Bild: dpa/Karl-Josef Hildenbrand
Vier Gründe für den Homöopathie-Hype

Globuli bestehen aus Zucker oder Süßstoff. In der Homöopathie gelten die kleinen Pillen als wirksame Mittel gegen so ziemlich alle Krankheiten. Wissenschaftlich nachgewiesen werden konnte die Wirkung noch nie – abgesehen vom Placebo-Effekt.

Homöopathen schwören trotzdem auf ihre "alternativen" Behandlungsmethoden – und bereits 84 von 110 gesetzlichen Krankenkassen zahlen solche angeblichen Leistungen. Muss das sein?

So haben wir recherchiert

bento hat den vier größten gesetzlichen Krankenkassen Deutschlands (Techniker, Barmer, DAK und AOK Bayern) einen Fragenkatalog zum Thema Homöopathie zugeschickt und sie mit der Kritik konfrontiert.

Alle vier Kassen bieten ihren Versicherten inzwischen homöopathische Leistungen an. Bis auf die AOK haben alle auf unsere Fragen geantwortet. Außerdem haben wir mit Natalie Grams gesprochen. Sie ist Ärztin und Gründerin des kritischen Informationsnetzwerk Homöopathie, das über die "Alternativ"-Medizin aufklärt.

1.

Es geht um Wettbewerb unter den Krankenkassen

Die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen geht in Deutschland seit Jahren zurück (GKV). Viele Kassen versuchen, mit zusätzlichen Angeboten neue Mitglieder zu gewinnen. Die Pseudo-Wissenschaft Homöopathie ist dabei offenbar besonders beliebt.

Die von uns befragten größten drei Kassen erklären, homöopathische Angebote aufgrund der Nachfrage ihrer Versicherten anzubieten. Deutschlands größte gesetzliche Krankenkasse, die Techniker, begründet ihr Angebot mit Kundenbefragungen. Die DAK argumentiert ähnlich: "Einige Versi­cherte vertrauen auf die homöo­pa­thische Behandlung."

Die Barmer geht dagegen deutlich weiter und sagt auf unsere Nachfrage:

Wir leben in einer zunehmend pluralen und selbstbestimmten Gesellschaft, in der die Vorstellungen von Gesundheit, Gesunderhaltung und Therapie nicht einheitlich gestaltet und vorgegeben werden sollten.​
Barmer

Ein Satz, wie aus einer Werbebroschüre von Homöopathen und Heilpraktikern. Doch im Wettbewerb der Kassen scheint die Gewinnung neuer Mitglieder wichtiger zu sein als die klare Trennung zwischen wissenschaftlich anerkannten Behandlungen und esoterisch angehauchten "Alternativ"-Angeboten.

2.

Es geht um neue, jüngere Mitglieder

Gerade die großen Kassen haben viele alte Versicherte. Das Problem: Rentner und ältere Patienten zahlen wenig oder nichts mehr in die Kassen ein, sorgen aber für hohe Kosten, die nach einem komplizierten Verfahren unter den Kassen aufgeteilt werden soll. Um das ausgleichen zu können, werben die gesetzlichen Krankenkassen besonders um jüngere Mitglieder – auch mit Homöopathie. 

Die Ärztin Natalie Grams war früher selbst Homöopathin. Heute sieht sie das Konzept kritisch und sagt uns: "Die Menschen, die sich dafür interessieren, sind oft jung, gut ausgebildet, eher gesund und oft auch eher wohlhabend – solche Versicherten will jede Kasse."

Als einzige angefragte Krankenkasse räumt die Techniker das auf unsere Nachfrage auch offen ein:

Mit diesem Angebot halten wir gleichzeitig auch Mitglieder im Solidarsystem "Gesetzliche Krankenversicherung", die ansonsten in die Privatversicherung wechseln würden. ​
Techniker

3.

Es geht um Geld – mit fragwürdigen Argumenten  

Kassen rechtfertigen das Hokuspokus-Angebot auch damit, dass die Kosten für Homöopathie insgesamt nicht besonders hoch seien. Die Techniker-Krankenkasse sagt beispielsweise: "Für Homöopathie geben wir deutlich weniger als ein Promille unserer Gesamtausgaben aus."

Doch schon das ist vermutlich ein zweistelliger Millionenbetrag. Denn allein 2016 hatte die TK Gesamtausgaben von rund 24 Milliarden Euro. (TK) Wie hoch die Ausgaben für Homöopathie jedoch genau sind, will trotz ausdrücklicher Nachfrage keine der vier größten Kassen bekanntgeben. Die Barmer teilt lediglich mit:

"Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir aus wettbewerblichen Gründen keine Details zu unserem Vertrag mit dem Deutschen Zentralverein der homöopathischen Ärzte (DZVhÄ) mitteilen möchten."

Bei der DAK heißt es, man müsse erst einmal nachsehen, bevor man Zahlen nennen könne. Das Statement der Techniker-Krankenkasse zeigt jedoch, dass das Homöopathie-Angebot tatsächlich auch mit den Kosten begründet wird:

Damit machen wir die gesetzliche Versicherung für alle billiger und nicht teurer.
Techniker Krankenkasse

Doch diese Logik ist fragwürdig. Denn laut einer Studie mit 44.500 TK-Versicherten sorgen die Homöopathie-Patienten für höhere Kosten als andere. (SPIEGEL ONLINE

Auch andere Patienten haben davon wenig. Denn während Globuli und andere homöopathische Mittel bezahlt werden, gibt es für viele Medikamente gegen Heuschnupfen beispielsweise keine Kostenübernahme. 

4.

Viele Politiker kritisieren Homöopathie nicht mehr

Dass fragwürdige "Alternativen" wie Homöopathie heute so verbreitet sind, hat auch damit zu tun, dass viele Politiker wegsehen. Vor einigen Jahren kritisierten Gesundheitsexperten wie der SPD-Politiker Karl Lauterbach die Kassen noch deutlich: Man solle "schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen." Heute will er sich dazu nicht mehr äußern. (FR)

Aus Sicht der Krankenkassen liegt die Verantwortung bei der Politik. Alle drei Kassen begründeten ihr Vorgehen auf Nachfrage damit, dass gesetzlich schließlich nichts dagegen spreche. Gegenwind müssen sie dafür offenbar nicht mehr fürchten.

Wie könnte es besser gehen?

"Ich glaube, dass viele Nutzer von Homöopathie eigentlich vor allem eine empathischere und aufmerksamere Behandlung suchen", meint Natalie Grams. Gerade das komme bei vielen Ärzten jedoch zu kurz. 

Bild: Gudrun-Holde Ortner
Weiße Anführungszeichen
Vielen Patienten geht es nicht um Globuli, sondern das gute Gefühl.
Natalie Grams, Informationsnetzwerk Homöopathie

Doch um hier etwas zu bewegen, müsste sich vermutlich grundsätzlich etwas verändern. Das räumt auch die Medizinerin ein. Denn Zeit für ausführliche Gespräche haben bislang die wenigsten Ärzte.

Obwohl Homöopathie keine nachweisbare Wirkung hat, wird sie von immer mehr Krankenkassen bezahlt. Dabei geht es weniger um neue Behandlungsmöglichkeiten als um neue Mitglieder. Kritiker sagen, dass den Patienten mit mehr Aufmerksamkeit durch Ärzte besser geholfen wäre.

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