Bild: dpa/Stephanie Pilick
Nun gibt's viel Lärm um nichts.

Am Pestalozzi-Gymnasium in Herne gibt es Burkinis. Und zwar schon seit 2016. Burkinis sind die Figur verhüllende Badeanzüge, die vor allem für muslimische Frauen hergestellt werden – so können sie Schwimmen gehen, ohne ihre Haut zu zeigen. 

In Herne wurden die Burkinis damals angeschafft, um Schülerinnen zum Schwimmunterricht zu motivieren – denn viele Muslima blieben bislang fern.

Also hatte die Schule insgesamt 20 Burkinis in verschiedenen Größen bestellt, sagt Schulleiter Volker Gößling zu bento. "Das war damals eine Überlegung, die allen geholfen hat – es gab nie ein Problem." 

Doch nun ist es ein Problem – denn ein Medienbericht hat den Kauf von vor zwei Jahren zum Thema gemacht und damit eine neue Integrationsdebatte angestoßen.

Die "WAZ" schrieb am Dienstagmorgen über den Burkini-Kauf – im Netz bezeichnen nun viele die Aktion als falsch. Die Thüringer AfD schrieb auf Twitter, die Idee sei eine "Einbahnstraße" und nutzte den Hashtag #IntegrationGehtAnders. Andere warnen wieder vor dem Untergang des Abendlandes.

Auch der Erziehungswissenschaftler Klaus Spenlen findet den Ankauf fragwürdig. Dieser sei "vorauseilender Gehorsam", sagte er gegenüber der "WAZ". Die Schule hätte lieber einen reinen Mädchen-Schwimmunterricht anbieten sollen, anstatt Jugendliche an die Verhüllung zu gewöhnen.

Schulleiter Gößling kann die Aufregung nun nicht verstehen:

Bei uns soll jeder Schwimmen lernen, und dafür habe ich die Bedingungen geschaffen.
Volker Gößling

15 Schülerinnen hätten das kostenlose Angebot in den vergangenen zwei Jahren genutzt. Am Pestalozzi-Gymnasium müssen Schülerinnen und Schüler jeweils in der 6. und 8. Klasse zum Schwimmunterricht. Der Unterricht ist für alle verpflichtend, aber muslimische Mädchen hätten eben oft geschwänzt, sagt Gößling. 

Aus religiösen Gründen wollen sich viele Muslima vor Männern nicht zu sehr entblößen. Mit den Burkinis wollte der Schulleiter den Schülerinnen so eine Ausrede nehmen.

Wie Niqab und Burka im Islam bewertet werden

Im Islam gilt es als gotteswürdig, sich nicht zu sehr zu entblößen, das gilt für Männer und Frauen. Der Koran kennt allerdings kein klares Verhüllungsgebot – stattdessen wird in drei Versen nur vage züchtiges Kleiden erwähnt. Über die Jahrhunderte haben sich in muslimisch geprägten Ländern so sehr unterschiedliche Kleidervorschriften entwickelt.

Die konservativsten Formen sind die Burka in Pakistan und Afghanistan sowie der Niqab in Saudi-Arabien und im Jemen. Beide sind eher moderne Erscheinungen. In früheren Jahrhunderten waren sie kaum verbreitet, viele muslimisch geprägte Länder verbieten heute sogar Vollverschleierung in öffentlichen Einrichtungen.

Auch wenn sich Muslima aus freien Stücken für die Vollverschleierung entscheiden – viele tragen sie auch unter gesellschaftlichem Zwang. Besonders in Saudi-Arabien gilt noch eine konservative bis extremistische Auslegung des Koran. Viele Gläubige begreifen daher die Vollverschleierung als Gottesgebot.

Die Burkinis kosteten 20 Euro pro Stück – insgesamt 400 Euro hat das Pestalozzi-Gymnasium also ausgegeben.

Das Geld stammte von Spenden oder aus Privatinitiativen. Fördermittel wurden für den Kauf nicht verwendet, sagt Gößling. Und die Anschaffung sei kein Sonderfall gewesen: "Auch sozial schwachen Kindern helfen wir mit Spenden und Schulmaterial weiter."

Auch die Religionspädagogin Lamya Kaddor sagt, der Burkini-Kauf in Herne sollte nun nicht zu einem Skandal aufgebauscht werden.

Viele deutsche Muslima würden mit dem Thema längst locker umgehen, sagt sie zu bento. Burkini-Trägerinnen im Schwimmunterricht seien nur ein kleiner Ausschnitt:

Die große Mehrheit der muslimischen Mädchen in Deutschland geht ganz unproblematisch zum Schwimmunterricht – selbst die, die sonst Kopftuch tragen.
Lamya Kaddor

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin und arbeitet selbst als Lehrerin. Das Land Nordrhein-Westfalen hat sie bereits vor Jahren im Umgang mit muslimischen Schülerinnen und Schülern beraten. 

  • Ihr Tipp damals: Burkinis im Schwimmunterricht erlauben, in Ausnahmefällen. 

"Der Burkini darf nur die Ultima Ratio darstellen", sagt Kaddor. "Und nur, wenn es vorher intensive Gespräche mit den Eltern gab." Einfach vorsorglich Badeklamotten kaufen und den Schülerinnen und ihren Eltern eine Auseinandersetzung mit dem Thema ersparen, sei falsch. Denn:

Beim Sportunterricht geht es nicht nur um Sport – sondern auch um Gleichwertigkeit, Gleichberechtigung und der Auseinandersetzung mit Körperlichkeit.
Lamya Kaddor

Durch die Burkini-Aktion können Muslima am Unterricht teilnehmen. Und Teilhabe sei nun mal der beste Weg zur Integration, sagt die Islam-Forscherin Susanne Schröter

Schröter ist Gründerin und Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam und forscht zu Genderfragen unter Muslimen. Sie sagt:

Rechtlich gibt es keine Möglichkeit, eine Schülerin zu Bikini oder Badeanzug zu zwingen – also ist der Burkini ein guter Kompromiss für alle.
Susanne Schröter

Viele Eltern würden ihren Töchtern den Unterricht verwehren oder Anträge auf Befreiung stellen – "so wurde ihnen diese Möglichkeit genommen", sagt Schröter.

Langfristig sollten Mädchen eigene Antworten finden, wie sie sich kleiden wollen.  

Einen Zwang gibt es auf jeden Fall nicht. Denn der Islam kennt kein klares Kopftuchgebot, sagt Islam-Forscherin Schröter. Viele Historiker streiten sich laut Schröter seit Jahren darüber, was gemeint ist, wenn im Koran steht, man solle seine Blöße bedecken. "Damit kann der Busen gemeint sein oder die Schulter – aber das Wort Kopf taucht nirgendwo auf." 

Dass sich mehr und mehr Frauen verhüllen, sei eine neue Erscheinung. Männer wollen sie damit unter besonderen Schutz stellen, was laut Schröter nicht unbedingt positiv zu sehen ist:

"Das Kopftuch ist immer noch Ausdruck davon, dass Frauen nicht gleichgesetzt werden. Aber damit müssen sich muslimische Frauen auseinandersetzen – nicht der deutsche Staat."

Und wie kamen die Burkinis in der Schule in Herne selbst an?

Die Anschaffung sei sowohl in der Schule als auch bei den Eltern gut angekommen, sagt Gößling. Kritik habe es nicht gegeben, Neid auch nicht. Der einzige Effekt: "Alle schwimmen nun gemeinsam."


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