Bild: Marijan Murat / dpa
Im vergangenen Sommer wollte er Retter noch "zur Rechenschaft" ziehen.

Am Sonntagabend durfte das deutsche Rettungsschiff "Alan Kurdi" mit 65 Geflüchteten an Bord in Malta anlegen. Bundesinnenminister Horst Seehofer begrüßte es ausdrücklich, dass Malta die Menschen ins Land ließ – und bot von sich aus die Aufnahme von Geretteten an. Für die Zukunft forderte er für solche Fälle einen "tragfähigen und funktionierenden Mechanismus", an dem die Europäische Kommission und die Mitgliedstaaten "mit Hochdruck" arbeiten müssten. (Süddeutsche)

Kurz zuvor hatte Seehofer einen Streit mit Italiens Innenminister Matteo Salvini angefangen. Seehofer hatte seinen italienischen Amtskollegen aufgefordert, Häfen für Seenotretter zu öffnen. Das sind sehr ungewohnte Töne für den Bundesinnenminister, der Salvini bislang vor allem als Partner in der Migrationspolitik gesehen hatte.

Wenn sich Horst Seehofer jetzt für die Seenotrettung stark machen will, ist das ein gutes Zeichen. Doch nach seinem Verhalten in der Vergangenheit ist es vor allem auch eines: heuchlerisch.

Erinnern wir uns an den Sommer 2018: Das Rettungsschiff "Lifeline" mit 230 Geflüchteten an Bord kreuzte tagelang auf dem Mittelmeer umher. Italien verweigerte dem Schiff die Einfahrt in einen Hafen, Spanien machte dicht und auch Malta stellte sich zunächst quer. Mehrere Bundesländer zeigten sich bereit, die Flüchtlinge aufzunehmen, dafür musste aber erst einmal Seehofer zustimmen. Doch das tat er nicht.

Stattdessen stellte Seehofer Bedingungen für eine Aufnahme der Geflüchteten: Die "Lifeline" müsse in Malta festgesetzt werden und die Besatzung "zur Rechenschaft" gezogen werden, forderte er. Genau das geschah schließlich auch – und dennoch sah Seehofer letztlich keinen Anlass, Geflüchtete aufzunehmen. (bento)

Kurz danach traf sich Seehofer mit Salvini und seinem österreichischen Amtskollegen Herbert Kickl von der FPÖ – ein Spitzentreffen der Rechtspopulisten sozusagen. Damals herrschte noch Einigkeit zwischen Seehofer und Salvini. Ihr Ziel: Wer kein Recht auf Schutz habe, solle in Zukunft gar nicht erst europäischen Boden betreten dürfen (tagesschau.de). In einem Interview behauptete Seehofer zudem, er habe Informationen aus Italien, wonach sich "Hunderttausende Flüchtlinge" in Bewegung setzen würden (rnz.de). Doch dazu kam es nie – tatsächlich nahm die Zahl der Menschen, die den gefährlichen Weg über das Mittelmeer wagten, immer weiter ab.

(Bild: Andreas Gebert/Getty Images)

Seehofer unterstützte damals die Kriminalisierung von Seenotrettern, sprach davon, dass es kein "Shuttle" zwischen Libyen und Südeuropa geben dürfe. (bento)

Mit dieser Sprache zeigte Seehofer, was er von privaten Seenotrettern hielt. Und mit seinen politischen Entscheidungen behinderte er ihre Arbeit.

Jetzt plötzlich fordert Seehofer von der Europäischen Kommission und den EU-Mitgliedstaaten eine Lösung bei der Seenotrettung. 

Dabei ist an dem Problem nichts neu: Seit mehr als einem Jahr gibt es Rettungsschiffe, die wieder und wieder tagelang mit Geflüchteten an Bord auf dem Mittelmeer umherirren, weil sich kein Land verantwortlich fühlt und seine Häfen öffnet. Die Schiffe werden wiederholt festgesetzt, es gibt Ermittlungsverfahren. Manche Hilfsorganisationen mussten dem politischen Druck nachgeben und sind nicht mehr im Mittelmeer unterwegs. 

Dass Horst Seehofer nicht als neuer Held der Seenotrettung taugt, zeigte sich erst vor wenigen Tagen: Im Interview mit dem SPIEGEL kritisierte Carola Rackete das Verhalten der Bundesregierung beim Drama um die "Sea-Watch 3" – und bezog sich dabei vor allem auf einen Namen: Horst Seehofer. Eine Lösung sei vor allem auch am Unwillen des Innenminister gescheitert, die Hilfe deutscher Städten anzunehmen, die Flüchtlinge aufnehmen wollten. 

Wäre es Seehofer wirklich wichtig, das Elend im Mittelmeer zu beenden, hätte er schon vor langer Zeit einen anderen Kurs durchsetzen können. Einen, der die Arbeit der Hilfsorganisationen unterstützt, anstatt sie zu kriminalisieren. Doch Seehofer schaute lieber weg und das Sterben ging weiter – bis heute.


Food

Die Barcode-Verschwörung: Warum manche Hersteller ihre Strichcodes "entstören"

Die Gefahr lauert auf der Rückseite von Milchpackungen und Wasserflaschen: im Barcode. Der soll eine ungesunde Strahlung aussenden und durch das Einscannen an der Kasse Gift im Körper freisetzten – das glauben zumindest Verschwörungstheoretiker. Dafür bekommen sie seit Jahrzehnten Unterstützung aus der Bio-Branche. Denn manche Unternehmen erfüllen ihren Kunden den Wunsch nach einem "sicheren" Strichcode und "entstören" ihn, beispielsweise mit einem aufgedruckten Querbalken.

Wir haben mit einem Laserphysiker über die "Barcode-Theorie" gesprochen und die Bio-Unternehmen gefragt, warum sie den Unsinn unterstützen.

Was besagen die Verschwörungstheorien?

Die Strichcodes zum Einscannen an der Supermarktkasse sollen wie eine Antenne fungieren und ungesunde Strahlung absondern. Das esoterische Portal "Mein Seelenquell" schreibt, der Strichcode sei omnipräsent und der Mensch seinen "schwächenden negativen Antennenstrahlungen" daher permanent ausgesetzt. In "größerer Dosierung" habe er eine "energetisch toxische, also energieflussstörende Wirkung auf den menschlichen Organismus".

In der Esoteriker-Zeitschrift "raum & zeit" wird die "bioenergetische Wirkung" des Strichcodes beschrieben, durch den Scan-Vorgang werde er in die Lebensmittel eingebrannt . Ähnlich heißt es auf der Webseite "Matrix Vital", dass durch Barcodes die Verpackung und die darin befindlichen Lebensmittel "negativen Feldern und Schwingungen ausgesetzt" seien. Nehme man die Lebensmittel anschließend zu sich, übertrage man diese Schwingungen auf sich selbst. 

Das Mittel gegen die gefährlichen Balken sei die "Entstörung", glauben die Verschwörungstheoretiker. In Esoterik-Shops kann man spezielle Filzstifte kaufen, um die Codes durchzustreichen, sie kosten rund zehn Euro. Oder man legt seine eingekauften Waren einfach auf einen "Hildegard Orgonakkumulator", ein mehr als 1000 Euro teures Tablett, das beim "Entstören" helfen soll.