"Die SPD würde ja auch nicht die Schirmherrschaft für einen Flacherde-Kongress übernehmen"

Homöopathie ist umstritten wie kaum ein anderes Feld innerhalb der Medizin. Befürworter behaupten, die Globuli und Tinkturen hätten erstaunliche Wirkung gegen nahezu jedes erdenkliche Leiden. Kritiker sprechen ihnen ab, überhaupt Medizin zu sein. 

In diesem Minenfeld aus wissenschaftlichen Studien und emotionalen Behauptungen hat die SPD-Politikerin Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, nun eine erstaunliche Lagerwahl getroffen: Sie stellte sich auf die Seite der Homöopathie. In einer Pressemeldung wird sie als Schirmherrin des diesjährigen "Deutschen Ärztekongress' der Homoöpathie" angekündigt, der vom 29. Mai bis zum 1. Juni in Stralsund stattfinden wird. 

Wie lautet die Kritik an der Homöopathie?

Für homöopathische Heilmittel werden Wirkstoffe so stark verdünnt, dass sie wissenschaftlich nicht einmal mehr nachgewiesen werden können. Schon das 20-malige Verdünnen im jeweiligen Verhältnis 1:10 führe zu einer Wirkstoffkonzentration wie eine Tablette Aspirin im kompletten Ozean, rechnet das Erklärmagazin "kurzgesagt" vor. In der Homöopathie wird häufig sogar noch deutlich stärker verdünnt: so stark, dass teilweise nicht ein einziges Molekül vom Wirkstoff übrig bleibt. (Süddeutsche)

Dahinter steckt der Glaube: Je weniger von einem Wirkstoff enthalten sei, umso stärker wirke er. (Homöopedia)

Studien zufolge ist immerhin anzunehmen, dass der psychologische Placebo-Effekt – eine durch den Glauben an eine Wirkung ausgelöste Reaktion des Körpers – bei der Einnahme von Globuli und Co eintritt. (FAZ) Politikerin Schwesig sagte in ihrem online veröffentlichten Grußwort zur Konferenz: Entscheidend für die Medizin sei doch, "was der Patientin oder dem Patienten hilft."

Was die Politikerin dabei ignoriert, ist, wen sie da eigentlich unterstützt: Manche Anhänger der Homöpathie treten im Netz ähnlich aggressiv auf wie rechte Trolle, organisieren Kampagnen gegen Kritiker und üben Druck auf Medien aus. Gegen die kürzlich veröffentlichte Recherche des "taz"-Journalisten Bernd Kramer reichte der "Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte" (DZVhÄ) Beschwerde beim Presserat ein und warf ihm mangelnde Sorgfalt und Falschaussagen vor. Eben dieser Berufsverband ist auch Veranstalter der von Schwesig unterstützten Konferenz. 

Auch Dr. Natalie Grams kennt den Druck aus der Homöopathie-Lobby. Die Ärztin ist Leiterin des "Informationsnetzwerks Homöopathie" und war früher selbst praktizierende Homöopathin. Inzwischen ist sie Deutschlands prominenteste Skeptikerin und klärt in Vorträgen, Blogs und Büchern über die Methoden auf. 

Dr. Grams, was halten Sie von Manuela Schwesigs Entscheidung, sich an die Seite der Homöopathen zu stellen? 

Grußworte sind natürlich Aufgabe jeder Politikerin. Und auch auf früheren Homöopathiekongressen wurden schon Reden von prominenten Figuren gehalten. Das Wohlwollen von Frau Schwesig ist aber fragwürdig und wenig aufgeklärt. Das, was positiv über die Homöopathie veröffentlicht wird, entspricht meiner Meinung nach eher dem Postfaktischen. Und die SPD würde ja auch nicht die Schirmherrschaft für einen Flacherde-Kongress übernehmen. 

Wie erleben Sie die Menschen, an deren Seite sich Manuela Schwesig nun stellt?

Leider sind die Diskussionen mit Befürwortern der Homöopathie selten auf der Sachebene, sondern schnell persönlich und immer emotional. Die angeblich so sanften Heiler greifen erstaunlich schnell zu unfairen und zweifelhaften Methoden und persönlichen Attacken weitab jeder Sachdebatte. Ich lebe inzwischen verborgen und habe Vorträge unter Polizeischutz gehalten. Wegen einer medizinischen Sachfrage! Stellen Sie sich mal vor, das würde passieren, wenn zwei Gastroenterologen auf der Bühne diskutieren. 

Ihnen wird vorgeworfen, als Kritikerin von Homöopathika auf der Seite von "Big Pharma" zu stehen.

Darüber können wir als Kritiker nur den Kopf schütteln. Was den meisten Befürwortern der Homöopathie nicht klar ist: Die Hersteller von Globuli und Co sind oft Tochterfirmen von großen Pharmakonzernen und gehören zu deren Verbänden. Natürlich wollen die sich diese Einnahmequelle nicht entgehen lassen. Und deshalb sind die Pharmaverbände selbst ganz vorne dabei, sich zu beschweren, wenn wir die Homöopathie kritisieren. Bei uns ist noch niemand vorstellig geworden, um lukrative Angebote zu machen. 

Selbst als Kritiker der Homöopathie könnte man doch aber sagen: "Es ist ja nur Zucker, schadet also keinem." Warum also sollte Frau Schwesig nicht die Stimmen der Homöopathie-Freunde einsammeln?

Solange man Homöopathika bei kleineren Beschwerden wie Erkältungen oder einem Magen-Darm-Infekt einnimmt, kann einem ansonsten gesunden Menschen wenig passieren. Inzwischen werden Homöopathika aber sogar als Ersatz für Impfungen genannt oder bei Krebserkrankungen anstatt einer Chemotherapie empfohlen. Das ist grob fahrlässig, vor allem Kindern gegenüber, die sich nicht wehren können. 

Wenn Politikerinnen und Politiker sich offen für die Pseudomethode einsetzen, steigern sie dadurch die Glaubwürdigkeit der Homöopathie. Und steigern dadurch eben auch die Gefahr, dass Menschen mit schweren Leiden zu ihr greifen. 

Frau Dr. Grams, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das "Informationsnetzwerk Homöopathie" hat sich inzwischen auch in einem offenen Brief an Manuela Schwesig gerichtet. 


Gerechtigkeit

Über die seltsame linke Sehnsucht nach einer unschuldigen Nationalhymne
Wirklichkeit schafft Hymnen – und nicht umgekehrt

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow ist im Wahlkampf. Der Linken-Politiker will, dass die Ostdeutschen mehr singen. Dafür möchte er den Text der Nationalhymne ändern. In einem Interview sagte er: "Viele Ostdeutsche singen die Hymne (...) nicht mit und ich würde mir wünschen, dass wir eine wirklich gemeinsame Nationalhymne hätten." 

Ramelow ist nicht der Erste, der das fordert: Schon vor der Wiedervereinigung wurde oft eine neue Hymne verlangt. Selbst der CDU-Politiker Lothar de Maizière war damals dafür. Das neue Lied sollte nicht nur ein Zeichen an die Ostdeutschen sein, sondern allen Deutschen eine neue, friedliche Zukunft versprechen.

Aber von einer neuen Nationalhymne können sich Ostdeutsche nichts kaufen.

Doch liegt es wirklich an der Nationalhymne, wenn Ostdeutsche sie nicht mitsingen? Oder viel eher an den Erfahrungen, die viele von ihnen seit der Wiedervereinigung 1990 gemacht haben? Vieles spricht für zweiteres. Studien zeigen regelmäßig, wie groß Unterschiede zwischen Osten und Westen bis heute sind. Doch wer die sozialen Probleme in Brandenburg bekämpfen will, sollte nicht bei Musik anfangen.

Es ist ohnehin fraglich, wo und wie oft die Nationalhyme (nicht) gesungen wird. Außerhalb von Fußballstadien ist "Einigkeit und Recht und Freiheit" vor allem bei Staatsempfängen, über-enthusiastische Bundesjugendspielen oder Parteitagen der Jungen Union zu hören. An keinem dieser Orte wurde bislang ein Ost-West-Gefälle oder eine Hymnen-Hemmung festgestellt.