Bild: Fabian Schrum
"Die Reaktionen zeigen mir, dass wir nicht gleichberechtigt sind."

Um im Internet beschimpft zu werden, reicht – spätestens – in Zeiten von Corona offenbar auch ein neuer Haarschnitt. Diese Erfahrung musste in dieser Woche Hanna Reichhardt machen. Die 26-jährige Studentin ist stellvertretende Bundesvorsitzende der Jusos, der Jugendorganisation der SPD, und nach eigenen Angaben "Antifaschistin, Internationalistin mit Punk-Vergangenheit". 

Bekannt wurde sie diese Woche jedoch, weil sie sich die Haare abrasierte und ein Foto davon auf Twitter veröffentlichte. Tausende Menschen kommentierten das Bild, vielfach zustimmend, oft aber auch beleidigend oder frauenfeindlich.

Wir haben mit Hanna darüber gesprochen, wie sie die Diskussion um ihr Profilbild erlebte – und was es politisch bedeutet, wenn Frauen bewusst auf ihre Haare verzichten.

bento: Du hast am Montag ein Profilbild veröffentlicht, das dich mit Glatze zeigt. Welche Reaktionen hast du seitdem erhalten?

Hanna Reichhardt: Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Ich habe viele positive Rückmeldungen bekommen, aber auch Nachrichten von oft älteren Männern, die sich von meinem Haarschnitt offensichtlich provoziert fühlten. In manchen Nachrichten wurde praktisch mein gesamter Lebenslauf ausgewertet. Manche Männer schrieben mir, ich sei keine Frau mehr und vermutlich arbeitslos. Andere fragten, was meine Eltern nur falsch gemacht hätten. 

Am Dienstag kamen dann E-Mails. Ein rechtsextremer Youtuber hatte mein Bild in seinem Tagesrückblick veröffentlicht, dadurch bekam ich noch mehr Hassnachrichten. Ich prüfe gerade mit Freunden, wie ich mich dagegen wehren kann. Das Bild gehört ja immer noch mir, beziehungsweise dem Freund, der es aufgenommen hat.

bento: Kannst du noch einmal kurz erzählen, wie es überhaupt dazu kam, dass das Bild so viel Beachtung fand wurde?

Hanna: Es ging los, als ein "Bild"-Redakteur mein Foto aufgriff und dazu schrieb, dass so wohl Jusos in Zeiten geschlossener Friseure aussehen. Ich kenne ihn nicht, aber ich glaube, es sollte einfach ein schlechter Witz sein. Was nach seinem Tweet losging, war aber wie eine Lawine. Der Mann hat 40.000 Follower, von denen viele mein Bild weiterverbreiteten und kommentierten.

Ich habe auf seinen Tweet reagiert, er hat darauf aber leider nicht mehr geantwortet. Die Beschimpfungen gingen dennoch weiter. Ein anderer Journalist bezeichnete mich als Mannweibchen, das nicht arbeite, und ein AfD-Abgeordnete erklärte mit meinem Profilbild, dass sich die SPD von ihren Wählerinnen und Wählern verabschiedet habe. Schon irre.

„Aber die Reaktionen zeigen natürlich, wie politisch private Dinge oft sind“
Hanna Reichhardt

bento: Hast du erwartet, dass du so angegriffen werden könntest?

Hanna: In der Form nein. Ich dachte wirklich, wir wären da weiter. Auch wenn ich nicht naiv bin und weiß, wie Frauen immer noch bewertet werden. 

bento: Was sagt es eigentlich über eine Gesellschaft aus, in der abrasierte Haare bei Frauen so krass als Statement gewertet werden?

Hanna: Die Reaktionen zeigen mir, dass wir nicht gleichberechtigt sind. Wir können nicht über unseren Körper entscheiden und nichts machen, ohne dass andere uns bewerten. 

Ich glaube, was passiert ist, ist ein typisches Beispiel für fragile Männlichkeit. Manche Männer fühlen sich angegriffen, wenn jemand ihre Klischees nicht erfüllt, und halten es nicht aus, wenn man das Geschlechterkorsett sprengt. 

bento: Du bist selbst politisch sehr aktiv. Darüber, wie Frauen in der Öffentlichkeit wahrgenommen und behandelt werden, wird seit langem intensiv gestritten und diskutiert. Sollte die Veröffentlichung deines Bildes auch ein Statement sein?

Hanna: Das war eine ganz persönliche Entscheidung. Ich wollte kein Symbol für etwas sein. Aber das Echo zeigt natürlich, wie politisch private Dinge oft sind. Das stimmt offensichtlich immer noch. 

bento: Waren die Reaktionen in deinem persönlichen Umfeld eigentlich ähnlich emotional wie im Internet?

Hanna: Mein Freund unterstützt mich, dem ist es egal. Bei meiner Arbeit als studentischer Hilfskraft wurde es entspannt zur Kenntnis genommen. Ein Kollege meinte, dass es mir steht. Ich bin gerade meistens im Homeoffice. Aber durch die Videokamera sieht man sich jetzt wahrscheinlich noch öfter als sonst.

bento: Welche Erfahrungen hast du vor der Rasur mit ungewollten Kommentaren gemacht?

Hanna: Auch mit langen Haaren ist mir das ständig passiert. Wenn nicht wegen meiner Haare, dann wegen meiner Piercings oder Zahnlücken. Ich bin auf dem Dorf großgeworden, da wurde man als Punk-interessierte junge Frau bei der Kirmes auch mal blöd von der Seite angesprochen. Dass wildfremde Männer mich fragen, ob ich Drogen nehme, kenne ich  aber nur aus dem Internet. 

Gleichzeitig habe ich dort aber auch sehr viel Zuspruch erhalten. Es gab ganz viele Menschen, die mich unterstützt haben. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben und noch einmal gezeigt, wie wichtig es ist, dass man den Mund aufmacht und anderen beisteht.

bento: Weißt du eigentlich schon, ob du deine Frisur auch nach der Krise behalten wirst?

Hanna: Ich habe Lust drauf, ja! Es ist super angenehm, sich seine Haare nicht mehr aufwendig waschen zu müssen.


Gerechtigkeit

"Algorithmen erschüttern": Was "Fridays for Future" für den globalen Streiktag plant
Wir haben uns umgehört – von Indien bis Uganda.

Vanessa Nakate hat viel zu tun. Am Freitag findet der fünfte globale Klimastreit von "Fridays for Future" statt – Aktivistinnen und Aktivisten aus aller Welt wollen ihren Protest auch in Zeiten von Corona sichtbar machen. Auch in Uganda, der Heimat von Vanessa. "Die meisten haben gerade echt andere Sorgen", sagt sie am Telefon, "aber wir müssen weiterhin vor den Gefahren der Klimakrise warnen". 

Die 23-Jährige gehört zu den bekanntesten Gesichtern der "Fridays for Future"-Bewegung in Afrika. Im Januar war sie Mitglied einer Delegation auf dem Weltwirtschaftsform in Davos – und wurde international bekannt, als sie als einzige Schwarze aus einem Pressefoto geschnitten wurde (SPIEGEL). "Ihr habt nicht nur ein Foto gelöscht. Ihr habt einen Kontinent gelöscht", twitterte Vanessa damals.

"Fridays for Future" verlagert seinen Protest ins Netz

Nun will sie dafür sorgen, dass ihr Kontinent beim globalen Klimastreik wahrgenommen wird. Und zählt ihre digitale Strategie auf: "Ich habe einen Podcast gestartet, in dem ich andere Aktivisten interviewe, ich poste regelmäßig Fotos und TikTok-Videos aus meinem Garten, die mich mit Streikplakaten zeigen. Und für den globalen Streiktag organisiere ich gerade einen Zoom-Call mit Jane Fonda." Die Hollywood-Schauspielerin engagiert sich seit Jahren für den Klimaschutz. Vanessa hofft, durch ihre Berühmtheit ein bisschen Aufmerksamkeit für die Sache zu bekommen.