Bild: Imago/bento

Es gibt wenige Themen, bei denen sich meine Familie politisch einig wird. Ob bedingungsloses Grundeinkommen, die Notwendigkeit von "Gender Studies" oder der Veggie-Day, bei uns wird gestritten, bis jemand das rettende Wort sagt: Europa! Beim Philosophieren über die "europäische Idee", die "christlichen Werte", und "Solidarität" geraten alle ins Schwärmen.

Mir ist diese Gefühlsduseligkeit für Europa suspekt.

In das Loblied auf Europa stimmt auch Klaas Heufer-Umlauf ein: "Wenn wir Europa jetzt kaputt machen, sind wir die dümmste Generation, die je gelebt hat." Eine merkwürdige Sicht der Dinge, immerhin gab es ja auch Generationen, die Hitler gewählt haben. Aber darum geht es jetzt zum Glück nicht.

Hier findest du die Rede von Klaas:

Fest steht: Im Angesicht von Rechtspopulismus, Brexit und Trump werden einem bedingungslose Liebeserklärungen zur friedensnobelpreisprämierten EU geradezu aufgedrängt.

Und eine Alternative bieten scheinbar nur die ewiggestrigen Nationalisten um Le Pen, Wilders und Petry. Die sind für mich als Teil der Generation Interrail, die ihre Freizügigkeit in vollen Zügen genießt, natürlich keine echte Option.

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Für Europa auf die Straße gehen und mit azurblauen Luftballons vor dem Brandenburger Tor wedeln, möchte ich trotzdem nicht. Überzeugt von den jüngsten Entwicklungen auf dem Kontinent bin ich schon gar nicht.

Dafür gibt es zahlreiche Gründe:
1. Europa ist scheinheilig.

Besonders verlogen finde ich das Beschwören unserer gemeinsamen christlichen Werte. Wie kann ich von Nächstenliebe sprechen und gleichzeitig europäische Abschottungspolitik betreiben, Tausende im Mittelmeer ertrinken lassen und die Zustände in Flüchtlingslagern wie im griechischen Idomeni akzeptieren? “Wir müssen die EU-Außengrenzen schützen” klingt vielleicht harmloser, als Forderungen der AfD nach einem deutschen Aufnahmestopp oder einer christlich-sozialen Obergrenze. Aber dahinter verbirgt sich dieselbe Idee: sich gegen vermeintliche Eindringlinge wehren. Und das ist niederträchtig, egal, wie man es formuliert. Auch Papst Franziskus warnt mittlerweile, Europa laufe Gefahr, seinen “humanistischen Geist” zu verlieren.

2. Nationalisten sind Teil des Bündnisses.

Merkwürdig finde ich auch die verbreitete Meinung, dass der Rechtsruck in Deutschland, Frankreich und vielen weiteren Ländern im Widerspruch mit der europäischen Einheit stünden. Viktor Orbán in Ungarn und die PiS-Partei in Polen regieren bereits und sind trotzdem Teil der Union. So betrachtet zwingt mich die EU, mich mit Regierenden oder den Regierten zu solidarisieren, die fremdenfeindliche und undemokratische Ideen unterstützen. Darauf hab ich keine Lust. Diese Rolle überlasse ich getrost dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, der Orbán bereits im bayerischen Landtag empfing.

3. Reichtum? Nicht für die Jugend!

Mindestens ebenso nervt mich das Märchen vom flächendeckenden Wohlstand in Europa. Laut der bildungsbürgerlichen Bewegung “#Pulse of Europe” wird der europäische Reichtum durch Errungenschaften wie den freien Warenverkehr gesichert. Eine Position, die sich aus der Perspektive der Bundesrepublik als größte Profiteurin des EU-Binnenmarktes mit einem fetten Exportüberschuss leicht vertreten lässt. Die Jugendarbeitslosigkeit von 40 Prozent in Spanien wird bei den Feierlichkeiten für die schwarze Null vernachlässigt.

4. Lippenbekenntnisse sichern nicht den Frieden.

“Aber, aber”, höre ich jetzt die weise, ältere Generation wieder sagen, “Die EU sorgt für Frieden auf dem Kontinent!” Wir jungen Leute, die Krieg nie erlebt hätten, wüssten das nicht richtig zu schätzen. Aber die Union hat meiner Meinung nach keines ihrer Probleme anständig in den Griff bekommen: nicht die Finanzkrise, nicht den Umgang mit den Flucht- und Migrationsbewegungen und auch nicht die Bekämpfung des Entwicklungsgefälles zwischen dem Süden und Norden Europas.

Wenn sich also alle Versprechen vom Zusammenhalt der Wertegemeinschaft Europa in den Krisen der vergangenen Jahre als wertlose Lippenbekenntnisse herausgestellt haben, wie soll diese EU dann einen Krieg verhindern?

So bin ich kein "überzeugter Europäer"

Wenn ein “überzeugter Europäer” zu sein bedeuten würde, Begriffe wie Solidarität und Zusammenhalt nicht nur als bloße Worthülsen zu benutzen, sondern zu leben, dann wäre ich auch dabei. Aber wenn "überzeugte Europäer" in unbequemen Zeiten nicht für ihre Überzeugungen einstehen, dann bin ich das nicht. All diese Dinge werde ich beim nächsten Familientreffen ansprechen. Mal sehen, auf was wir uns dann einigen können.

Und, wie gut kennst du dich mit der EU aus? Mach unser Quiz:


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