Bild: privat

Seit etwa vier Monaten gehen die Menschen in Hongkong auf die Straße: Was als Protest gegen ein umstrittenes Auslieferungsgesetz begann, hat sich zu einer demokratischen Massenbewegung entwickelt. Zu den größten Kundgebungen kamen mehr als eine Million Menschen, also jeder siebte Einwohner.

Zuletzt geriet die Polizei wegen ihres harten Durchgreifen erneut in die Kritik, nachdem am 1. Oktober, dem chinesischen Nationalfeiertag, ein junger Demonstrant mit scharfer Munition angeschossen worden sein soll. (SPIEGEL)

Dass die Behörden härter durchgreifen wollen, zeigt auch ein Nostandsgesetz, das Regierungschefin Carrie Lam erließ: Von Samstag an gilt bei öffentlichen Versammlungen ein Vermummungsverbot. Wer dagegen verstößt, kann bis zu einem Jahr im Gefängnis landen. Viele der Demonstrierenden nutzten die Masken, um sich vor Tränengas und Überwachung zu schützen. (SPIEGEL)

Auch im Internet gehen die Aktivistinnen und Aktivisten ungewöhnliche Wege, um der chinesischen Staatsmacht zu entgehen: Sie verabreden sich auf Tinder und deklarieren nicht genehmigte Proteste als "Pokémon Go"-Aktionen (SPIEGEL). 

Seit Juni gewinnt außerdem die Apple-eigene Funktion AirDrop an Popularität unter den Demonstrierenden in Hongkong. 

Damit können im sehr nahen Umkreis anonym Nachrichten versendet werden, was zur Protestmobilisierung genutzt wird – ein Phänomen, das der Protestforscher Andy Buschmann derzeit vor Ort untersucht. Wir haben mit ihm darüber gesprochen.

bento: Andy, wie bist du darauf gekommen, das Phänomen zu erforschen?

Andy Buschmann: Ich war bereits im Sommer hier, als die Proteste anfingen. Mitte Juni saß ich in der U-Bahn und bekam plötzlich eine Nachricht via AirDrop, in der ich aufgerufen wurde, zum nächsten Protest zu gehen. Das fand ich sehr erstaunlich und habe dann beobachtet, wie oft das passiert – so bin ich zum aktuellen Forschungsprojekt gekommen.

Wie genau funktioniert Messaging über AirDrop?

AirDrop funktioniert über Bluetooth und WLAN und ermöglicht es, Leuten in einem Umkreis von bis zu 13 Metern Nachrichten sowie Bilder und Dateien zu schicken. Die andere Seite bekommt dann eine Meldung und kann dann akzeptieren oder ablehnen. Das alles passiert anonym. In Hongkong funktioniert das so gut, weil es eine sehr hohe Dichte an Apple-Produkten gibt. Über 70 Prozent der Befragten in meiner Umfrage haben ein iPhone.

Was genau erforschst du jetzt?

Das sind mehrere Dinge: Wer sendet seit Juni diese AirDrop-Nachrichen, sind das Organisatoren von Protesten, sind das besonders radikale Demonstrierende oder sind es vielleicht auch nur Unterstützer, die gar nicht selbst teilnehmen? Und was genau wird überwiegend gesendet? Ich habe beispielsweise auch Aufrufe zur Wahlregistrierung bekommen, diverse politische Informationen oder einfach News.

Außerdem will ich wissen, ob die Leute auch glauben, dass AirDrop für eine erfolgreiche Mobilisierung wichtig ist.

Welche Erkenntnisse hast du bislang gewonnen?

Bisher habe ich meine Umfragen unter Demonstrationsteilnehmern geführt. Dort haben bislang etwas mehr als 60 Prozent gesagt, dass sie einen Aufruf zum Protest bekommen haben über AirDrop. Und fast 40 Prozent haben eine politische Message, die sie so bekommen haben, auch weitergeleitet. Das finde ich schon echt erstaunlich. 

Viele derjenigen, die sagten, dass sie einen Aufruf zum heutigen Protest bekommen hatten, sagten auch, dass es ein wesentlicher Faktor für sie war, zum Protest zu gehen. Das zeigt, dass AirDrop für die Proteste in Hongkong relevant ist. Nur wie genau, das versuche ich herauszufinden. 

Ich könnte mir vorstellen, dass man in Berlin beispielsweise nur wenige Leute so mobilisieren könnte: Einerseits, weil sie aus Datenschutzbedenken Bluetooth deaktiviert haben, andererseits, weil die Verbreitung von Apple-Produkten geringer ist. In der Bahn würde man dann vielleicht zwei Leute finden, denen man etwas senden kann. Das sieht in Hongkong bedeutend anders aus.

Wenn es um die Kommunikation der Protestler geht, wird auch viel von Messengern wie Telegram gesprochen. Warum ist AirDrop trotzdem so wichtig?

Das ist die Sache mit Telegram und auch LIHKG.com, einer Plattform ähnlich wie reddit: Alle möglichen Leute können Vorschläge machen, diese Gruppen sind ständig aktiv. Die Leute posten unaufhörlich. Das ist sozusagen Fluch und Segen: Fluch, weil es einen Informations-Überfluss gibt. Und Segen, weil solche Plattformen eben notwendig sind für eine führungslose Bewegung. Damit wird die Selbstorganisation überhaupt erst möglich.

Vor allem bei Telegram organisiert sich der Protest mittlerweile in Gruppen auf Distrikt-Level und sogar Unterdistrikt-Level. Und es gibt auch geheime Gruppen, in denen nur Leute sind, die sich untereinander kennen, die zum Beispiel Hardliner sind. Die App nimmt also schon eine Schlüsselfunktion ein.

Telegram und LIHKG sind wichtig für die Ideenfindung und für gewisse Leute, die sich untereinander kennen, um alle auf einen Nenner zu bringen. Aber für die Massenmobilisierung wird dann unter anderem AirDrop verwendet – neben Social Media und gedruckten Flyern beispielsweise. 

Besteht in der zunehmenden Digitalisierung der Proteste nicht auch die Gefahr, dass sie von der Regierung einfacher unterbunden werden können?

Das ist ja eben das Potential von AirDrop. Es gibt keine Log-Files und das Internet wird nicht genutzt, weshalb staatliches Monitoring und Repression sehr schwer werden. Vorausgesetzt natürlich, der Staat bekommt es nicht hin, die Funktion direkt von Apple ausschalten zu lassen. 

Bei verschlüsselten Messengern und anonymen Plattformen sieht es anders aus, weil der Datentransfer über das Internet läuft. Damit das trotz Internetzensur klappt, sind oft VPNs nötig, die beispielsweise in China teilweise selbst vom Staat kontrolliert werden. Auch wenn verschlüsselte Inhalte im Idealfall für den Staat nicht lesbar sind, kann Telekommunikation oft dennoch überwacht werden.

Würdest du sagen, dass sich der Protest immer weiter professionalisiert? 

Der war von Anfang an schon sehr professionell, weil die Demonstrierenden viel gelernt haben aus den Regenschirm-Protesten 2014. Allein dass es eine eher führungslose Bewegung ist, war eine Entscheidung, die getroffen wurde, weil man einfach gesehen hat, dass viele aus der damaligen Führungsriege im Knast gelandet sind und man das nicht wieder riskieren will.

Natürlich gibt es auch jetzt Leute, die eher im Mittelpunkt stehen. Aber es ist nicht so institutionalisiert wie vor fünf Jahren, als Leute wie Joshua Wong und Alex Chow die Forderungen diktiert haben und bestimmt haben, was alle anderen machen sollen.

Den Leuten ist nun bewusst geworden, dass die Regierung fähig ist, Leute für viele Jahre hinter Gitter zu bringen für Dinge, die in einer Demokratie als legitim gelten. Deswegen wurde beispielsweise auch die Benutzung von Verschlüsselungs-Apps in Hongkong deutlich relevanter.

Könnte der Einsatz von AirDrop auch in anderen autokratisch regierten Ländern einmal so wichtig werden?

Singapur wäre ein wichtiges Beispiel, außerdem Macau und auch China selbst: In Städten wie Shanghai und Peking gibt es eine sehr große Dichte an Apple-Produkten – AirDrop funktioniert dort auch, im Gegensatz zum freien Internet. Ich will jetzt aber nicht sagen, dass AirDrop die Technologie ist, die zum Niedergang aller Diktatoren führen wird.

Allerdings ist AirDrop in Hongkong zum ersten Mal zweckentfremdet worden für die Protestmobilisierung. Ich kann mir deshalb verschiedene Szenarien vorstellen, in denen damit Hongkong zum Vorbild werden könnte und dass es dann Regime schwerer haben könnten, kollektive Aktionen zu unterbinden.

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Fühlen

Feministin, 24, Ex-King-of-Queens-Fan: Warum kann ich die Serie nicht einfach wieder gut finden?
Wie ich meinen Frieden mit "King of Queens" geschlossen habe.

Ein langweiliger Sonntagnachmittag, ich bin auf der Suche nach Beschäftigung. Es regnet, rausgehen ist keine Option. Ich rufe den Streaminganbieter meines Vertrauens auf, lehne Vorschlag für Vorschlag ab. Bis mich drei bekannte Gesichter anlächeln. Es sind Doug, Carrie und Arthur, Figuren aus der Sitcom "King of Queens". 

Zuletzt sah ich "King of Queens" vor sechs Jahren. Damals fühlte ich mich nach einer schlaflosen Nacht kurz vor der Verkündung meiner Abiturnoten sehr gut von der Serie unterhalten. Warum sollte es an diesem Sonntag anders sein?

Ich lache in Folge eins kein einziges Mal. Stattdessen habe ich Fragen. Zum Beispiel: Wieso sind Doug und Carrie überhaupt verheiratet? 

Und: Warum habe ich diese Serie damals eigentlich so gefeiert? 

Ich ermahne mich selbst: Die erste Folge ist schließlich häufig die seltsamste, also gebe ich den Heffernans noch eine zweite Chance. Bei Folge zwei wird mir fast übel. Doug befürchtet, dass seine Frau "fett" werden könnte. Er redet ihr ein, sie hätte bereits zugenommen. Sie beginnt eine Diät. Am Ende entscheidet Doug allerdings, dass sie perfekt sei, so wie sie ist. Wie gnädig. 

Nach Folge drei breche ich endgültig ab. Mr. und Mrs. Heffernan sind ein "Match made in hell". Die Art und Weise, wie mit der einzigen weiblichen Protagonistin umgegangen wird, stört mich. Ihr Ehemann reduziert sie permanent auf ihre Figur und gönnt Carrie den beruflichen Erfolg nicht.

Hat mir der Feminismus eine meiner Lieblingsserien verdorben? 

Offenbar. Auch wenn mein Erwachsenwerden ebenfalls etwas damit zu tun haben könnte. Mit knappen 18 sieht man Dinge anders als mit Mitte 20. Das ist nichts Neues. 

Aber was ich mich dennoch frage: Ich fand die Serie doch damals lustig – warum kann ich heute nicht drüber hinwegsehen, dass Doug Carrie auf ihr Aussehen reduziert? Mein politisch korrektes, feministisches, mitte-zwanzig-jähriges-Ich zur Seite schieben? In meinem Kopf gibt es doch diese positive, lustige Erinnerung. Warum spult mein Hirn nicht einfach an den Punkt zurück und setzt den Inhalt in den damaligen Kontext: vor Metoo, und zu einer Zeit, als Männer noch Sprüche wie "Frauen und Technik" machen konnten, ohne schief angeschaut zu werden?