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Oder überhaupt wissen, wer Seehofer ist.

St. Georg, gleich hinter dem Hamburger Hauptbahnhof, das sind Köfte-Grills, Schwulen-Saunen, Sexkinos und auf 1,8 Quadratkilometern wahrscheinlich mehr Moscheen als in vielen bayerischen Landkreisen. Hier gibt es Moscheen für Tunesier, für Araber, für Türken, für Sunniten und Schiiten, für Männer und für Frauen. 

Bei der letzten Bürgerschaftswahl kam die Hamburger CDU hier auf 8,6 Prozent. Für Horst Seehofer muss St. Georg so etwas wie das Bahnhofsviertel der Vorhölle sein.

Mit seinem Satz “Der Islam gehört nicht zu Deutschland”, hat der CSU-Politiker gleich an seinem ersten Arbeitstag als neuer Heimatminister für Schlagzeilen gesorgt. Der Satz ist abgegriffen, totdiskutiert und unoriginell (Christian Wulff sagte vor acht Jahren (!) mal das Gegenteil), aber er provoziert immer noch. Zumindest im politischen Betrieb. 

Auf St. Georg, da, wo der Islam ist, der angeblich nicht zu Deutschland gehört, sieht es allerdings nicht so aus, als sei Horst Seehofers Meinung besonders wichtig:

Am Freitag ist traditionell viel los auf dem Vorplatz der Al-Nour-Moschee. Wöchentlich kommen bis zu 2000 Gläubige zum Freitagsgebet, es herrscht reger Betrieb am Eingang, aus allen Richtungen strömen Muslime herbei. Die islamische Gemeinde hier ist eine der größten in Deutschland. Von außen würden Nichteingeweihte das Gotteshaus dennoch kaum erkennen. Die Moschee befindet sich in einem stillgelegten Parkhaus. 

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Für Abdellah Benhammou ist der graue Zweckbau in einer stillen Nebenstraße zwischen deutschen Schwulenclubs und türkischen Restaurants dennoch ein Teil seiner Heimat. Wenn der ehrenamtliche Vorstand der Gemeinde freitags vor seinem Gotteshaus steht, wird der gebürtige Tunesier fast im Sekundentakt begrüßt. “Salam, Abdel!” 

Inzwischen hält der Imam die Freitagspredigt doppelt, um den Andrang besser bewältigen zu können. Die Idee dazu hatten Benhammou gemeinsam mit einem Polizisten, der für das Viertel zuständig ist. Man versteht und verständigt sich.

Abdellah Benhammou gehört zum Vorstand der Moschee. Die Seehofer-Diskussion spiele für sein Leben keine Rolle, sagt er.(Bild: bento)

Die Islamthesen des neuen Innenministers kann – oder will – Gemeinde-Vorstand Benhammou dagegen nicht verstehen. “Ich kann solche Sätze einfach nicht mehr ernstnehmen. Wir haben das schon fünf oder sechs Mal gehört, aber es bleibt Quatsch. Was soll das? Natürlich gehören wir dazu. Wir leben hier und, ehrlich gesagt, spielen solche Diskussionen in meinem Leben einfach keine Rolle.”

Für Oberkommissar Birger Falinski sind die Muslimen in St. Georg vor allem eins: Alltag. Als “Bürgernaher Beamter” ist er seit 2012 im migrantisch geprägten Stadtteil nördlich des Hamburger Hauptbahnhofs unterwegs. Die Bürgernähe in seinem Jobtitel nimmt er wörtlich, meist läuft er zu Fuß, an fast jeder zweiten Ecke kommt Falinski mit Anwohnern ins Gespräch. 

Oberkommissar Birger Falinski und seine Kollegen sorgen im Viertel für Verständigung und Ordnung.(Bild: bento)

Seitdem mehr Flüchtlinge nach Hamburg gekommen sind, gehört auch der Vorplatz der Al-Nour-Moschee regelmäßig zu seinem Einsatzgebiet. Gemeinsam mit seinen Kollegen achtet er jetzt wöchentlich darauf, dass beim Freitagsgebet alles rund läuft. “Einfach, weil da viele Leute kommen und gehen”, erklärt Falinski und stellt nüchtern hanseatisch fest: “Is ouch nich anders als bei nem Konzert oder großen Gottesdiensten.”

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Zu Seehofers Thesen kann er schon aus dienstlichen Gründen wenig sagen. Offensichtlich hat er aber nicht all zu viele Probleme, viele Besucher des Freitagsgebets grüßen ihn freundlich oder winken im Vorbeigehen. “Wir haben Religionsfreiheit in Deutschland und daran wird sich auch nicht viel ändern, denke ich”, sagt Falinski höflich und tippt sich an die Mütze.

Arg viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen, Falinski hat ohnehin anderes zu tun. 

Als Mahmoud, 26, aus dem Freitagsgebet kommt, hat er von Horst Seehofers Thesen noch nichts gehört. Er floh vor einem Jahr aus Syrien nach Deutschland. Inzwischen arbeitet er als Optiker in der Hamburger Innenstadt und spricht fließend Deutsch. 

“Ich bin aus meinem Land geflohen, weil Menschen sich dort wegen ihrer Religion bekriegen. Vor kurzem ist mein bester Freund in Damaskus gestorben. Warum sollte ich mich für deutsche Politiker interessieren? Das hat nicht viel mit meinem Alltag zu tun.” sagt er.

Misstrauen und Unverständnis kennt er dagegen gut: “Viele Deutsche verstehen immer noch nicht, dass kein Syrer freiwillig hier ist. Ich bin aus meiner Heimat geflohen, weil ich die Regierung kritisiert habe und daraufhin mit dem Tod bedroht wurde. Ich fühle mich hier wohl, aber wenn ich kann, gehe ich nach Damaskus zurück.”

So wie Mahmoud, der aus Angst um seine Familie keine Fotos machen möchte, denken viele im Viertel, mit denen man spricht. 

In St.Georg gehen ein entspannter Alltag und der Geruch von gebratenem Lammfleisch Hand in Hand mit Grübeleien über den eigenen Platz in der deutschen Gesellschaft und Sorgen um die Verwandten in anderen Ländern. Seit Jahren, manchmal Jahrzehnten, ist das hier so. 

Yusuf Çarhoğlu mag seinen Stadtteil. Dennoch denkt er immer öfter darüber nach, was passieren würde, wenn die AfD eines Tages regieren würde.(Bild: bento)

Yusuf Çarhoğlu betreibt mit seiner Familie seit mehr als 40 Jahren erfolgreich einen türkischen Grillimbiss. Trotzdem beschäftigt ihn in letzter Zeit immer öfter die Frage, wo wirklich seine Heimat ist. “Meine kleine Tochter soll eines Tages den Doppelpass kriegen”, sagt er. Warum? 

Çarhoğlu überlegt lange und wählt seine Worte bewusst. Das Gespräch ist ihm wichtig, er fühlt sich hier eigentlich wohl im Stadtteil. Dennoch sagt er: “Wenn die AfD eines Tages an die Macht kommen sollte, will ich, dass mein Kind noch andere Optionen hat. Man sagt immer, die Deutschen haben ihre Lektion gelernt. Aber was heißt das schon? Menschen sind oft verrückt.” 

Lass uns Freunde werden!

Es ist offenbar nicht leicht, zu Deutschland zu gehören, wenn es einem immer wieder so deutlich zeigt, dass man nicht dazu gehören soll. 

Aber natürlich gibt es auch unter den Migranten in St. Georg kritische Stimmen über den Islam und Muslime. Die 15-jährige Helin ist mit ihrer Mutter in der Stadt. Ihre Familie stammt aus der Türkei, gehört aber der Minderheit der Aleviten an. Zum Islam hat ihre Mutter, die Lehrerin ist und deshalb lieber kein Foto machen will, eine kritische Haltung: “Ich muss sagen, dass ich manchmal vielleicht sogar schon islamophob bin. Diese Macho-Haltung, die viele Männer hier haben, gefällt mir gar nicht.” 

Für Helin und ihre Freundin spielen Religion und Heimat dagegen auch nach langem Nachdenken kaum eine Rolle. Helin hat sich aber für das “überflüssige” Heimatministerium bereits eine Alternative überlegt: “Die könnten doch mal ein Ministerium gegen Slutshaming machen. Das fände ich irgendwie sinnvoller.”

Evic lebt seit sechs Monaten in Deutschland. Den Sinn des neuen Heimatministeriums versteht er allerdings noch nicht ganz. (Bild: bento)

Zwei Straßen weiter rutscht der 25-jährige Evic nervös auf seinem Hocker in einem kleinen Handyladen hin und her. In den sechs Monaten, seit denen er in Deutschland ist, hat er noch nicht viel von Horst Seehofer gehört. “Ich kenne die Minister noch nicht so”, sagt er fast entschuldigend. Der halbe Laden ist mit kleinen Deutschlandfahnen dekoriert, den Sinn des neuen Heimatministerium versteht Evic allerdings noch nicht ganz. 

Seehofer tut ihm offenbar fast schon leid: “Wenn er sich in seiner Heimat nicht wohlfühlt, ist das natürlich schade. Ich finde es hier in Hamburg aber eigentlich sehr schön.” Lachend ergänzt er: “Wenn es in Bayern so schwierig ist, kann er ja vielleicht mal herkommen.”


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Ist das Frühstück wirklich die wichtigste Mahlzeit des Tages?
Klären wir das - ein für alle Mal!

Grüner Smoothie, belegtes Brötchen oder nur ein Coffee to go? Bei der Auswahl des Frühstücks haben wir tausend verschiedene Möglichkeiten – und immer wieder hört man, wie wichtig es ist, morgens richtig zu essen. Stimmt das wirklich? Ist das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages? Und gibt es das Ideal-Frühstück für uns alle? Wir haben nachgefragt: bei Dagmar von Cramm, Ernährungswissenschaftlerin und Mitglied im Bundesverband der Oecotrophologen.