Harvey Weinstein, Kevin Spacey, jetzt auch noch Dustin Hoffman: Die Liste der Hollywood-Größen, denen sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden, wird länger. 

Immer mehr Frauen treten mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit, ermutigt durch die Geschichten anderer Betroffener und durch die gemeinsame Aktion rund um den Hashtag #MeToo.

Nun hat die amerikanische Autorin Anna Graham Hunter im Magazin "The Hollywood Reporter" einige Briefe aus ihrer Jugend veröffentlicht – und die zeigen eine zerstörerische, gesellschaftliche Struktur, die sexuelle Übergriffe ermöglichen.

Annas Briefe sind eine Art Tagebuch, das sie während ihrer Zeit als Studentin für ihre Schwester schrieb. Sie hatte im Jahr 1985 einen Nebenjob am Set von "Der Tod eines Handlungsreisenden" in New York – ein Film mit Starbesetzung: Dustin Hoffman und John Malkovich in den Hauptrollen, Arthur Miller als Drehbuchautor, Regie führte Volker Schlöndorff. 

Ziemlich guter Studentenjob also. Abgesehen davon, dass Anna nach eigener Aussage während dieser Zeit mehrfach von Dustin Hoffman sexuell belästigt wurde. Anna war damals 17 Jahre alt, Hoffman 48.

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Was genau wirft sie ihm vor? Das sind die Szenen, die Anna beschreibt:
  • Dustin Hoffman habe ihr mehrfach an den Hintern gefasst – selbst nachdem, sie seine Hand jedes Mal weggeschlagen und ihm gesagt habe, dass er es lassen soll.
  • Er habe mit ihr häufig über Sex gesprochen, sie gefragt, ob sie am vorigen Wochenende mit jemandem geschlafen habe, über Brüste gesprochen. 
  • Als sie ihn gefragt habe, was er zum Frühstück wolle, soll er gesagt haben: "Ich nehme ein hartgekochtes Ei und eine weichgekochte Klitoris." Anna schreibt, sie sei sprachlos gewesen, habe nicht gewusst, was sie sagen soll. Sie habe einfach den Raum verlassen, sei auf die Toilette gegangen und habe geweint.
Dustin hat heute zu mir gesagt: "Hattest du am Wochenende Sex, wie ich es dir aufgetragen habe?"
Anna Graham Hunter in einem ihrer Tagebucheinträge

Dustin Hoffman reagierte auf die Vorwürfe mit den Worten:

"Ich habe den größten Respekt gegenüber Frauen und fühle mich schrecklich, dass etwas, was ich getan haben soll, sie in eine unangenehme Lage gebracht hat. Es tut mir leid. Das entspricht nicht meiner Persönlichkeit."

Eine Besonderheit bei diesen Vorwürfen sind die detaillierten Beschreibungen des damals 17-jährigen Mädchens:

Denn sie zeigen sehr genau, warum es Opfern von sexueller Belästigung häufig so schwer fällt, sich zu wehren – und wie Frauen über Jahre hinweg lernen, solche Behandlungen hinzunehmen.

Was wir alle aus Annas Tagebuch lernen können:

1.

Der Zwiespalt:

Anna beschreibt in ihrem Beitrag für den "Hollywood Reporter", wie sehr sie die Arbeit auf dem Filmset mochte:

"Es gab so vieles, was ich daran geliebt habe. Immer wenn ich John Malkovichs Essensbestellung aufnahm, er meinen Namen sagte, oder mit mir sprach, habe ich mich ein bisschen mehr in ihn verliebt; ich habe an den 16-Stunden-Tagen ein enges Verhältnis mit der Crew aufgebaut; ich mochte, wie Arthur Miller meine beiden Vornamen sagte, weil sie für ihn klangen wie ein Wortspiel; ich habe mit Charles Durning Polka getanzt, der jeden Ort, an den er kam, fröhlicher machte." 

Auch mit Dustin Hoffman habe sie eigentlich gerne gearbeitet: "Und ja, ich habe die Aufmerksamkeit von Dustin Hoffman geliebt. Bis ich es nicht mehr tat."

Als die beschriebenen Situationen geschahen, befand sich Anna in einem Zwiespalt: Sie mochte nicht, wie er sie behandelte, kannte ihn aber gleichzeitig auch als lustigen und netten Menschen, der mit den Assistenten scherzte und ein guter Gesprächspartner war. Sie schreibt im Tagebuch: "Niemand ist 100 Prozent gut oder schlecht. Dustin ist ein Schwein, trotzdem mag ich ihn sehr."

Heute schreibt Anna, sie würde gerne sagen können: Er war der Täter, ich das Opfer. Aber so einfach war es damals für sie nicht. 

Dustin Hoffman (M.) mit John Malkovich (r.) in "Der Tod eines Handlungsreisenden"(Bild: Imago)

2.

"Kicher einfach und schlag seine Hand weg."

Anna schreibt, sie habe widersprochen und sich gegen die ungewollten Annäherungen gewehrt. Sie habe sogar am Set eine "ernsthafte Unterhaltung" mit einer Kollegin darüber geführt – holte sich also Unterstützung, was an sich eine gute Idee ist. Doch die Reaktionen darauf seien furchtbar gewesen.

Hoffman habe durch den Raum gebrüllt: "Anna, zerreißt du dir über mich das Maul? Komm her!" und: "Du denkst also, ich sei ein sexistisches Schwein?!" Alle hätten daraufhin nur gelacht. Und Anna beschreibt in ihrem Tagebuch:

"Meine Vorgesetzte sagte, ich hätte es nicht so zu einem Thema machen sollen. Aber das habe ich doch gar nicht. Er hat es zum Thema gemacht!" 

Sie habe außerdem gesagt, Anna solle einfach kichern und seine Hand wegschlagen, falls es wieder passiert. Aber, so Anna: "Dann fühle ich mich am billigsten. Das wirkt wie: 'Oh, es gefällt ihr'."

3.

Entspann dich doch, lass es nicht an dich ran.

Genau diese Ratschläge ihrer damaligen Chefin hatte Anna schon sehr oft in verschiedener Form gehört. Sie müsse halt lockerer werden und abgebrühter. Dürfe solche Situationen nicht ernst nehmen. Aber: Wenn sich eine Situation falsch anfühlt, dann muss man das ernst nehmen. Und darf auch sehr gerne mal "unlocker" sein und sich darüber empören

Doch genau das wurde Frauen vor allem in der Vergangenheit oft aberzogen. Und auch heute gelten Frauen, die ihre Meinung sagen und nicht alles hinnehmen, häufig als "zickig" oder "unentspannt", während Männern bei solchem Verhalten eher Stärke nachgesagt wird.

4.

Die Angst, falsch wahrgenommen zu werden.

An einer Stelle schreibt Anna, sie habe Angst davor, wie andere Menschen vom Set sich an dieselbe Situation erinnern könnten: 

"Was würden sie sagen? Ich kann mir richtig vorstellen, wie sie den Kopf schütteln und sagen: 'Sie sah nicht so aus, als würde es sie stören. Sie hat ziemlich viel gelacht.'"

Auch solche Gedanken hätten sie damals und auch später noch gehemmt, offensiv zu handeln. 

5.

Viele Männer haben den Weg dafür bereitet.

Rückblickend fragt sich Anna, wie es überhaupt soweit kommen konnte, dass sie in ihrem Leben immer wieder ähnliche Situationen erlebt hat. Wie die Typen, die sie in der Schule körperlich bedrängt haben, der Professor, der sie nur in seinen Kurs ließ, weil er "dann etwas Schönes zum Anschauen" hatte. 

Anna kommt zu dem Schluss: Dadurch, dass sie immer wieder von Männern auf ihren Körper reduziert wurde, begann sie, dies als unumgänglichen Teil des Lebens hinzunehmen.

Als Dustin Hoffman mich fragte, ob ich ihm die Füße massiere, hatte ich schon gelernt, die Demütigung als Preis zu sehen, den ich für Aufmerksamkeit und Zugang zu Dingen zahlen muss.
Anna Graham Hunter

Solche Erfahrungen beschreiben gerade sehr viele Frauen. Sie zeigen: Jeder Moment, der sich falsch anfühlt, ist einer zu viel. 

Es ist Zeit, darüber zu sprechen und vor allem ist es Zeit, die Täter zur Verantwortung zu ziehen.

Hier beschreibt unsere Redakteurin, wie sie sich an sexuelle Belästigung gewöhnt hat – ohne es zu merken.


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