Bild: Carl Court/Getty Images

Angela Merkel hat abgesagt. Die Bundeskanzlerin wird sich während ihrer dreitägigen China-Reise nicht mit den Aktivistinnen und Aktivisten in Hongkong treffen, die seit Monaten für mehr Demokratie auf die Straße gehen.

In einem Brief hatte sich Joshua Wong, ein Anführer der Proteste, gemeinsam mit in Deutschland lebenden Hongkongern an die Bundeskanzlerin gewandt. Darin baten die Aktivisten Merkel um ein Treffen und um ihre Hilfe im Kampf für die Freiheit. Den Brief hatte die "Bild"-Zeitung veröffentlicht. In Peking mahnte Merkel eine friedliche Lösung an, es müsse alles daran gesetzt werden, Gewalt zu vermeiden. (SPIEGEL)

Wir haben mit Joshua Wong über die Zukunft des Protests gesprochen. Und darüber, wie er trotz Angela Merkels Absage mit ihr ins Gespräch kommen will. 

Eine persönliche Antwort auf den Brief hat Joshua von der Bundesregierung nicht erhalten, sagt der 22-Jährige bento. Er habe lediglich aus den Medien von der Antwort von Regierungssprecher Steffen Seibert erfahren. Seibert hatte mitgeteilt, dass sich an Merkels Reiseprogramm nichts geändert hätte. (SPIEGEL)

Weil die Kanzlerin nicht zu Wong kommt, kommt Wong nach Berlin.

Trotz der verhaltenen Reaktion von Kanzlerin Merkel setzt Joshua weiter auf internationale Unterstützung. In Kürze will der Aktivist nach Berlin reisen, mit Medien sprechen und in der Bundespressekonferenz auftreten.

„Ich denke die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft ist jetzt von größter Bedeutung.“
Joshua Wong

Zuletzt waren die Demonstrierenden hoffnungsvoll.

Am Mittwoch hatte Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam einer der Hauptforderungen der Demonstranten nachgegeben: Sie zog das geplante Auslieferungsgesetz endgültig zurück. Die Ankündigung von Abschiebungen nach China war ursprünglich der Auslöser der Proteste. In den vergangenen Wochen haben die Aktivisten jedoch vier weitere Forderungen gestellt, unter anderem die unabhängige Untersuchung von Polizeigewalt sowie freie Wahlen. 

Joshua sagt, ein Ende der Proteste werde es erst geben, wenn alle Forderungen erfüllt seien. "Die Menschen in Hongkong lassen sich nicht so einfach von Carrie Lam täuschen. Die Bewegung und unser Kampf für Demokratie werden weitergehen, damit Hongkong nicht zu einem autoritären Polizeistaat wird." 

Ein Ende der Demonstrationen ist nicht in Sicht, das glaubt auch Nadine Godehardt von der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Die Politikwissenschaftlerin hat bereits die Proteste in Hongkong vor fünf Jahren untersucht. "Ich denke nicht, dass die Demonstrationen abflauen werden. Aus Sicht der Protestbewegung ist das jetzt ein Mini-Erfolg, nach dem manche vielleicht sogar sagen werden: Jetzt machen wir erst recht weiter."

Der 1. Oktober ist in China Nationalfeiertag. Zum 70. Mal jährt sich dann die Gründung der sozialistischen Volksrepublik durch Mao Zedong. Für die Führung in Peking ist das ein wichtiges Datum. Manche der Demonstranten hatten erwartet, dass Peking die Proteste bis dahin beenden wolle.

"Momentan sieht es so aus, dass die Zentralregierung in Peking die Aktivitäten der Hongkonger Regierung stützt", sagt Nadine Godehardt. "Die Frage ist jedoch, wie lange diese Haltung anhält, vor allem, wenn die Proteste auch über den 1. Oktober hinausgehen sollten." Dass China Truppen nach Hong Kong entsende, halte sie für schwer vorstellbar.

Interessant sei, dass Hongkong aus Peking grünes Licht für die Erfüllung einer Forderung bekommen habe. Insgesamt habe China sich in den vergangenen Wochen zurückgehalten, man setze offenbar auf Deeskalation.

"Die Schlüsselfrage wird sein: Wie stabil ist die Hongkonger Regierung, wie stabil ist Carrie Lam?", sagt Godehardt. Wenn Regierungschefin Lam in wenigen Wochen als Verwaltungschefin abtreten würde, wären damit auch ihre Zugeständnisse hinfällig. "Dann wird es allein um die Forderung nach freien Wahlen gehen."

Möglich sei auch, dass sich die Proteste weiter radikalisieren, sagt Godehardt. Einige Demonstrierende werten die Rücknahme des Auslieferungsgesetzes als Erfolg drastischer Protestmethoden wie der Besetzung des Flughafens. Eine weitere Radikalisierung könne dazu führen, dass sich die Bewegung spalte.

Wie wichtig ist die Unterstützung aus dem Westen?

"Dass rhetorische Unterstützung ein wichtiges Element für die Langlebigkeit der Proteste darstellt, ist eine Erkenntnis aus den Protesten 2014", sagt Godehardt. "Damals gab es die zum Teil schon, allerdings war sie nicht nachhaltig." Bei ihrem China-Besuch habe Merkel das Thema nun immerhin angesprochen.


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