Bild: Picture Alliance
Eine Spurensuche

Als mich die Nachricht erreichte, dass Hugh Hefner gestorben ist, hat mich das wenig berührt. Ein alter Mann, der sich in MTV-Reality-Shows als Lustgreis darstellte und mit dutzenden jungen Frauen "Beziehungen" hatte, lebt nicht mehr. Ein Mann, der eins der bekanntesten Nacktfoto-Magazine der Welt gegründet hatte. 

Ich konnte nicht anders, als mir vorzustellen, dass so jemand die Frauen wahrscheinlich nicht besser behandelt, als der amtierende US-Präsident. Oder? 

Auf Tumblr und Twitter überraschte mich dann aber doch die Vielzahl der Posts, in denen Menschen Hefner verteidigten, ihn anpriesen. Sie bezeichneten ihn als Feministen, als Vorreiter und Unterstützer der Frauenbewegung:

Wie soll das zusammenpassen? Der 90-Jährige, der mit gerade Volljährigen schlief, und Millionen machte, weil sie sich für ihn auszogen? Dieser Mann soll ein Verfechter gesellschaftlichen Fortschritts sein? Wie können Leute davon ausgehen? Ich machte mich auf die Suche. Und fand tatsächlich etwas, was dafür sprechen würde. Aber auch dagegen.

Vier Punkte, die dafür sprechen würden, dass Hef ein Feminist war:

1

Der erste Playboy erschien 1953. Es war eine verklemmtere Zeit als heute: Frauen hatten sich um den Haushalt und die Familien zu kümmern, über Sex sprach man nicht. Oralsex stand unter Strafe, eine Schwangerschaft außerhalb der Ehe brachte manche Leute sogar dazu, sich umzubringen. (ABC)

Hefner, der selbst aus einer prüden und puritanischen Familie stammte, wollte das ändern, und Sex aus der Dunkelheit in die Öffentlichkeit heben. Die Message: Nacktheit ist nichts, wofür man sich schämen muss. 

2

Hefner setzte sich für das Selbstbestimmungsrecht bei Abtreibungen ein. Jahrelang klärte das Magazin auf, durch Artikel, Interviews und Meinungsbeiträge.

Auch die Ratifizierung des "Equal Rights Amendment", das Frauen gleiche Rechte zugestehen sollte wie Männern, wurde von Hefner vorangetrieben.  

Und: In der Redaktion arbeiteten auch Fotografinnen – damals etwas Besonderes. "Der Playboy hat nicht annähernd genug Anerkennung dafür bekommen, wie unterstützend er sich gegenüber Frauen und dem liberalen Feminismus gezeigt hat", sagt Geschichtsprofessorin Carrie Pitzulo von der Uni Chicago dazu.

3

Unter Hefner setzte sich der Playboy auch mit der Kritik führender Feministinnen auseinander. Publizistinnen wie Margaret Atwood oder Germaine Greer wurde im Magazin Raum gegeben, sich zu Gesellschaftsthemen zu äußern. (Broadly) Die Feminismus-Ikone Gloria Steinem soll dennoch mal zu Hefner  gesagt haben: "Als Feministin den Playboy zu lesen ist, wie als Jude ein Nazi-Handbuch zu lesen." (Uni Chicago)

4

Das Transgender-Model Caroline "Tula" Cossey wurde 1991 im Playboy porträtiert – lange, bevor in der amerikanischen Gesellschaft Verständnis für die Anliegen und Probleme von Transgendern herrschten. Sie selbst sagt über ihr Treffen mit Hefner: "Er schaute mir in die Augen und ich wusste sofort, dass er meine Geschichte verstand. Er verstand meinen Kampf."

Wer all diese Punkte liest, der mag Hefner durchaus positiv sehen. Ein Liberaler, ein Aufklärer, einer, der für die Selbstbestimmung der Frau kämpft.

Doch: Alle, die Hefner als einen solchen Mann feiern, sollten diese Punkte nicht vergessen:

1

Im Jahr 2015 offenbarte Hefners Ex-"Freundin" Holly Madison, wie das Leben in der Playboy-Villa wirklich gewesen sein soll. Sie beschreibt das emotionale Tauschgeschäft: Wer mit Hefner schlief, durfte in der Villa bleiben und bekam Zugang zu lukrativen Aufträgen in Magazinen und im Fernsehen. Gesprochen wurde darüber angeblich nicht, es wurde einfach erwartet. 

Durch den psychischen Druck und das Abhängigkeitsverhältnis sei sie in eine Depression gerutscht, habe sich aber lange Zeit nicht getraut, Hefner zu verlassen. 

Die Zwillinge Carla und Melissa Howe beschreiben das Leben in der Villa wie "in einem Gefängnis." Die Frauen hätten strikte Ausgangssperren befolgen müssen, Gäste seien verboten gewesen. Wer gegen die Regeln verstoßen habe, sei rausgeflogen. (Mirror)

Und auch, wenn alle volljährig und mündig waren, ist das Machtverhältnis klar: Auf der einen Seite des Deals Hugh Hefner, der sehr reiche, alte und einflussreiche Mann. Auf der anderen Seite die jungen Frauen, die teilweise aus armen oder kaputten Familien kamen und mit dem letzten Besitz nach Los Angeles reisten. Sich auf seine Spielregeln einzulassen, mit ihm Sex zu haben, stellte für viele die einzig ersichtliche Chance auf gesellschaftlichen Aufstieg dar. 

2

Bei all den hehren politischen Zielen, der Lobbyarbeit für Gerechtigkeit: 

Der Playboy hat immer schon patriarchale und sexistische Strukturen wiedergegeben und verfestigt. 

Frauen kommen, egal ob in den Fotostrecken oder auf der Witzeseite, wie Objekte rüber, die man kaufen kann. Sie sind zur Belustigung und zur Befriedigung dort abgebildet:

Man kann Hefner glauben, dass er wirklich ein Interesse an der Gleichstellung und Emanzipation der Frau hatte. Oder man kann glauben, dass er ein Sexist war, der mit Politik Auflage machen wollte.

Für mich bleibt er vor allem ein Mann, der einen Blick auf die Welt befördert hat, in der Frauen bis zuletzt als Schmuckstücke dienten. Das ist vieles, aber kein Feminismus.


Gerechtigkeit

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