Bild: Wim Van Cappellen

Dschihadisten in Belgien, Rechtsnationalisten in den USA, Gangs in Chicago und Berlin: Überall da, wo es Ärger gibt, scheinen junge Männer überdurchschnittlich repräsentiert zu sein. 

Warum ist das so? Eine Antwort lautet: Weil ihre Herkunft, Armut und Hautfarbe den Platz in der Gesellschaft mitbestimmen.

Jamil Jivani, 30, hasst diese "Identitätspolitik". 

Jamil ist jung, schwarz und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, er ist Absolvent der Eliteuniversität Yale und politisch liberal. 

Für Menschen wie ihn wurde die Identitätspolitik erfunden. Trotzdem gehört er zu einer Gruppe junger Intellektueller, die ihr den Kampf angesagt haben. 

Jamil glaubt, das liberale Dogma spreche die jungen Männer frei: Schlechte Noten? Der Lehrer ist rassistisch. Keine Jobs? Die Regierung ist Schuld. Im Knast gelandet? Das ist die schwere Kindheit. Immer werde der Fehler im System gesucht, argumentiert Jamil in seinem Buch "Why Young Men".

Jamil arbeitet als Anwalt und ist Aktivist für eine Reihe sozialer Projekte. Er reist um die Welt, trifft die jungen Männer, hält Vorträge in Kongresshallen, in Jugendzentren und Schulen.

Er ist eine Art Sozialarbeiter für harte Jungs: für Gangbanger, Taliban, Gruppenvergewaltiger, Islamisten, Kleinkriminelle und Kapitalverbrecher. Sein Buch erzählt davon.

Jamil, in deinem Buch schreibst du über innerstädtische Gangs in Chicago, ISIS-Rekruten in Belgien und weiße Nationalisten in den USA: Was haben sie alle gemeinsam?

Es sind junge Männer, die bereit sind, ihre Moral einer gewalttätigen Gruppenidentität unterzuordnen. Mein Buch untersucht, warum sie sich zu gewalttätigen Gruppen hingezogen fühlen. Und zieht Rückschlüsse auf die westliche Gesellschaft. 

Warum also junge Männer?

Ein Grund sind soziale Beziehungen. Ich war in meinem Leben selbst kriminellen Netzwerken ausgesetzt, ständig war jemand aus meinem Umfeld im Gefängnis. Die Gangster-Subkultur hat mich schon als Kind fasziniert und Tupac war mein Prophet. 

Ausgerechnet Rap gibst du eine Mitschuld? Hip Hop ist gerade für Kinder of Color Empowerment, ein Weg, sich selbst auf einer Bühne gespiegelt zu sehen. 

Ja, manchen verleiht Hip Hop eine Stimme, ein paar verdienen Geld damit. Aber Rap ist ein Ort des moralischen Relativismus: Weil ich arm bin, ist es okay Drogen zu verkaufen und weil mein Leben hart ist, kann ich darüber sprechen, Leute zu erschießen. Jay Z. ist ein 49-jähriger Milliardär, der immer noch darüber rappt, dass er nicht bereut, Drogen verkauft zu haben. Wenn Warren Buffet oder Bill Gates sowas im Fernsehen erzählen würden, die Menschen würden sagen: Die sind irrre. 

Buffet und Gates sind weiß und kommen aus sehr privilegierten Elternhäusern. Kriminalität hängt doch auch mit prekärer Herkunft zusammen – und lässt sich aus Perspektivlosigkeit erklären. 

Es gibt da zwei Lager. Die Einen sagen: Es geht um die eigenen Entscheidungen und persönliche Verantwortung. Die anderen sagen: Es geht darum, wo du geboren wurdest. Wenn ich mit jungen Männern rede, dann betone ich die persönliche Verantwortung. Man darf keine Ausreden zulassen. 

Aber hilft es nicht auch zu wissen, dass die eigene prekäre Situation auch systematische Gründe hat?

Das ist das Problem: Junge Menschen sind in diesem moralischen Relativismus gefangen. Sie glauben, wegen bestimmter Erfahrungen, die sie machen, dürfen sie nach anderen Regeln leben.

Wir haben in Deutschland ein Problem mit der Debatte um Kriminalität durch junge, geflüchtete Männer. Die Boulevardmedien zeichnen ein Bild des impulsiven und aggressiven Flüchtlings. Liberale Stimmen sagen: Wer nicht arbeiten darf, muss eben anders Geld ranschaffen.

Ich denke, das zeigt genau das Problem. Das rechte Medien-Narrativ macht Kriminalität zur Pathologie einer bestimmten kulturellen Gruppe. Von linker Seite schauen wir nur auf strukturelle Hürden und Ungleichheiten. 

Beide haben dasselbe Problem: Die Mehrheit aus der kulturellen Gruppe und die Mehrheit der Armen sind gar nicht kriminell. Aber ihre Perspektive führt auf der rechten Seite zu rassistischen Stereotypen. Und auf der linken zu einer Art Paternalismus: Wir erwarten von dir weniger, weil du von unten kommst. Letzteres Weltbild ist bereits in viele Institutionen gesickert.

Wie meinst du das?

In Nordamerika haben wir Schulen, die es nicht schaffen, arme Jungs mit Minderheitenhintergrund zu bilden. Statt zu sagen: Die Lehrer machen ihren Job nicht, sagen wir:  Es gibt institutionellen Rassismus und deshalb scheitern sie. Bis wir dieses diffuse Problem lösen, das niemand genau messen kann, müssen wir eben damit rechnen, dass die Kinder leiden. 

Aber gerade in den USA kann man institutionellen Rassismus doch sehr gut beziffern. Mit der Aufhebung von Rassentrennung in Schulen zum Beispiel sind die durchschnittlichen akademischen Leistungen damals deutlich gestiegen.  (Studie) Seit die Schulen sich wieder mehr abschotten, sinken sie. "Institutioneller Rassismus" bedeutet doch genau das: Eine solche Häufung, dass sich das in statistischen Daten spiegelt. 

Ja, aber es heißt dann auch: Wenn Schwarze in den USA 15 Prozent der Bevölkerung sind, sollten sie auch 15 Prozent in jeder Institution sein. Wenn sie weniger stellen, erklären wir das mit Rassismus. Und das halte ich für gefährlich. Denn dann geht es nicht mehr um die moralischen Entscheidungen einzelner Menschen – und niemand wird verantwortlich gemacht. Ich glaube auch nicht, dass die Kränkung, jemanden einen Rassisten zu nennen, hilfreich ist.

Wie soll man es denn sonst nennen?

Das Problem ist: Das Wort Rassismus ist überstrapaziert. Wenn wir Rassismus sagen, meinen wir die Vorurteile zwischen Menschen innerhalb eines Systems. Also zum Beispiel Polizisten: Wen sie stoppen, wen sie verhaften, gegenüber wem sie Gewalt anwenden. Das Ziel sollte sein, das zu Individuen zurückzuverfolgen. Wenn ein Polizist mehr Schwarze verhaftet als alle anderen, sollten wir aufmerksam werden. 

Was hältst du vom Begriff "toxische Männlichkeit"? 

Ich benutze das Wort nicht. Viele Männer, die das hören, glauben, man würde sie beleidigen. Obwohl das meist nicht so gemeint ist. Natürlich sind Männer ein Problem, die Männlichkeit mit Aggression und Gewalt gleichsetzen. Und natürlich muss man darüber reden. 

Wie?

Indem man ihnen neue Identitäten gibt, ohne sie zu politisieren. Auch das gilt für Extremisten genauso wie für Gangmitglieder. Erfolgreiche Programme sagen zum Beispiel: Du warst ein gewalttätiger Mann – jetzt wirst du ein guter Vater. Was ist ein guter Vater? Einer, der regelmäßig Unterhalt bezahlt und eine Beziehung zu seinem Kind hat. Es geht um dich als Individuum: Wie hast du dich bisher benommen? Welche Entscheidungen triffst du zukünftig in deinem Leben? Das ist der Unterschied zu Identitätspolitik: Man stellt nicht als Gruppe Anspüche an die Gesellschaft. Es geht um den Einzelnen.


Fühlen

Kann denn Penis Sünde sein? Der Werberat sagt: Ja.

Ist ein symbolisierter Penis, wie ihn wohl jeder mal auf ein verschmutzes Autofenster schmierte, unschuldiger Quatsch? Oder ist der Penis ausnahmlos und vorrangig ein brutales Werkzeug zur Durchsetzung patriarchalischer Machtansprüche über den Körper der Frau – und seine symbolische Darstellung damit ein degradierender Stempel? Dieses Diskussionsthema eines Fortgeschrittenenkurses in Gender Studies zieht sich gerade durch Social Media – wegen eines Smoothies.

Das Problem: Der Hersteller des Produkts hatte es auf genau diese Reaktion abgesehen. Wir sollten sie ihm nicht gönnen.

Der Pubertierendenwitz eines aus Sonnencreme geformten Penis auf dem Rücken einer sich sonnenden Frau war für knapp zwei Wochen im Netz zu sehen. Als Werbung für einen Smoothie, der, warum auch immer, die Optik einer Sonnencremeflasche hatte. Ob die Kalorienbombe nun nach Lotion oder Sperma schmeckt, wollte man bei dem Anblick ungern herausfinden. 

Neben ein paar Schmunzlern und Fragen, ob die Werbeabteilung zu wenig Sauerstoff ins Großhirn bekommt, folgte noch eine andere Reaktion: ein Shitstorm. Das ist bedauerlich, denn genau darauf hat die Firma spekuliert. Weil ihre Kampagnen seit Jahren so funktionieren.

Sie sollen bewirken, dass wir über sie reden, schimpfen und schreiben. Und das hat geklappt.

In den sozialen Kanälen bildeten sich die üblichen Fronten aus Diskriminierungswitternden und Peniswitzverteidigern. Die Firma spielte sich ob des Gegenwinds als Wahrerin der Meinungsfreiheit auf (FAZ). Influencerinnen und Influencer teilten Boykottaufrufe. Manche Menschen forderten, Druck auf die Handelspartner des Unternehmens auszuüben, damit große Ketten das Produkt wegen des schlechten Images meiden und aus dem Sortiment nehmen. 

Am Ende sorgten die vielen Beschwerden dafür, dass zuerst der Österreichische Werberat den Sonnencreme-Penis verbot und zwei Tage später der Deutsche Werberat der Beanstandung folgte.