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Das Private ist beruflich.

Bevor ich als Frau Texte publiziere, die meine Erfahrungen aus einer subjektiven Perspektive schildern, denke ich dreimal über die Konsequenzen nach. Schließlich gibt es immer jemanden, der mir nach einem Beitrag aus der ersten Person Singular ungefragt Ratschläge zur Erörterung meiner "traumatischen Kindheit" geben möchte. Jemanden, der sich ernsthaft Sorgen macht, ich "würde alleine sterben, weil Singlesein scheinbar zur Emanzipation dazugehört."

Mit jedem privaten Detail machen sich schreibende Frauen angreifbar. Vielen von ihnen wird vorgeworfen, sie würden sich bloß um sich selbst drehen und nach Aufmerksamkeit schreien: insbesondere wenn sie es wagen, pikante Kommentare über ihr Privatleben zu schreiben.

"Gefühlige, unglaublich egozentrische Befindlichkeitsdiskussionen. Ist diese Ausprägung ewig um sich selbst kreisender Reflexionen wirklich Ihre Vorstellung von Journalismus?“, meint einer zu meinem Text "Von Wien nach Hamburg". Dabei war das noch einer der netten Wortmeldungen. Fotze, Feminazi oder "einfach behindert" genannt werden: das ist die andere Seite, die unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung zum Vorschein kommt.

"Zu weich, zu persönlich, nicht objektiv genug!“, schreiben die gesichtslosen Berufskritiker regelmäßig mit einem Selbstbewusstsein, als ob sie die New York Times gegründet und den Onlinejournalismus neu erfunden hätten. Woher kommt der Vorwurf des “Nabelschaujournalismus"? Ich werfe einen Blick in die Literatur von Elisabeth Klaus und Johanna Dorer.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Frauen Arbeitsfelder zugewiesen, die "weiblich" behaftet waren. Die in der Hierarchie der Medienlandschaft gering bewertet waren, weil sie kein Mann freiwillig getan hätte: Kleinere Schreib- und Tipparbeiten. Später Beiträge zu “Frauenthemen“ wie Kochen, Basteln oder Gartenarbeit.

Politik war ebenso wie Wirtschaft Männerdomäne, das Feuilleton hingegen versuchte in persönlicher Weise die Kleinigkeiten, Nebensächlichkeiten - wie die Hater kritisch anmerken - des Lebens zu thematisieren und ihnen dabei eine bewegende Seite abzugewinnen. Um zu emotionalisieren, zum Nachdenken anzuregen oder einfach nur zu unterhalten. Auch das kann eine Funktion von Journalismus sein. Gerne wird vergessen, dass persönliche Themen in einem gesamtgesellschaftlichen Kontext verwurzelt sind.

Journalistinnen setzten sich über die moralischen Vorstellungen ihrer Zeit hinweg und berichteten offen über Ehe, Scheidung oder Kinder. Statt diese Arbeit zu wertschätzen, sprachen Publizisten wie Groth (1930) oder David (1906) der Frau lediglich eine gewisse Subjektivität zu, die mit ihrer “Fähigkeit zu plaudern“ im Einklang stünde. Genau diese sexistische Tradition spiegelt sich heute in den Kommentaren wider.

Statt inhaltliche Diskussionen über offene Beziehungen, Abtreibungen oder abweichende Formen von Männlichkeit zu führen, wird im Thread erstmal gemeinschaftlich über den weiteren beruflichen Werdegang der Journalistin abgestimmt.

Bei den wenigen Kommentierenden, die dank ihrer Lautstärke als geschlossene Mehrheit auftreten, handelt es sich häufig um eine ganz spezielle Art von User, der denkt, er hätte das Recht zu kontrollieren, was junge Frauen im Internet von sich geben. Selbstverständlich ist ein Mann, der den Meinungsbeitrag einer Frau abwertet, anders als die Autorin nicht "frustriert". Er ist auch nie hysterisch, er hat eben nur einfach ganz sachlich seine Kritik formuliert.

Die Idee zu kommentieren ist so lange wichtig, bis nicht mehr Thema und Sprache eines Artikels im Vordergrund stehen – sondern die Journalistin als scheinbar öffentliche Person, der jeglicher Schutz vor Belästigung und Abwertung im Moment der Veröffentlichung abgesprochen wird. Und damit auch ihr Äußeres.

Selbst schuld!

In einem Artikel zum Fishgape wird mir vorgeworfen, dass ich doch nur versuchen würde, andere Frauen in die Pfanne zu hauen - besonders, "wenn sie attraktiver sind, als man selbst.“ Merke: Die wichtigste Aufgabe, die eine Journalistin zu erfüllen hat, ist, gut auszusehen.

Wer jetzt denkt, dass Männer online genauso angegangen werden, irrt. Eine neue Studie des Guardians, in der 70 Millionen Onlinekommentare auf der Seite seit 2006 untersucht wurden, hat inzwischen bewiesen, dass acht von jenen zehn Autoren, die online am häufigsten diskreditiert werden, Frauen sind. Alles Zufall?

Wieso schreibst du nicht Tagebuch?

Während Schriftsteller wie Benjamin von Stuckrad-Barre für ihr Dandytum gefeiert wurden, steht dieselbe Sorte Text bei Frauen unter pubertärem Selbstfindungsverdacht. "Warum schreibt sie das? Bekommt sie nicht genug Liebe? Vielleicht sollte sie einfach mal wieder hart rangenommen werden.“ - so die bekannten Argumentationsmuster.

Auch die weit verbreitete Annahme, dass Unterhaltung der Information konträr gegenübersteht, ist für die Fortsetzung der Debatte von Bedeutung. Wissenschafterin Rosalind Coward sieht die bewusste Gegenüberstellung problematisch. Sie ist der Ansicht, dass Geschichten des alltäglichen Lebens – über menschliche Verhaltensweisen, Gefühle, Hoffnungen, Ängste und Herausforderungen – die Seele jeder guten Zeitung repräsentieren sollten. Sie sieht die persönlicheren Stimmen im journalistischen Umfeld als Indiz einer generellen, gesellschaftlichen Weiterentwicklung.

Das narrative Ich kann gewählt werden, um bestimmte Themen anders aufzubereiten und "dem" Journalismus eine lebensnahe Komponente zu verleihen. Das bedeutet im Gegenzug nicht, dass es keinen Bedarf an gut recherchierten Reportagen und investigativen Stories gibt. Sondern, dass neben den Hard-News auch jene Geschichten wichtig sind, die Einzelne erleben.

Oft repräsentieren diese nämlich viele Menschen, die anders gar nicht zu Wort kommen würden. Schreiben ist somit mehr als nur eine Möglichkeit, an der Welt zu partizipieren. Es ist eine Chance, Themen zu setzen – und damit Gedankengänge aus bislang marginalisierten Positionen anzustoßen.