Bild: Kin Cheung / AP / dpa

Seit Wochen geht die Bevölkerung in Hongkong auf die Straße. Was sich ursprünglich nur gegen ein einzelnes Gesetz richtete, hat sich zu einer riesigen Demokratiebewegung entwickelt. Am Sonntag demonstrierten nach Angaben der Organisatoren 1,7 Millionen Menschen gegen die Regierung und für Demokratie, also mehr als jeder fünfte Einwohner.

Weshalb wird in Hongkong demonstriert?

Hongkong ist eine Sonderverwaltungszone von China. Das bedeutet: Nach dem Prinzip "Ein Land, zwei Systeme" ist Hongkong bis 2047 autonom – danach fällt es China zu. Viele junge Hongkonger haben Angst, dann in einer Autokratie leben zu müssen und keine ökonomische Perspektive zu haben. 

Anlass für die aktuellen Demonstrationen war ursprünglich ein von der Regierungschefin Carrie Lam geplantes Gesetz für die Auslieferung "verdächtiger" Personen nach China. Wochenlang gingen Menschen dagegen auf die Straße. 

Die Regierungschefin bezeichnete das Gesetz mittlerweile als "tot" – die Demonstrationen gehen trotzdem weiter. Die Aktivisten fordern die vollständige Rücknahme des Gesetzes, Lams Rücktritt, eine Untersuchung der Polizeigewalt und mehr Garantien für demokratische Rechte. (SPIEGEL ONLINE)

Zuvor waren die Proteste immer wieder aggressiver geworden, während China mit einem Militäreinsatz drohte. (SPIEGEL ONLINE)

Die Aktionen werden vor allem von der jungen Generation getragen, es reihen sich mittlerweile aber auch ältere Hongkonger ein. In den letzten Wochen war es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und der Polizei gekommen, am Sonntag blieb es allerdings friedlich. 

Was glauben die Hongkonger, wie es nun weitergeht? Wird es zu weiteren Eskalationen kommen? Und wie verhält sich die ältere Generation zu den zumeist jungen Demonstranten? 

Wir haben mit drei jungen Menschen gesprochen, die an den Protesten teilgenommen haben. Aus Angst vor Verfolgung möchten sie nicht erkannt werden. 

Rachel*, 28, ist Rechtsanwältin und seit knapp drei Monaten in der Bewegung aktiv

"Es sind die Jüngeren, die den Protest anführen, aber in den Reihen dahinter gibt es auch Ältere. Auch Senioren, Beamte, Ärzte und Anwälte demonstrieren.

Für die junge Generation haben Werte wie Freiheit und Demokratie einen hohen Stellenwert. Deshalb ist sie eher bereit, die Konfrontation mit der Polizei zu suchen. Für die ältere Generation sind dagegen wirtschaftliche Entwicklung und die Erhaltung des Friedens von höchster Bedeutung – es geht also um unterschiedliche Überzeugungen und Werte. 

Wegen Fake News kommt es manchmal zu Konflikten untereinander. Ich leite zum Beispiel Neuigkeiten und Videos an meine Familie weiter. Sie bekommen andere Informationen über Facebook oder WhatsApp-Gruppen. Das führt manchmal zu hitzigen Diskussionen. Ich will ihnen nicht sagen, was richtig oder falsch ist. Aber ich zeige ihnen Videos, in denen die Polizei Gewalt gegen Demonstranten anwendet, und überlasse ihnen dann die Entscheidung, ob sie das für akzeptabel halten. 

Zur Recherche

Über Twitter nahmen wir Kontakt zu verschiedenen Menschen aus Hongkong auf, die sich dort zu den Protesten äußerten und befragten sie zur Situation vor Ort. Mit einer Protagonistin verlief die Kommunikation schriftlich, mit den anderen beiden haben wir telefoniert. Aufgrund der zu befürchtenden Repressalien bestanden alle Protagonisten auf eine anonyme Veröffentlichung.

Ich muss aber zugeben, dass es schwierig ist, die Unterstützer der Regierung zu überzeugen.

Leider haben wir einen Punkt erreicht, an dem sowohl die Polizei als auch manche Demonstranten glauben, es sei okay, Gewalt einzusetzen. Ich glaube aber, die meisten Hongkonger verstehen, dass die Bewegung nur Druck auf die Regierung ausüben kann, wenn sie die Unterstützung der Öffentlichkeit hat.

Nach zwei Monaten des Protests wird die Regierung die Menschen nicht so schnell beschwichtigen können. Ich denke, es ist jetzt zu spät für die Verwaltungschefin Carrie Lam – die Menschen haben das Vertrauen in sie verloren."

Jerry*, 24, studiert Politik und geht seit Ende Mai auf die Straße

"Es gibt immer noch Hoffnung für Hongkong. Die Demonstration am Sonntag war die größte seit Mitte Juni – es gehen immer noch sehr viele Menschen für die Demokratie auf die Straße. Und das, obwohl sich die Demonstrierenden immer Sorgen machen müssen, dass ihre Gesichter von Überwachungskameras erfasst werden.

Was seit Mitte Juni passiert ist, hat sehr viele Probleme aufgedeckt, insbesondere die Polizeigewalt. Wir fordern eine unabhängige Untersuchung der Vorfälle, aber Carrie Lam lehnt das ab. Damit hat für mich die Regierung ihre Moral verloren. Denn das heißt, dass sie das Verhalten der Polizei toleriert. Die Polizei weiß nun: Was auch immer sie macht, sie muss dafür nicht geradestehen. 

Es gab in der Bewegung Debatten darüber, mit welchen Mitteln wir unsere Ziele erreichen wollen. Moderate Demonstranten schlagen einen friedlichen Weg vor, während die Radikaleren, die eher aus der jungen Generation kommen, eher Gewalt einsetzen wollen. Gegenseitige Unterstützung gibt es trotzdem, auch von der älteren Generation. Der Riss verläuft eher zwischen denen, die die Probleme in Hongkong sehen, und denen, die ihre Augen davor verschließen und noch immer so tun, als würden sie in einer materialistischen Gesellschaft leben, in der sie ihr Leben genießen können. 

Das Phänomen von Fake News in den sozialen Medien zeigt ganz gut, dass Peking die Kontrolle über Hongkong möchte. Für uns ist das kein so großes Problem, es gibt inzwischen zahlreiche Telegram-Gruppen, in denen die Fakten sofort gecheckt werden. Viel schlimmer ist, dass sich Polizisten seit Kurzem undercover unter die Demonstranten mischen. Damit schüren sie Misstrauen unter uns, jeder fragt sich, ob der Typ neben einem in Wahrheit Polizist ist.

Ich glaube, China wird versuchen, die Proteste bis zum 1. Oktober zu beenden, dem 70-jährigen Bestehen der Volksrepublik. Niemand weiß, ob wir am Ende gewinnen werden oder ob unser Widerstand nur zu größerer Vergeltung von China führen wird. Aber solange wir hier sind, müssen wir Widerstand leisten – denn das ist alles, was wir tun können."

Gwen, 26, studiert Pädagogik und demonstrierte bereits 2014 für freie Wahlen

"Als ich ganz vorn bei den Protesten mitgelaufen bin, war ich wütend auf die Polizei. Klar, wenn wir aggressiver vorgehen, haben auch sie eine Ausrede dafür, mit Gewalt zu antworten. Aber es fühlt sich an, als hätten wir keine andere Wahl: Wenn wir friedlich auf die Straße gehen, ändert sich nichts. Radikalerer Protest mag vielleicht nicht die richtige Wahl sein, aber ich denke, es ist die einzige, die wir haben. 

Ich dachte eigentlich, meine Familie würde mich unterstützen, aber das stimmt nicht. Stattdessen kam es zum Streit, meine Mutter bezeichnete mich als Randaliererin. Wir reden deshalb nicht mehr über Politik. Ich glaube, meine Familie will nur Ärger vermeiden und in Frieden leben, deshalb halten sie sich heraus.

Diese Bewegung verbindet junge und alte Menschen, die gemeinsam kämpfen. Mein Vater flüchtete nach dem Tiananmen-Massaker aus China hierher, als Hongkong noch eine britische Kolonie war. Das Auslieferungsgesetz würde Hongkong quasi zu China machen. 

Es geht um etwas, das uns alle betrifft. Auch wenn Carrie Lam sagt, das Auslieferungsgesetz sei 'tot' – ich glaube ihr nicht. Wir fordern die vollständige Rücknahme des Gesetzes, aber dazu kam es bisher nicht.

Ich fürchte mich vor weiterer Einmischung von China. Wir gehen bereits davon aus, dass das chinesische Militär nach Hongkong kommt. Und wir bereiten uns darauf vor, dass jemand von uns im Kampf sterben wird."

*Name von der Redaktion geändert

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Gerechtigkeit

"Geh erst mal arbeiten" - wie Leon, 18, bei seinem Landtagswahlkampf angefeindet wird

Leon Köhler, 18, steht auf dem Georgenplatz in Zwickau, zwischen Straßenbahngleisen und Fußgängerzone. Es ist 10 Uhr morgens, Straßenwahlkampfzeit. 

Ein Sprinter fährt vor, eine Hand voll junger Leute springt heraus und beginnt mit dem Aufbau. Leon schaut etwas angespannt auf die Uhr. Er mag Pünktlichkeit, und die Helfer sind einmal falsch abgebogen. Sie kommen aus Leipzig, Dresden, dem Umland. Die meisten sind Studierende, haben ihre Semesterferien geopfert, um bei der FDP-Sommertour zu helfen.

Mit 18 Jahren bewirbt sich Leon Köhler von der FDP um einen Sitz im Sächsischen Landtag – als jüngster Kandidat in ganz Sachsen.

Er ist blond und schlank. Das Auffälligste an ihm ist vielleicht sein rotes Brillengestell. Dass er ein untypischer 18-jähriger ist, merkt man erst, wenn man sich mit ihm unterhält. 

Was die Umwelt-Ikone Greta Thunberg sagt, macht Leon zum Beispiel oft sauer. Da ist das mit dem zu langsamen Kohleausstieg Deutschlands. "Die schwadroniert ihre Meinung daher", sagte er und sie denke dabei keineswegs an die Menschen.

Leon hat nichts gegen Umweltschutz. Zu seinem Wahlkampfmaterial gehört eine knallgelbe Bienenmischung mit der Aufschrift: "Heute säen, was morgen gedeiht".  

Dort, wo Leon lebt, ist Umweltschutz aber auch ein soziales Thema. Ein sofortiger Kohleausstieg wäre für die Lausitz fatal, sagt er. "Tausende Arbeitsplätze hängen daran."

Ginge es nach ihm, würde man den Emissionshandel stärken, öfter Wissenschaftler konsultieren und in Sachsen Bäume pflanzen. Keine CO2-Steuer: Denn Verbote hält Leon für falsch. Maximale Freiheit des Einzelnen, wenig staatliche Eingriffe, das gefällt Leon an der FDP so gut.