Kann den wer anzünden bitte?

Diesen Satz schrieb Boris, 33, verheirateter Vater auf eine Facebook-Seite der rechtspopulistischen FPÖ. Der Satz galt Florian Klenk, einem Journalisten des österreichischen Magazins "Falter". Auf Twitter hatte dieser zuvor geschrieben: "Der ORF sollte die Nachrichten optional mit türkischen Untertiteln senden."

Ein verständliche Forderung, Klenk dachte sich nichts dabei, als er sie twitterte. Schließlich wäre es doch gut, wenn mehr Türken Zugang zu unabhängigem Journalismus hätten. Trotzdem drohte Boris ihm mit dem Tode. Klenk überfiehl ein Gefühl der Angst, wie er in seiner Falter-Reportage schreibt. Er scrollt durch Boris' Facebook-Profil, sieht die rassistischen, flüchtlingsfeindlichen Memes.

Klenk beschloss, ihn in seinem Einfamilienhaus in Oberösterreich zu besuch – und ihn zu konfrontieren.

Wer ist der Mann, der ihn wegen eines harmlosen Tweets anzünden möchte?

Klenk trifft einen selbstbewussten jungen Mann. So beschreibt er ihn in seiner Reportage. Als er den Kommentar schrieb, stand er kurz davor, bei einem Unternehmen als Juniorpartner einzusteigen. Dort arbeiten auch Türken und Serben, oft härter als die Deutschen, wie Boris sagt.

Seine Nachrichten sucht sich Boris auf YouTube, Google und Facebook zusammen. Bei Facebook hat er den rechtspopulistischen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, und reihenweise rechte Seiten abonniert, die gerne Verschwörungstheorien verbreiten und Stimmung gegen Ausländer machen.

Er schimpft auf Migranten, andere Meinungen tauchen in seinem Feed kaum mehr auf. Boris lebt in einer dieser Filterblasen, über die spätestens seit der US-Wahl Menschen auf der ganzen Welt diskutieren. "Es ist kein Wahn, der Leute wie Boris erfasst, sondern es sind 'einseitige Interpretationen der Welt', eine Einengung, schreibt Klenk in seiner Reportage. Und weiter "Wer seine Welt mit Ängsten überfrachtet, könne noch korrigiert werden. Etwa durch das Reden, durch die Konfrontation mit anderen Meinungen."

Genau das ist nun offenbar passiert. Boris will nicht mehr hassen – und hat seine Filterblase durchbrochen.

Das schrieb er Florian Klenk. Der veröffentlichte Boris' Nachricht am Dienstag auf Facebook:

"Ich habe jedoch ganz bewusst versucht, Filterblasen und Echokammern nicht nur zu vermeiden, sondern bestehende aktiv zu durchbrechen und das ist einfacher als man denkt.

Ich habe viele meiner "Gefällt mir" und Abonnements auf Facebook entfernt und statt dessen versucht eine ausgewogenere Infrastruktur an News-Quellen zu aufzubauen."
Man startet entspannter in jeden Tag, wenn das erste, was man beim morgendlichen Kaffee liest, nicht von vergewaltigenden Migranten handelt.

Und:

"Ich habe Leute wie Christian Kern, Armin Wolf, Sebastian Kurz und nicht zuletzt Sie, Hr. Klenk zu meinen Abos hinzugefügt. Schlagartig verändert sich das Spektrum an Nachrichten welche man von Facebook aufgetischt bekommt.

Und glauben Sie mir – man startet entspannter und mit einem positiveren Gefühl in jeden Tag wenn das erste was man beim morgendlichen Kaffee liest nicht von vergewaltigenden Migranten handelt sondern zB von der Solidarität und Hilfe gegenüber Leuten die bestens integriert sind und nun unverständlicherweise doch abgeschoben werden sollen."

Sein Wunsch:

"Es würde mich freuen wenn dieses Statement genauso viele Leute erreicht wie der ursprüngliche Artikel über mein 'Hass-Posting'. Hätte ich damals gewusst was ich heute über die Filtermechaniken der sozialen Medien weiß, wäre es nie soweit gekommen."

Jedes Jahr machen wir im Falter einen Jahresrückblick. Wir fragen bei den Leuten nach, deren Geschichten wir...

Posted by Florian Klenk on Tuesday, December 20, 2016


Boris, sein Hassausbruch und die Ursachen dafür sind vermutlich ein Fall von vielen.

Seit der Brexit-Abstimmung und dem Wahlsieg von Donald Trump in den USA wird wieder vermehrt über die sogenannten Filterblasen geredet. Den Begriff führte ursprünglich der Internetaktivist Eli Pariser ein. Er beschrieb damit die Filterung unserer Nachrichten durch Algorithmen. Facebook beispielsweise zeigt dir tendenziell eher Artikel an, die deiner politischen Meinung entsprechen.

Dahinter steckt Profitstreben: Facebook verdient sein Geld mit Werbung, Nutzer sollen so viel Zeit wie möglich auf der Plattform verbringen. Deswegen zeigt das Netzwerk Artikel an, die wir – basierend auf unserem bisherigen Verhalten – wahrscheinlich lesen wollen.

So wird es tendenziell schwerer, sich von neuen, gänzlich gegensätzlichen Sichtweisen irritieren und zum Nachdenken anregen zu lassen. Die Kommunikationswissenschaftlerin Katharina Kleinen-von Königslöw empfiehlt deshalb, die Seiten von Parteien anzuklicken, die nicht der eigenen politischen Überzeugung entsprechen, und so den Algorithmus zu verwirren (mehr dazu im Interview bei bento).

Genau diesen Schritt hat Boris nun offenbar gewagt. Sein Fazit:
"Wer nur in eine Richtung abonniert und 'liked', der bildet sich keine Meinung – er übernimmt die Meinung anderer."

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