Bild: RTL 2/ "Armes Deutschland"

In München gab es vor Kurzem eine Ausstellung mit den Fotos armer Menschen: Arme alte Menschen beim Kochen, arme Kinder auf einem ollen Sofa. Es sind Menschen aus RTL2-Produktionen: "Armes Deutschland" und "Hartz und herzlich". Die Fotos hat eine Fotografin für den Sender geschossen.

Interessant, denke ich und nehme einen Schluck von meinem Berlin-Mitte-Latte.

"Es sind nüchterne Bilder, die nicht beschönigen, den Protagonisten aber auch nicht die Würde nehmen", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" dazu. Der Artikel heißt: "Armut an den Wänden, Sekt in den Gläsern".

Ich verschlucke mich fast. Was soll das heißen – trinken arme Menschen keinen Sekt? Wie sollte eine Fotografin armen Menschen überhaupt "die Würde nehmen"? Und woran machen wir fest, dass die Fotografierten noch genug davon haben: am weichen Licht?

Ich glaube, es gibt ein kolossales Missverständnis darüber, was die Würde armer Menschen ausmacht. Und über die Rolle von Trash-TV.

Zuerst einmal ist Armut nichts Diffuses. Armut bedeutet, dass das Geld nicht reicht. Das weiß ich, seit ich klein war und unter Menschen lebte, die meinen 2,90-Latte für die ultimative Dekadenz halten würden.

Nach der Schule flitzte ich damals nach Hause, machte den Fernseher an und flüchtete in die Welt amerikanischer TV-Serien. "Für alle Fälle Amy", "Eine himmlische Familie" und "Ally McBeal". Dort verließen die Erwachsenen morgens das Haus zum Arbeiten, nachmittags gab es Klavierunterricht. Zu jedem Abendessen stand auch ein Salat auf dem Tisch und danach reichte man Käse am Stück.

Auf dem Scheiben-Käse in unserem Kühlschrank stand "Milbona". Ob danach "Butterkäse" oder "Tilsiter" folgte, machte geschmacklich keinen Unterschied. Am Ende des Monats gab es Kartoffeln. Und statt Klavier musste ich ein Instrument aussuchen, das die Musikschule günstig im Verleih hatte (Saxophon, ich hasse es noch heute).

Niemand saß regelmäßig von 9 bis 5 Uhr in einem Büro.

Wenn mich jemand fragte, was meine Mutter beruflich macht, sagte ich lange "ABM". Ich hielt das für eine Jobbeschreibung oder eine Firma und lernte erst viel später, dass es für "Arbeitsbeschaffungsmaßnahme" steht. Es gab einen arbeitslosen Steinmetz, der schwarz auf Mittelaltermärkten verdiente und den arbeitslosen Familienfreund, der versuchte, ein Bordell (als Massagesalon getarnt) in einer Wohnung zu betreiben. 

Immer wieder ging es um "das Amt": Sachbearbeiter, Postverkehr, Auflagen, Klagen, Alibi-Bewerbungen und zweistellige Eurobeträge, die beantragt werden mussten, weil die Klassenfahrt nahte oder die Waschmaschine auslief.

All das fand in den amerikanischen Serien nicht statt. Da ging es um Beförderungen, Hochzeitsfeiern, Unternehmensfusionen. Man liebte sich, unterstütze sich und wenn es ganz eng war, kam von irgendwoher eine Erbschaft.

Dass auch meine Welt existiert, bestätigte mir nicht das Nachmittagsprogramm auf Vox, sondern das auf RTL2.

Klar, habe ich über die Wollnys gelacht, deren Kinder Sarafina, Loredana, Calantha und Jeremy Pascal heißen. Auch in meinem Umfeld gab es einen verstörenden Trend zu exotischen Vornamen. Und wenn man meinen eigenen Namen, Thembi, googelte, war das einzige deutsche Ergebnis (neben einem Artikel über meinen glorreichen Listenplatz beim Weimarer Stadtlauf) lange eine Folge "Frauentausch" mit "Rita und Thembi".

Die TV-Formate heißen heute anders –  "Hartz" ist in vielen Titeln – das Prinzip ist geblieben. In "Armes Deutschland" werden pro Folge drei oder vier Deutsche begleitet, die nicht viel Geld haben. Die aktuelle Folge heißt "Vaterliebe und Protestsongs" – könnte auch ein Sido-Porträt im "Zeit"-Feuilleton sein.

Gleich in der ersten Szene zeigt sich alles, was man am Armuts-TV hassen kann.

Es geht um Christian und Natalie, beide auf Hartz IV. Sie ist im fünften Monat schwanger und pafft wie ein Schlot, er hat eine abgebrochene Maurerlehre und saß wegen Drogen und Körperverletzung im Gefängnis. Christian:

„Wenn ich jetzt die Entscheidung hätte, Hartz IV oder arbeiten, dann würde ich eher Hartz IV nehmen. Das ist einfacher und du machst dir nichts kaputt.“

Es folgt ein Closeup auf das breite Grinsen in seinem Gesicht. Wir Zuschauer sollen Christian offensichtlich hassen. Er will nicht arbeiten, selbst Schuld an der Armut. Schürt das nicht Vorurteile gegen Arbeitslose? Stigmatisiert sie?

(Bild: RTL 2/ "Armes Deutschland")

Der "Guardian" nannte Menschen wie Christian und Natalie mal "Armutsdarsteller" und Formate wie dieses "Armuts-Pornos". (Guardian)

Aber schon wird bei "Armes Deutschland" Udo gegengeschnitten. Auch er ist arm, arbeitet aber Vollzeit als Altenpfleger und hat viel zu wenig Zeit, sich um seinen Sohn zu kümmern. Es folgt ein Großelternpaar, das seinen Enkel großzieht - mit 1056 Euro im Monat. Und Martina, die "bei einem Vorstellungsgespräch alles geben will".

Die RTL2-Serien leisten etwas, was kaum eine 37-Grad-Reportage oder Anne-Will-Runde tut: Ihre Protagonisten dürfen mehr sein als ihr monatliches Budget. Sie dürfen unsympathisch und egoistisch sein oder hingebungsvolle Väter. Sie dürfen falsche Entscheidungen treffen, die wir vor dem Bildschirm verurteilen.

Sie sind nicht die am Leben scheiternden Schluffis aus den Öffentlich-rechtlichen: schüchtern, grundsympathisch und immer ein bisschen langsam im Kopf. Bemitleidenswert und maximal unschuldig.

Wir sprechen dem Hartz-IV-TV ab, dass es mit Stilmitteln arbeitet. Mit denselben, wie jede Netflixserie: Übertreibung, überzeichneten und fehlbaren Charakteren und einer Dramaturgie. Und wir sprechen denen, die zuschauen, ab, dass sie das wissen. 

In einer Studie haben Forscher dreier britischer Universitäten mit homogenen Frauengruppen (arm, bürgerlich, weiß, nicht-weiß) "Frauentausch" geschaut. Selbst die Forscher waren überrascht, wie ähnlich die Sendung gesehen wurde. Die Zuschauerinnnen, gleich welcher Herkunft, abstrahierten und reflektierten, bezogen das Gesehene auf ihr eigenes Leben und sozialpolitische Debatten. (Studie)

Natürlich hat die Privat-TV-Industrie eine dunkle Dimension. Immer wieder werden die Darstellerinnen ausgenutzt und erniedrigt, verletzt und verurteilt. (SPIEGEL ONLINE/FAZ/NDR). Das darf man nicht bagatellisieren oder negieren.  

Aber auch die Annahme, alle Darstellerinnen müssten Opfer eines ausbeuterischen Systems sein, ist ein Stigma.

Wir verkennen, dass die Hartz-IV-TV-Sendungen hochpolitisch sind.

Da ist die Frage nach dem Wert der Arbeit. Selbst in der Geschichte vom "Ich nehme lieber Hartz IV"-Christian und der rauchenden, schwangeren Natalie steckt diese Nuance. Was schuldet Christian der Gesellschaft? Ist es okay, nicht zu arbeiten? Ist es okay, Arbeit abzulehnen, weil er sich mehr wert ist als den 500-Euro-Job seines besten Kumpels?

Und da ist der Umgang mit dem Stigma der Armut. Studien sagen, Armut führt zu schlechterer Gesundheitsvorsorge. Zu wissen, was gesund ist, ist eine Frage der Bildung. Darf Natalie in der Schwangerschaft rauchen? Wer mal mit Kippe und Kinderwagen unterwegs war, kennt die urteilenden Blicke.  Aber solche gesellschaftliche Ächtung prallt an Natalie vielleicht ab. Die kennt sie als Sozialhilfeempfängerin nämlich: 

„Ich schäme mich da auch nicht dafür. Dass er das jetzt nimmt oder ich das nehme und wir abgestempelt werden als asozial. Von mir aus, ist mir egal.“
Natalie

Natürlich wissen arme Menschen, wie sie wahrgenommen werden. Als meine Klasse an einer rein bürgerlichen Reformschule vor dem Abitur einen "Assitag" machte und ein Klassenkamerad mit Alditüte und Trainingsanzug kam, sagte ich nichts. Mein Bruder auf der selben Schule las mittags im Klassenraum demonstrativ die "Bild": das ultimative Unterschichts-Erkennungssymbol. Obwohl auch meine Familie eigentlich "taz" las. Aber damit hätte er kein Zeichen gesetzt, keinen symbolischen Mittelfinger an die Reformpädagogik gerichtet.

Der Wunsch nach "würdevollen" Bildern von Armut war für mich deshalb immer verlogen. Denn es ist nicht das Bedürfnis der Betroffenen – sondern derer, die von außen auf sie blicken und sich ihrer Vorteile und Vorurteile schämen. 

bento per WhatsApp oder Telegram



Gerechtigkeit

"Ich sollte mit zum Termin, damit der Kunde was zum Anschauen hat"
Wir haben mit MINT-Wissenschaftlerinnen über Sexismus in der Branche gesprochen.

Der Informatikerin Katie Bouman haben wir das allererste Foto eines schwarzen Lochs zu verdanken. Ein Bild von diesem großen, wichtigen Moment ihrer Karriere postete Bouman auf Twitter – und erntete Hass und Sexismus. (bento)

Obwohl Katie Bouman niemals behauptet hatte, allein für den wissenschaftlichen Durchbruch verantwortlich zu sein, gönnten ihr viele den Ruhm nicht. Das zeigt, wie schwer es Frauen in den Naturwissenschaften noch immer haben.

Wir haben uns gefragt: Wie geht es anderen Frauen in MINT-Berufen und wie gehen sie mit Sexismus um?