Bild: dpa

Wer die Helmut-Schmidt-Nachrufe der vergangenen Tage gelesen hat, kann sich wundern, dass der Hamburger überhaupt jemals das Kanzleramt verlassen musste. Bis zuletzt war Schmidt eine Autorität, ein gefragter Analytiker des Weltgeschehens, ein Über-Politiker.

Eben jener Schmidt verlor vor 33 Jahren nicht einfach das Kanzleramt, er wurde vom Hof gejagt. Der Koalitionspartner FDP wechselte mitten in der Legislaturperiode zur Union, seine SPD stellte sich fast geschlossen gegen die Außenpolitik, von der Schmidt überzeugt war. „Er hat nicht mehr das Sagen. Er wird Vergangenheit“, schrieb der SPIEGEL damals über Schmidt.

Der gehasste, geliebte Kanzler – man muss sich Schmidts ganze Geschichte vergegenwärtigen, in diesen Tagen, in denen Deutschland wieder eine Kanzlerinnendämmerung zu erleben scheint. Angela Merkel galt vor kurzem noch als die Unschlagbare, mit ihrem "Wir schaffen das"-Optimismus in der Flüchtlingskrise hat sie Teile ihrer Partei und des Volkes gegen sich aufgebracht.

Nun sinken ihre Umfragewerte und ihre Autorität: Ihr Innenminister glaubt, massive Änderungen in der Asylpolitik nicht einmal mit seiner Chefin absprechen zu müssen (SPIEGEL ONLINE). Merkels Macht schwindet, ist in den vergangenen Tagen überall zu lesen.

Da ist sicher etwas dran. Dennoch verkennen viele Kommentatoren, wozu Macht eigentlich gut ist? Nämlich um "den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen", in der berühmten Definition Max Webers. Auch gegen Widerstreben, Herr Schäuble.

Jahrelang hat Merkel ihre Macht gehortet. Jetzt setzt sie sie ein.

Dabei galt Merkel jahrelang als eine Politikerin ohne Überzeugungen. Eine, deren größtes Projekt das Kaltstellen parteiinterner Konkurrenten ist. Eine, die Macht hortet.

Schließlich galt sie als "mächtigste Frau der Welt" (Forbes). Dass sie diese Macht nun für ein weltoffenes Deutschland einsetzt, ist ihr gutes Recht. Sie hat vor zwei Jahren ein überragendes Mandat der Bürger bekommen. Hunderttausenden wehrlosen Menschen eine Zuflucht zu geben, ist wohl der beste denkbare Weg, Ihr politisches Kapital einzusetzen.

Natürlich wirken die aufmunternden Worte der Kanzlerin teils weit weg von den ganz realen Problemen in der Flüchtlingskrise, von nicht winterfesten Zelten und überfüllten Deutschkursen und Nazi-Horden, die prügelnd und brandschatzend durch deutsche Städte ziehen.

Aber Chaos ist bei großen politischen Projekten leider die Regel. Dass Ex-Kanzler Schröder nun süffisant anmerkt, Frau Merkel habe "Herz, aber eben keinen Plan" (SPIEGEL ONLINE), lässt jeden schmunzeln, der sich an Schröders eigene Kanzlerjahre erinnert.

Die Agenda 2010 – Schröders umfassende Wirtschaftsreformen – sorgten erstmal vor allem für Verwirrung in den Arbeitsagenturen, Zorn in seiner Partei und Massenprotesten der Gewerkschaften. Im Rückblick war die Agenda erfolgreich: Sie beendete die Zeit zweistelliger Arbeitslosenquoten in Deutschland. Aber eben auch Schröders Kanzlerschaft.

Schmidt, Schröder, heute Merkel – Macht hatte jeder der deutschen Bundeskanzler. Historisch wurden sie erst, als sie ihre Macht einsetzten.

Was bedeutet der Hinweis "Meinung"?

Unsere Autoren und Redakteure argumentieren klar, meinungsstark, manchmal polemisch. Unsere Kommentare sind, das liegt in der Natur der Sache, absolut subjektiv und müssen nicht der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen. Wir wollen weder unseren Lesern noch unseren Kollegen vorschreiben, wie sie über einen Sachverhalt zu denken haben; wir wollen zur Debatte anregen – und freuen uns auf den Dialog. (Mehr Fragen und Antworten zum Redaktionsalltag findet ihr hier: FAQ)