Bild: bento / Miriam Dahlinger
"Der Dorn im Hintern der anderen Parteien"

Wie befürchtet", sagt ein Mann in schlechtsitzendem grauen Polyester-Anzug zu einem anderen, "viel zu viele Wähler haben nur nach dem Namen entschieden. Der Wille war da, aber statt den geilen Bouffier zu wählen, haben sie versehentlich den alten Bouffier gewählt."

Es ist 18 Uhr, in der mittelhessischen Stadt Limburg treffen sich etwa fünfzig Politikerinnen und Politiker in der Kreisverwaltung, um gemeinsam auf die Ergebnisse der Landtagswahl zu warten. Unter ihnen stehen, hinten links in der Ecke des schmucklosen Gemeindesaals, eine Handvoll Frauen und Männer in billigen grauen Anzügen und roten Krawatten. Sie sind Mitglieder der Partei "die Partei". 

Dem alten Bouffier steht die politische Haltung ins Gesicht geschrieben. Ich stattdessen stehe für schöne Politik.
Mario Bouffier

Mario Bouffier, 42-jähriger Grafiker aus Waldbrunn im Westerwald, ist Spitzenkandidat der Satire-Partei "die Partei" in Hessen. Volker Bouffier regiere "seit gefühlt hundert Jahren" in Hessen, es sei an der Zeit, ihn ohne Rückflugticket in die Wüste (zum Beispiel Brandenburg) zu schicken. Trotzdem ist sich die "die Partei" sicher: "Eine Zukunft Hessens gibt es nur mit Bouffier".

Sie wollen den alten Bouffier, Volker, gegen den neuen Bouffier, Mario, auswechseln. Wie seine Parteigenossen trägt auch Mario einen grauen Anzug und rote Krawatte. Allerdings ist sein Dreiteiler nicht von C&A und sitzt auch deutlich besser. Die braunen Haare hat Bouffier zum Dutt zusammengebunden, dazu Dreitagebart und blaue Augen. Ginge es an diesem Wahlabend nur um Aussehen, hätte Mario die Hessenwahl schon gewonnen.


Aussehen, Name, oder doch Inhalte – welche Eigenschaften sind im Wahlkampf entscheidend? "Alle drei", sagt Mario Bouffier. Aber wofür steht seine Partei inhaltlich? "Die Partei ist sehr gut", sagt er nur. "Die Partei", kurz für "Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative" wurde 2004 von Redakteuren des Satiremagazins "Titanic" gegründet. Mittlerweile zählt sie rund 29.000 Mitglieder, ihr Vorsitzender Martin Sonneborn zog 2014 ins Europaparlament.

Auch wenn die Kleinstpartei einen Ruf als "Spaßpartei" hat, wollen ihre Mitglieder nur auf den ersten Blick unterhalten. Vielmehr wollen sie auf Missstände hinweisen. In Hessen nahm "die Partei" übliche Wahlkampfthemen auf, und lieferte auf die vermeintlich leeren Versprechen der etablierten Parteien eine ironische Antwort.

  • Energiewende: "Klimaschutz ja, aber nicht vor unserer Haustür. Deshalb fordern wir unterirdische Windkraftanlagen im ganzen Land."
  • Integration: "Wähler aus dem Ausland sind bei uns willkommen. Für Härtefälle aus dem Polizeistaat Bayern ist es jedoch von Nöten, vor der Einbürgerung Nachhilfe in Rechtskunde und Leitkultur anzubieten."
  • Verkehrswende: "Kommunaler Stauausgleich und innovative Verkehrskonzepte für Pendler fördern: Wasserrutschentrassen aus dem Taunus nach Frankfurt und ein Seilbahnnetz fürs Hinterland."
  • Bildung: "Schulische Bildung wird modernen Gegebenheiten angepasst: Alle Schüler werden ab der Grundschule via Snapchat unterrichtet, in der Oberstufe via Tinder."
  • Sicherheit: "Für mehr Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen - das steigert das Sicherheitsgefühl aller 'Fürchtlinge'."

In der Kreisverwaltung gibt es Käsesspieße mit Deutschlandflagge, dazu Apfelschorle von der Firma "Heil". 

Auch Satire? "Damit hatten wir nichts zu tun", versichern die Parteimitglieder. Das Buffet sei von der Kreisverwaltung organisiert worden. Überhaupt, wenn es um rechte Ideologie geht, werden "die Partei"-Politiker ernst. Als auf der Leinwand übertragen wird, wie ein AfD-Politiker die deutsche Nationalhymne anstimmt, verlassen "die Partei"-Mitglieder geschlossen den Saal. 

Die kleine Gruppe Anzuträgerinnen und -träger zieht durch die dunkeln Gassen der Domstadt weiter in die älteste Kneipe der Stadt. Im urigen "Zum Batzewert", wo der Stramme Max 6,90 Euro kostet, stößt "die Partei" auf ihren Wahlerfolg an. Ihr genaues Ergebnis kennen sie zwar nicht, aber weil sie im Wahlkreis Limburg-Weilburg zum ersten Mal angetreten sind, gibt es auch kein Ergebnis zu übertreffen: "Hundert Prozent plus X Verbesserung".

An einen Eichentisch gelehnt, fällt von Bouffier in der Kneipe langsam alle Ironie ab. Statt Sekt trinkt er Malzbier. Auch privat verzichte er auf Alkohol, er lebe schon seit vielen Jahren vegan und engagiere sich für den Tierschutz, erzählt er. Am meisten freue er sich nach der Wahl darauf, endlich seinen grauen Anzug auszuziehen und mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Für den Wahlkampf habe er zehn Tage Urlaub genommen, und sei jeden Tag bis zu 19 Stunden auf den Beinen gewesen.

Wenn meine Kinder an den Wahlplakaten vorbeifuhren, haben sie immer angefangen zu jammern, weil sie den Papi endlich mal in echt wiedersehen wollten.
Mario Bouffier

Wochenlang durch ganz Hessen fahren, um Infostände aufzubauen, Plakate zu kleben und Proteste gegen rechtsextreme Parteien zu organisieren – das machen Menschen wie Bouffier nicht für den schnellen Lacher, dafür braucht es Idealismus. Wer sich in der Partei "die Partei" engagiert, dem ist Politik nicht egal. "Wir sind keine Spaßpartei", sagt Bouffier und wird jetzt ernst. "Das ist mir wichtig: wir wollen den etablierten Parteien den Spiegel vorhalten, und zeigen, was falsch läuft." Dann fügt er hinzu: 

Wir sind der Dorn im Hintern der anderen Parteien.
Mario Bouffier

"Satire ohne Inhalt ist bloß ein Witz", stimmt Landesvorsitzender Christian Scheeff seinem Spitzenkandidaten zu. "Ich glaube, dass wir wirklich etwas verändern können. Gerade bei den jungen Menschen", sagt er. Natürlich bestehe immer die Gefahr, dass jemand die Botschaft nicht verstünde. "Die Partei" sei bissig und schieße auch mal übers Ziel hinaus. Aber als kleine Partei habe sich "die Partei" eben für eine andere Form der Kommunikation entschieden. Mit Überspitzungen schaffen sie Aufmerksamkeit und hoffen, die Menschen wieder für Politik zu interessieren.

Dass "die Partei" an diesem Abend, oder in Zukunft, über fünf Prozent kommt, glaubt hier wohl niemand, aber um Wählerstimmen geht es den anwesenden Politikern sowieso nur zweitranging. Vor allem wollen sie Menschen dazu bringen, sich wieder mit Politik auseinanderzusetzen, auf Schwachstellen hinzuweisen und zum Denken und Partizipieren anzuregen.

Die Champagnergläser sind leer, im "Betzenwert" herrscht Aufbruchsstimmung. Doch für "die Partei" geht es noch nicht nach Hause. Stattdessen wollen sie in die nächste Kneipe – zur Wahlparty der SPD: Trost spenden.


Future

Von Schokolade bis Klopapier - weißt du, wie viel Leben kostet?

So ein Leben ist ganz schön teuer. Mehr als eine Millionen Euro gibt ein Deutscher durchschnittlich in seinem Leben aus. (tz)

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