soldaten durchkämmen die Felder, Mütter rennen in Panik zu ihren Kindern: Ausgerechnet in Idomeni hat Griechenland vergangene Woche seine Armee aufmarschieren lassen – dort, wo tausende Flüchtlinge aus den Kriegsländern Syrien und Afghanistan auf Sicherheit hoffen. Der Fotograf David Lohmüller aus Deutschland war mit seiner Kamera dabei. Wir haben mit ihm gesprochen.

David, auf YouTube hast du am Donnerstag ein Video veröffentlicht, das mehr an Syrien als an Europa erinnert. Was war da los?

Wir waren gerade dabei, Bananen zu verteilen, als es gegen zwölf Uhr plötzlich einen riesigen Aufruhr gab. Im Tiefflug donnerten ein Dutzend Düsenjäger über unsere Köpfe hinweg. Über dem Acker neben dem Camp landeten Hubschrauber, bewaffnete Jeeps fuhren auf. Vielleicht 80 bis 100 Soldaten kamen über das Feld gerannt. Und über ihnen Kampfhubschrauber und die Düsenjets. Das waren Szene wie im Krieg.

Wie haben die Flüchtlinge darauf reagiert?

Die Leute waren total verstört. Kinder haben geschrien, Mütter haben geweint, rannten hin und her und holten ihre Kinder weg. Viele Menschen haben in Häusern Schutz gesucht. Viele hatten nervliche Zusammenbrüche. Niemand wusste ja, was da passiert.

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Es gab also keine Ankündigung?

Nein, niemand wusste etwas. Im WhatsApp-Chat von uns Freiwilligen schrieb dann irgendwann jemand, dass es eine Militärübung sei und wir nichts zu befürchten hätten. Ab dann wussten wir erst Bescheid und konnten losgehen und versuchen, die Leute zu beruhigen. Wir haben die Kinder umarmt und sie versucht zu trösten.

Das griechische Verteidigungsministerium spricht davon, es habe mit der Übung auf die steigende Militärpräsenz auf der mazedonischen Seite reagiert.

Ja, es wird dargestellt als Machtdemonstration zwischen Griechenland und Mazedonien. Aber keiner kann erklären, warum das ausgerechnet über Idomeni stattfinden muss, warum hier Soldaten auf den Äcker marschieren müssen. Die mazedonische Grenze ist sehr lang – es gäbe viele andere Möglichkeiten. Der Verdacht schwingt natürlich die ganze Zeit mit, dass damit die Menschen hier veranlasst werden sollen, wegzugehen. Nach den Ereignissen von Sonntag waren die Leute ohnehin schon verunsichert und extrem empfindlich, was solche Dinge angeht.

Operation "PYRPOLITIS 1/16"

Mit dem Manöver reagierte die griechische Armee nach eigenen Aussagen auf die gestiegene ausländische Militärpräsenz an den Grenzen des Landes. In einer Pressemitteilung gab das Verteidigungsministerium bekannt, dass man mit der Übung, die auch auf Inseln in der Ägäis stattfand, sowohl auf Luftraumverletzungen durch die Türkei als auch auf der Zunahme von Soldaten auf der mazedonischen Seite der Grenze reagiere.

Zuvor hatte die mazedonische Armee der griechischen Regierung vorgeworfen, tatenlos zuzusehen, wie Flüchtlinge ihre Polizisten angriffen. Die griechische Polizei hingegen sprach von einem "unverhältnismäßigen Einsatz von Chemikalien, Gummigeschossen und Blendgranaten gegen wehrlose Menschen". Auch Augenzeugen wie David bestätigen diese Version.

Was war Sonntag passiert?

Es ging das Gerücht herum, dass Mazedonien die Grenze öffnen würde, wenn genügend Menschen zusammen kommen. Wir haben die Leute versucht davon zu überzeugen, dass das nicht passieren wird. Aber sie klammern sich eben an jede kleinste Hoffnung. Schließlich standen 5000 Flüchtlinge mit Sack und Pack vor dem Grenzzaun. Als ihnen klargemacht wurde, dass die Grenze nicht öffnen wird, haben Einzelne am Zaun gerüttelt und sind hoch geklettert. Die mazedonischen Soldaten haben sofort Tränengas eingesetzt.

Den ganzen Tag über haben sie mit Tränengas und Gummigeschossen geschossen. Gegen Mittag eskalierte es dann völlig. Ein paar Jugendliche haben Steine geworfen, die mazedonische Armee hat daraufhin alles mit Blendgranaten eingedeckt. Die Granaten flogen bis in den Familienbereich und bis zu den Zelten von "Ärzte ohne Grenzen". Wir haben bis in die Nacht hinein versucht, Familien zu wegzubringen und Zelte weggeschleppt. Als am Abend der nächste Schwall kam, war es schon fast Normalität. Schon skurril, wie man sich an solche Dinge gewöhnt.

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Wie ist die Stimmung unter den Flüchtlingen nach all den Wochen?

Ich bin langsam selber so schlapp, dass ich das kaum noch sagen kann. Die meisten sind schon sehr resigniert. Es werden jeden Tag weniger. Vor zwei Wochen waren es noch 12.000, jetzt sind es 10.000. Und nach der Militärübung am Donnerstag ist noch einmal eine große Zahl gegangen.

Viele versuchen, über die Berge nach Mazedonien zu kommen, begeben sich in die Hand von Schmugglerbanden. Immer wieder fragen Leute nach Wanderkarten für Bulgarien. Aber nur wenige gehen in die offiziellen Camps. Die Situation ist dort auch miserabel und es gibt keine freiwilligen Helfer. In Idomeni haben sie zumindest noch etwas Freiheit.

Wer ist David Lohmüller?

Der Freiburger Fotograf hilft seit dreieinhalb Wochen als Freiwilliger in Idomeni. Unter anderem verteilt er jeden Morgen tausende Bananen an Kinder. Vor kurzem hat er sein eigenes Hilfsprojekt gestartet. Mit #LightenUpIdomeni bringt er Solarleuchten und damit etwas Lebensqualität in die dunklen Zelte der Flüchtlinge. Rund 1000 hat er schon verteilt. Wer möchte, dass es noch mehr werden kann hier spenden.


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