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Die Mitglieder der rechtsextremen Identitären Bewegung sind nicht viele. Der Verfassungsschutz, der die Gruppe als rechtsextrem einstuft, geht aktuell von gerade mal 500 Personen in Deutschland aus. Auf ihrer eigenen Homepage schreiben die Identitären von nur "300 entschlossenen Aktivisten".

Trotzdem schaffen es die wenigen Identitären immer wieder, mit Aktionen und Demos in Deutschland Stimmung zu machen. 

Im Mittelmeer charterten sie ein Schiff, um Seenotretter an ihrer Arbeit zu hindern, in Berlin besetzten sie das Brandenburger Tor, mit YouTube-Kanälen und Twitter-Kampagnen buhlen sie um Aufmerksamkeit im Netz. In Halle haben die Identitären vor zwei Jahren gar ein eigenes Hausprojekt gestartet, das zur bundesweiten Schaltzentrale für die Neue Rechte wurde.

Wer sind die Identitären?

Die "Identitäre Bewegung" sind Rechtsextreme, die seit 2012 in Deutschland aktiv sind. Die Gruppierung wird vom Verfassungsschutz beobachtet

Flüchtlinge und Zuwanderer islamischen Glaubens werden von den "Identitären" diffamiert. Ihre Ablehnung umschreiben sie als "Ethnopluralismus", was nichts anders als "Ausländer raus" bedeutet. Führende Mitglieder stammen aus rechtsextremen Organisationen oder der Kameradschaftsszene.

Der Wunsch der Identitären: Deutschland vor einer angeblichen "Umvolkung" retten. Und dafür möglichst viele Unterstützerinnen und Unterstützer finden, die die Aktionen der Rechtsextremen finanziell unterstützen. Aber woher kommt das Geld?

Spürt man der Identitären Bewegung im Netz nach, ist die Antwort einfach: Wer das Vaterland retten will, muss einfach nur saufen. 

So suggeriert es zumindest der "IB Laden", der Fanshop der Identitären. Dort wird das "Pils Identitär" verkauft. Wer sechs Flaschen für 24,99 Euro erwirbt, unterstütze damit "patriotische Projekte" in Deutschland und zudem heimische Brauereien statt ausländische. "Dein Geld bleibt bei unseren Leuten", verspricht die Homepage der Identitären.

Aber mit den Bier-Einnahmen allein chartert sich natürlich kein Schiff im Mittelmeer und kauft sich kein Haus in Halle. Also: Wie kommt die Identitäre Bewegung an all das Geld für ihre Aktionen? Und was sagt das über die wahre Größe der selbsternannten "Bewegung" aus?

Nach eigenen Angaben haben die Identitären "1000 Unterstützer und Förderer". Wie viel Geld bringen die mit? Aufschluss geben Kontoauszüge von Identitären, die geleakt wurden. Und Experten wie der Rechtsextremismusforscher Matthias Quent und der Journalist Christian Fuchs, die sich intensiv mit der Vernetzung der Neuen Rechten beschäftigen. Sie sagen, die Identitären haben drei Einkommensquellen:

  1. Mitgliedsbeiträge
  2. Merchandising
  3. Crowdfunding & Spenden

1 Die Mitgliedsbeiträge

Die Gruppe organisiert sich in verschiedenen europäischen Ländern jeweils als Verein. In Deutschland legt die "Identitäre Bewegung Deutschland e. V.". neuen Mitgliedern im Anmeldeformular nahe, monatlich Mitgliedsbeiträge zu überweisen, 5 Euro für Schüler und Studierende oder 10 Euro für Berufstätige. Wer will, kann auch einen eigenen Betrag festlegen. 

Würde man also 10 Euro als Maßstab anlegen, wären das bei den genannten 300 Mitgliedern insgesamt 36.000 Euro im Jahr. Bei 500 Personen 60.000 Euro – oder eben die Hälfte, wenn man davon ausgeht, dass nur Studierende zahlen.

Immer schwingt mit, dass man mit dem Geld die Heimat retten würde, Deutschland vor Schlimmerem bewahren würde. Im Nachbarland Österreich nennen die Identitären ihre Spender zum Beispiel "Heimatschützer" und vergeben "Silber"- und "Gold"-Mitgliedschaften.

2 Das Merchandising

Was die Identitären für ihr Zielpublikum so erfolgreich macht, ist ein Hipsterlook, hinter dem sich die rechte Gesinnung versteckt. Für Rechtsextremismus braucht es keine glattrasierten Schädel mehr – Hoodies und Kaffeebecher mit doppeldeutigen Codes tun es auch. 

In Deutschland werden identitäre Produkte vor allem über den "IB Laden" und "Phalanx Europa" vertrieben. Dahinter steckt ein rechtes Modelabel, das der identitäre Posterboy und Kopf der österreichischen Identitären Martin Sellner mitgegründet hat. Aber auch über Amazon sind viele Produkte aus der rechten Erlebniswelt verfügbar. Neben dem eigenen Bier gibt es Liegestühle, Buttons oder Shirts mit dem Aufdruck "Festung Europa". 

Im Shop findet man ein Shirt mit Dackel-Optik und "Jagen"-Aufschrift. Es erinnert an das Versprechen von AfD-Chef Alexaner Gauland nach der Bundestagswahl, die Regierung "jagen" zu wollen. 

Wie viel Geld die Shops abwerfen, ist fraglich. "Phalanx" bewirbt seine Artikel mit Verkaufszahlen, die wir nicht überprüfen können: 

Die Verkaufsschlager sind angeblich Aufklebersets für 3,50 Euro. Etwa 30 Personen sollen sie pro Monat kaufen. Die Shirts für 24,90 Euro werden nach eigenen Angaben je nach Motiv zwischen fünf und zehn Mal im Monat verkauft. So kämen einige Tausend Euro im Jahr zusammen. 

Zumindest die Staatsanwaltschaft Graz ist vom Gewinn überzeugt. Im Sommer 2018 klagte die Staatsanwaltschaft die identitären Akteure des Shops wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung an. Aus den Erlösen von "Phalanx" sei sowohl ein Einkommen für die Betreiber möglich wie auch zum Teil die Finanzierung von Aktionen der österreichischen Identitären, hieß es in der Anklageschrift. Die Angeklagten wurden freigesprochen, auf ihrem eigenen Blog beschwerten sie sich später über Umsatzeinbrüche von 50 Prozent.

3 Spenden und Crowdfunding

Auf ihrer Homepage buhlen die deutschen Identitären um reiche Gönner, die "jungen, patriotischen Aktivisten dauerhaften Rückhalt" geben. Unabhängig der Mitgliedsbeiträge für Jüngere werden so Interessenten Förderbeiträge von 30, 50 oder 100 Euro im Monat empfohlen – aber natürlich auch andere Summen gerne angenommen. So kommen rasch Zehntausende Euro zusammen. 

Der österreichische Identitäre Martin Sellner profitiert von dieser Spendenbereitschaft. Der "Süddeutschen Zeitung" liegen Kontoauszüge von Sellner vor. Demnach erhielt er allein in den ersten Monaten des Jahres 2018 mehr als 20.000 Euro von etwa 250 Personen aus ganz Europa. Die meisten Spenden stammten von Bankkonten in Deutschland, sie lagen überwiegend zwischen zehn und 500 Euro. 

Sellner ist zentral, wenn es um die Anhäufung von Geldern geht. Auf Twitter folgen ihm mehr als 32.000 Nutzerinnen und Nutzer, auf YouTube erreichen seine Videos je nach Thema zwischen 50.000 und 100.000 Zuschauer. Auch wenn die Identitären nur wenige sind – über das Netz finden sie international Anhängerinnen und Anhänger.

Der wohl berüchtigste Spender von Sellner ist der Christchurch-Attentäter, der Anfang 2019 bei einem fremdenfeindlichen Anschlag 51 Menschen in Neuseeland ermordete. Knapp ein Jahr zuvor hatte er Sellner laut "Süddeutscher Zeitung" 1500 Euro überwiesen. Dieser bedankte sich für die "unglaubliche Spende" und lud den späteren Terroristen nach Wien ein. Das Treffen kam jedoch nicht mehr zustande.

Auf Deutschland seien diese Summen allerdings nicht übertragbar, sagt der Politikwissenschaftler Matthias Quent, der sich am Jenaer Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft mit Rechtsextremismus beschäftigt. "Die deutschen Identitären haben längst nicht solche Strukturen wie die Österreicher, auch fehlt ihnen eine Person wie Sellner", sagt Quent. "Die führenden Köpfe haben nicht so eine Ausstrahlung und auch nicht so viele Follower wie Sellner – entsprechend schwerer ist es, um Spenden zu werben."

  • Was die deutsche Gruppe allerdings hat: die Plattform "Ein Prozent". 

"Ein Prozent" beschreibt sich selbst als Initiative, die "den Widerstand" vernetzen und stärken will. Tatsächlich ist der Verein vor allem eine Crowdfunding-Plattform, der unter anderem die Identitären unterstützt. Über ihre Homepage sammelt "Ein Prozent" Gelder, die rechten Akteuren zugute kommen sollen. Außerdem betreiben sie einen eigenen Onlineshop, ähnlich dem der Identitären. Die Akteure und Standorte in Deutschland seien mit denen der Identitären fast deckungsgleich, sagt Forscher Quent.

Diese Beobachtung trifft auf viele Akteure der Neuen Rechten zu: Verleger, Medienmacher, Demo-Anmelder, YouTuber – einige wenige Identitäre schließen sich mit anderen Rechten zu einem Netzwerk zusammen. Gemeinsam wirken dann die Wenigen wie ein Riese. 

Der rechte Spendenverein "Ein Prozent" vertreibt Bierdeckel für angebliche Patrioten.

"Ein Prozent" wurde Anfang 2016 unter anderem vom rechten Vordenker Götz Kubitschek und von Jürgen Elsässer, Verleger des rechten Hetzmagazins "Compact", gegründet. Heute leitet der 28-jährige Philipp Stein die Plattform. 

2016 konnte "Ein Prozent" nach eigenen Angaben 166.000 Euro in rechte Projekte stecken, im Jahr darauf sollen es bereits 250.000 Euro gewesen sein. Mehr als 40.000 Unterstützerinnen und Unterstützer gebe es, behauptet die Initiative. 

Mit den Geldern werden unter anderem Aktionen der Identitären finanziert und Gerichtskosten beglichen. Nach Recherchen von Christian Fuchs sollen im Verein lediglich elf Personen aktiv sein, darunter ehemalige NPD-Kader und heutige Identitäre. Diese Handvoll allein würde es schaffen, die Neue Rechte "kampagnenfähig" zu machen, so Fuchs. 

Fuchs hat gemeinsam mit seinem Kollegen Paul Middelhoff das Netzwerk der Neuen Rechten in einem Buch skizziert. Darin zeigen sie auf, dass "Ein Prozent" Summen von vielen kleinen Spendern erhält. "Der Verein erhält Gelder, die Pegida mit einer Spendenbox bei den Demonstrationen einsammelt aber auch von größeren Gönnern." Die mit "Ein Prozent" verbundenden Identitären, so schätzt Fuchs, kommen mit all ihren Einnahmen insgesamt noch einmal "auf ein Jahresbudget von höchstens 1.000.000 Euro".

Der bislang größte Posten dürfte das gecharterte Schiff für die Störaktion im Mittelmeer gewesen sein. Nach eigenen Angaben hatten dafür etwa 1200 Spender auf Paypal mehr als 63.000 Euro gesammelt (bento). Als Paypal die Gelder einfror, versuchten es die Identitären erneut und holten über eine von Rechten in den USA betriebene Plattform insgesamt 76.000 Euro. 

Was soll eigentlich das Symbol der Identitären?

Das Erkennungszeichen der Identitären ist der griechische Buchstabe Lambda. Er steht für die Lakedaimonier – gemeint sind die Spartaner. Und auf die wollen sich die Rechten in einer kitschigen Überhöhung der Geschichte berufen. 

In der Schlacht bei Thermopylae hielt eine Handvoll Spartaner einst eine Übermacht aus Persien auf. Die Identitären machen aus der Erzählung nun einen Kulturkampf: Europäer vs. Geflüchtete.

Von wie vielen Personen dieses Geld kommt, lässt sich aber kaum überprüfen, sagt Extremismusforscher Quent vom Jenaer Demokratie-Institut: "Es sieht so aus, als ob sich die Identitären und 'Ein Prozent' durch viele Kleinspenden tragen. Allerdings kann das auch nur der Eindruck sein, den sie erwecken wollen, um als Bewegung von unten zu wirken – und in Wahrheit stehen dann doch nur wenige finanzstarke Akteure dahinter."

Einer dieser Akteure ist laut Recherchen von Christian Fuchs auf jeden Fall Helmut E., ein Gönner aus Bayern. E. hat die Titurel-Stiftung gegründet, die rechte Studierende fördern will. Erstes Großprojekt dieser Förderung war ein Haus, dass E. für 330.000 Euro in Halle gekauft haben soll – direkt gegenüber der Uni. Im Haus basteln Identitäre an ihren Videos, planen Aktionen oder treffen sich für gemeinsame Kulturabende, Wanderungen und Kanufahrten, heißt es auf einer Homepage über das Projekt.

Heute haben die Identitären hier ihre Deutschlandzentrale, der Lobbyverein "Ein Prozent" unterhält ein Büro, Götz Kubitscheks "Institut für Staatspolitik" bietet Schulungen an. Das Haus in Halle ist Beton gewordener Beweis der Geldströme unter den Neuen Rechten.


Style

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Crop Tops – das sind diese kurzen Oberteile, die gerade einmal die Brust bedecken und unterhalb schon wieder aufhören. Wer sie trägt, zeigt Bauch. In dieser Saison sieht man sie in jedem angesagten Modegeschäft – meist in der Frauenabteilung. 

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