Bild: Oliver Hofmann / Brandstätter Verlag

Pure Erfindung", "Femi-Wahnsinn", "Das Boot ist voll": In Kommentaren im Internet setzt sich nicht immer das beste Argument durch. Schlimmer noch: Wenn Betreiber von Webseiten anfangen, sinnlose oder beleidigende Kommentare zu löschen, soll plötzlich die Meinungsfreiheit bedroht sein.

Ingrid Brodnig wurde 1984 in Graz geboren. Sie studierte Journalismus und Unternehmenskommunikation, arbeitete bei der Wiener Wochenzeitung "Falter", zuletzt als Chefin des Medienressorts. Aktuell Redakteurin beim Wochenmagazin "Profil".

Was also tun? Die Journalistin Ingrid Brodnig beschäftigt sich mit der Debattenkultur im Internet. Gerade ist ihr zweites Buch erschienen: "Hass im Netz – Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können". Wir haben sechs Tipps aus Brodnigs neuem Buch gesammelt, mit denen man sich gegen herabwürdigende Rhetorik wehren kann. Selbst dann, wenn Argumente nicht mehr zählen.

1. Finde ein eigenes Argument

Stellst du etwas richtig, solltest du es nicht einfach nur verneinen. Das schwächt deinen Einwand und ruft bloß die ursprüngliche Falschmeldung oder das schlechte Argument in Erinnerung.

Ein Beispiel: Donald Trump erklärte 2012 auf Twitter: Die Erderwärmung sei bloß eine Erfindung der Chinesen, um der Wirtschaft der Vereinigten Staaten zu schaden.

Es wäre nur naheliegend, einfach darauf zu antworten: "Nein, die Erderwärmung ist keine Erfindung." Aber indem man die Aussagen nur verneint, verteidigt man den eigenen Standpunkt innerhalb des Rahmens, den der andere vorgegeben hat. Eine schwache Verhandlungsposition.

Lösung: Es ist klüger, den eigenen Standpunkt darzustellen. Zu Trump ließe sich sagen: "Die Erderwärmung ist real, sie ist messbar und im Gegenteil, Herr Trump, kein Wirtschaftsstandort kann es sich leisten, diese Gefahr zu ignorieren." Dasselbe funktioniert auch für die "Das Boot ist voll"-Metapher:

Selbst wenn du sagst, dass das Boot nie voll sei, kaufst du dich sprachlich in die Idee der Nation als Boot ein - mit allen ihren gedanklichen Schlussfolgerungen.

Die Formulierung legt nahe, dass Deutschland beengt wie ein kleines Boot sei – das ruft unbehagliche Bilder hervor.

Wer Empathie für die Situation von Flüchtlingen wecken will, sollte dieses Bild von der Nation als wackeligem Boot in unsicheren Gezeiten vermeiden. Du kannst zum Beispiel sagen: "Wir können nicht von der Not anderer Menschen wegsehen. Sicher ist es bequem, zu ignorieren, wie viele Menschen vor Krieg und Terrormilizen fliehen müssen. Verantwortungsbewusstsein ist diese Vogel-Strauß-Taktik aber nicht."

2. Verzichte auf Beschimpfungen

Argumente sind besonders überzeugend, wenn sie an gemeinsame Werte appellieren. Es ist wichtig, dass du erklärst, welche Überlegungen dich zu einer bestimmten Sichtweise führen.

Ein Beispiel: Nehmen wir an, du verteidigst Empathie für Geflüchtete: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass dir viel Häme entgegenschlägt und du als Gutmensch bezeichnet wirst. Das sind verletzende Worte, weil sie den Eindruck erwecken, Empathie sei etwas Schlechtes. Trolle und andere Rüpel zielen darauf ab, dass du ruppig wirst und sie als "hirnlos" oder "Nazis" beschimpfst. Passiert das, schreit der Troll zurück: "War ja klar: Für diese Gutmenschen ist jeder ein Nazi, der etwas anders sieht als sie."

In diesem Fall passiert etwas Problematisches: Der aggressive User erntet womöglich Sympathie, er kann sich jetzt als Opfer inszenieren.

Lösung: Tue ihm lieber nicht den Gefallen, selbst auf Beschimpfungen zurückzugreifen, auch wenn es dich in den Fingern juckt. Sage lieber: "Ich bitte darum, dass wir diese Diskussion sachlich und ohne Schimpfworte führen." Wenn der andere mit seiner Aggression nicht aufhört, schreibst du: "Sie haben mich nun schon mehrfach beleidigt. Bleiben Sie bitte sachlich, sonst ist eine konstruktive Diskussion unmöglich." Benennst du in deinen Kommentaren rhetorische Angriffe als solche, statt gleich loszuschimpfen, ist das für den attackierenden User frustrierend.

(Bild: © Oliver Hofmann/Brandstätter Verlag)
3. Mach klar, was Meinungsfreiheit wirklich bedeutet
Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Weder treten hier die Regeln des menschlichen Zusammenlebens außer Kraft, noch erlaubt die Meinungsfreiheit jede Wortmeldung.

"Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Mit diesen Worten beginnt der Artikel 1 des Grundgesetzes - und das gilt auch im Internet.

Ein Beispiel: Eine Diskussion eskaliert und ein User beschimpft andere grob ("Du bist eine verachtenswerte Hure :-)"), betreibt üble Nachrede über eine andere Person, bedroht ("Ich komme zu deinem Haus und werde dich brutal vor deiner Familie vergewaltigen") oder ruft zu Gewalt gegen eine religiöse oder ethnische Gruppe auf.

Lösung: Allem voran schützt uns das Recht auf Meinungsfreiheit vor staatlicher Verfolgung und einem Eingriff der Behörden ins Private. Das ständige Pochen auf die Meinungsfreiheit ist eine Strategie, die den Vorteil hat, nicht für seine eigenen Worte gerade stehen zu müssen - nicht einmal vor anderen Mitdiskutierenden. Meinungsfreiheit ist jedoch nicht grenzenlos.

Etliche User haben nicht verstanden, was das Konzept der Meinungsfreiheit bedeutet. Wer die Rechte anderer verletzt, kann beispielsweise zu einer Geld- oder Haftstrafe verurteilt werden.

Darauf kann man die User hinweisen, niemand muss sich bedrohen oder verunglimpfen lassen.

Und: Meinungsfreiheit erlaubt auch die Widerrede.

Wenn jemand eine furchtbare Aussage über Flüchtlinge tätigt, wird seine Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt, wenn andere ihm ordentlich die Meinung sagen.

Im Gegenteil: Das ist ihr gutes Recht. Auch für Menschen, die nicht derselben Ansicht sind wie manch ein "besorgter Bürger", gilt die Meinungsfreiheit.

4. Bleib fair

Nicht jeder ist an einer konstruktiven Diskussion interessiert und man wird viele auch mit freundlichen Worten nicht zum sachlichen Argumentieren motivieren können. In diesem Falle hilft es, das problematische Verhalten zu thematisieren.

Ein Beispiel: Gerne schreiben User Sätze wie: "Man darf sich ja auch nicht offen gegen die Flüchtlinge aussprechen, weil man damit seinen Ruf, seine Sicherheit und vor allem seinen Job riskiert. Freie Meinungsäußerung ist momentan nicht erwünscht." Diese Aussage ist kurios.

Zum einen behaupten diese User, ihr ganzes Umfeld sehe das wie sie. Gleichzeitig wird argumentiert, man dürfe das nicht offen sagen, sonst verliere man den guten Ruf.

Wer so etwas postet, beansprucht für sich, sowohl die schweigende Mehrheit als auch eine verfolgte Minderheit zu sein.

Lösung: Mit diesem Paradox kann man sie bei Bedarf auch gerne konfrontieren. Die weitere Diskussion wird sich vermutlich von selbst erledigen. Es hilft auch, das problematische Verhalten zu thematisieren. Du kannst zum Beispiel schreiben: "Du beleidigst jeden, der anderer Meinung ist. Das ist kein fairer Diskussionsstil." Ein Ordnungsruf wie dieser wird den User vielleicht nicht beeindrucken, aber zumindest ist dann für Mitlesende sichtbar, dass hier unfaire Methoden zum Einsatz kommen.

(Bild: © Oliver Hofmann/Brandstätter Verlag)
5. Frag konkret nach

Es gibt User, die labern gerne alle anderen zu. Mit elendslangen Kommentaren wollen sie den Eindruck erwecken, sie hätten den totalen Durchblick. Auf diese Ablenkungstaktik solltest du dich nicht einlassen.

Ein Beispiel: Nehmen wir an, jemand meldet sich in einer Debatte über die Klage des türkischen Präsidenten Erdogan gegen Jan Böhmermann mit einem Kommentar zu Wort, der einen Bogen spannt von der angeblich unfähigen deutschen Regierung über die Visa-Freiheit in der EU, die es abzuschaffen gelte, bis zu den ganzen Gutmenschen, die Schuld daran seien, dass sich Millionen Menschen auf den Weg nach Deutschland machten, und unser Land zugrunde richten würden.

Lösung: Frage nach, was ein Nutzer mit einer konkreten Behauptung meint: In vielen Fällen wird er vage werden, inhaltlich umherspringen oder dir den Link zu einem obskuren Blog im Internet servieren. Wenn jemand dauernd ausweicht und ständig neue Aspekte einwirft, ist das nichts anderes als Themen-Hopping.

Dass du die Taktik kennst, kannst du den User gerne wissen lassen: "Das, was du hier anwendest, nennt sich Themen-Hopping. Statt auf ein Thema wirklich einzugehen und auf Gegenargumente zu antworten, wirfst du ständig neue Behauptungen ein. So lässt sich nicht diskutieren."

6. Mach deine eigene Weltsicht klar

Der Vorwurf, Medien betrieben Zensur, wenn sie Leserkommentare löschen, ist weit verbreitet. Mache klar, dass hier ein grobes Missverständnis darüber vorliegt, was Zensur bedeutet. Der Begriff Zensur beschreibt vor allem eine staatliche Kontrolle von Informationen, beispielsweise wenn eine Publikation aus politischen Gründen nicht gedruckt werden darf oder beschlagnahmt wird.

Wer es gut findet, dass hasserfüllte Kommentare entfernt werden, der macht seinen Standpunkt verständlich, wenn er von Verantwortung der Onlinemedien spricht und von Respekt, der die Grundlage einer sachlichen Diskussion sein soll.

Ein Beispiel: Ihr kennt sie alle: User, die nur hasserfüllte Kommentare posten und dann Zensur rufen, wenn Beiträge von ihnen gelöscht werden. Ihnen geht es nicht um eine inhaltliche Diskussion.

Lösung: Mit Sachlichkeit und Klarheit kannst du bereits sehr viel bewirken. Antworte, dass es das Recht einer Redaktion ist, User auszusperren.

Niemand wird gezwungen, in seinen digitalen Räumlichkeiten Menschen eine Bühne zu geben, deren Aussagen er problematisch findet.

Gleichzeitig erlaubt die Meinungsfreiheit den ausgesperrten Usern weiterzuziehen, in anderen Foren zu wüten oder ein eigenes Forum zu gründen.

Es ist keine Zensur, wenn Redaktionen nicht jeden Kommentar freischalten oder wenn im Fernsehbericht nicht jedes einzelne Detail vorkommt, das einem persönlich wichtig erscheint. Es wäre das Gegenteil eines demokratischen Freiheitsverständnisses, dürften Medien nicht entscheiden, welche Informationen sie berichten oder welchen Usern sie ein Forum bieten.

Stell dir vor, wie absurd es wäre, müsste Spiegel Online jede verletzende Wortmeldung stehenlassen.

Trotz all der Tipps, eine wichtige Voraussetzung bei Diskussionen im Netz bleibt: Ist mein Gegenüber überhaupt zu einer sachlichen Debatte bereit? So absurd das klingt: Manche Menschen muss man daran erinnern, wie wichtig freundliche Umgangsformen sind. Bei mehrfachem Verstoß gegen die Hausregeln hilft leider nur sperren und löschen.

Was ist ein Troll?

Trolle versuchen, mit naiven oder dummen Fragen User zur Weißglut zu bringen. Aufregung finden Trolle lustig - ihr Verhalten ist vergleichbar mit Scherzanrufen. Trolle haben einen pubertären Humor und attackieren Internetnutzer ohne erkennbaren Grund, um mit plumpen Beleidigungen beim Gegenüber Hass auszulösen.

Die britische Forscherin Claire Hardaker hat verschiedene Troll-Strategien ausfindig gemacht. So schweifen Trolle gerne ab, um die Diskussion in eine andere Richtung zu lenken, die wahrscheinlich ergebnislos bleibt und für die Teilnehmenden frustrierend ist. Sie reagieren auf einen Beitrag mit unverhältnismäßiger oder pedantischer Kritik. Zum Beispiel werden die Tippfehler der anderen hervorgehoben, was andere Nutzer motiviert, die kritisierte Person zu verteidigen. Die ganze Diskussion dreht sich letzten Endes dann um die Frage, ob ein falsch geschriebenes Wort Zeichen eines fehlenden Intellekts ist - die Diskussion wurde gekapert.

Sie schockieren mit Worten, Bildern oder Videos, mit denen Tabus gebrochen und damit die Moralvorstellungen der anderen verletzt werden. Generell gilt: Die Bandbreite des Trollens ist groß. Sie reicht von relativ harmlosen, skurillen Sprüchen bis hin zu verletzendem Mobbing.

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