"Es hat nur einen Skandal provoziert"

"Polnische Todeslager", so dürfen Polen NS-Konzentrationslager ab dem 1.3.2018 nicht mehr bezeichnen. Denn heute tritt in dem Land das umstrittene "Holocaust-Gesetz" in Kraft. Es geht in dem Gesetz aber nicht bloß um solche Formulierungen: Wer dem polnischen Volk oder Staat eine Mitschuld an Nazi-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg unterstellt, soll demnach bestraft werden, mit Geldstrafen oder bis zu drei Jahren Gefängnis. (SPIEGEL ONLINE

Das Problem: Das Gesetz verfestigt damit ein Geschichtsbild, wonach Polen im Zweiten Weltkrieg ausschließlich Opfer war (faz.net). Historiker und Überlebende widersprechen: Auch Polen haben im Krieg mit Nazis zusammengearbeitet, sagen sie, auch Polen haben im Zweiten Weltkrieg Juden ermordet. (DER SPIEGEL, MDR, Deutschlandfunk

Deswegen haben Israel, die USA, die Europäische Union und auch Holocaust-Überlebende das Gesetz kritisiert. Israel wirft Polen vor, die Geschichte beschönigen zu wollen. Zudem greife Polen so die Meinungsfreiheit an, auch wenn Kunst und Wissenschaft von der Regelung ausgenommen sind. (Zeit Online) Immerhin: Um sicherzugehen, dass das Gesetz nicht die Meinungsfreiheit einschränkt, hat Präsident Andrzej Duda angekündigt, es dem Verfassungsgericht vorzulegen. (SPIEGEL ONLINE)

Was denken Polen über das Gesetz? Wir haben mit jungen Leuten aus Oświęcim/Auschwitz gesprochen.
Daria, 23 Jahre

Wenn ich erzähle, dass ich aus Oświęcim komme, heißt es oft: "Ach, du kommst aus Auschwitz". Nein, niemand kommt aus Auschwitz. Auschwitz existiert nicht mehr. Oświęcim existiert. Es ist der Ort, wo früher ein deutsches Konzentrationslager stand. 

Barack Obama hat schon 2012 den Begriff "Polnisches Vernichtungslager" benutzt. Das Problem ist also nicht neu. Später hat er sich dafür entschuldigt. Die meisten Menschen korrigieren ihre Fehler, sobald man sie darauf aufmerksam macht. Um eine falsche Verwendung zu vermeiden, reicht meist Diplomatie. Das "Holocaust-Gesetz" hat meiner Meinung nach nur einen Skandal provoziert und unnötig Länder wie Israel verärgert. 

Missverständnisse werden nicht durch Verbote ausgeräumt, sondern durch Bildung. An Schulen muss unterrichtet werden, was während des Nationalsozialismus passiert ist. Wer die Täter waren, wer die Konzentrationslager errichtet und geleitet hat und wer die Opfer waren. 

Ich glaube nicht, dass das Gesetz versucht, die Rolle von Polen während des Nationalsozialismus "rein zu waschen". Schließlich verbietet es ja nur Aussagen, die faktisch falsch sind. Natürlich haben auch Polen Juden getötet, und Antisemitismus ist bis heute ein Problem in Polen.

Aber auch Polen hat unter dem Nationalsozialismus gelitten. Auch Polen sind in Konzentrationslagern wie Auschwitz ermordet worden. Natürlich waren nicht alle Polen Heilige und nicht jeder Pole hat Juden gerettet. Trotzdem wünschen wir uns, dass unsere Seite der Geschichte erzählt wird.

Karolina, 28

Mir gegenüber hat noch nie jemand Auschwitz als "polnisches Todeslager" bezeichnet. Ich verstehe aber, warum Menschen emotional auf diesen Begriff reagieren. Es waren keine polnischen Lager. Es waren deutsche Lager, die von Nationalsozialisten gebaut und geleitet wurden.

Bei dem Gesetz geht es aber gar nicht um den Begriff "polnisches Todeslager". Das "Holocaust-Gesetz" verbietet es, dem polnischen Staat eine Mitschuld an den NS-Verbrechen zu geben. Das finde ich bedenklich, weil es die historische Objektivität gefährdet. Wenn wir von der Geschichte lernen wollen, müssen wir uns der Wahrheit stellen. Es gab viele polnische Opfer und sicher auch heldenhafte Polen, die Juden geschützt haben, aber es gab eben auch Polen, die Juden verraten, denunziert und ermordet haben.

Die Geschichte kann uns helfen, die Mechanismen von Diskriminierung zu verstehen. Für die Nazis waren Juden, Polen, Romas und andere Gruppen weniger Wert als Deutsche. Diese Idee hat Orte wie Auschwitz erst möglich gemacht.

Vorurteile wie Antisemitismus, Rassismus und Homophobie gibt es aber immer noch. Gegen diese Diskriminierung im Alltag müssen wir einstehen. Das ist das Wichtigste, was wir aus der Geschichte von Auschwitz lernen können.

Sabina, 34
privat

Wenn Menschen von "polnischen Todeslagern" sprechen, wissen sie es meist einfach nicht besser. Wer absichtlich von polnischen statt deutschen Konzentrationslager springt, ist in meinen Augen einfach nur dumm. Dagegen hilft kein Gesetz.

Statt sich darüber zu streiten, wer welche Rolle im Holocaust gespielt hat, sollte man nach den Gründen und Entstehungsbedingungen fragen. Ich habe oft den Eindruck, dass viele Menschen nichts aus der Vergangenheit gelernt haben. Sonst wäre der Nationalismus nicht in so vielen Ländern auf den Vormarsch.


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