Was junge Migrantinnen und Migranten über den Anschlag von Hanau sagen.

Der Attentäter von Hanau kam mitten unter der Woche, mittwochabends gegen 22 Uhr. Feierabendzeit. Neun Menschen wurden getötet, als der 43-jährige Deutsche in einer Shishabar und einem Café um sich schoss. Alle Opfer hatten einen Migrationshintergrund. (SPIEGEL)

In den Medien werden die Bars oft als anrüchig beschrieben, als gefährliche Halbwelt, irgendwo zwischen Popkultur und Clankriminalität. Rapper wie KC Rebell, Haftbefehl oder Xatar vermarkten mit diesem Image längst eigene Bars und Tabak. Erst vor wenigen Tagen berichtete das ZDF unter dem Titel "Das gefährliche Geschäft" 45 Minuten lang über das Thema. Bereits in den ersten Minuten fallen Begriffe wie "Menschenhandel" und "Kriminalität". Und auch im letzten Hamburger "Tatort" organisierten albanische Clans ihre Geschäfte in einer Shishabar. (Das Erste

Für die AfD sind die Lokale dagegen Symbol für die zunehmende “Nachahmung orientalischer Lebensweise” (SVZ). Immer wieder verbreitet die Partei bei Facebook oder Twitter Bilder, auf denen düstere Männersilhouetten Wasserpfeife rauchen und hellhäutige Frauen bitterlich weinen. Dazu heißt es in großen Buchstaben: “Kontrollen in Shishabars förderten Straftaten zu Tage” und “Gruppenvergewaltigung in Shishabar!” Schon vor langem forderte die Partei: “Im Zweifel muss der Betrieb untersagt werden!”

Dabei gelten Shishabars seit Jahren als Symbol für eine sich verändernde, multikulturelle Jugendkultur. Ihre Beliebtheit steigt. Inzwischen, schätzt das statistische Bundesamt, gibt es mehr als 6000 Shishabars in Deutschland – fast dreimal so viel wie es in Deutschland Kinos gibt. (RP Online/Statista)

Für viele sind die Bars Rückzugsorte. Orte, an denen man sich abends sicher fühlen konnte. Was bedeutet das Attentat von Hanau für sie? Drei junge Menschen erzählen:

Elmedin Sopa, 26, aus Berlin

(Bild: privat)

"Dass der Täter auch eine Shishabar aussuchte, war meiner Meinung nach kein Zufall. Dort finden sich tendenziell Menschen mit Migrationserfahrung und solche, die nicht für Deutsche gehalten werden. Aus der Sicht eines rechtsextremen Täters sind sie Fremde.

Für viele Menschen mit Migrationserfahrung ist eine Shishabar ein Rückzugsort. Es ist einer der wenigen Orte, an dem du nicht aufgrund deines Aussehens und deiner Sprache schief angeschaut wirst. Die Shishabar ist auch ein Ort, an dem ich mich für meinen Lebensentwurf nicht erklären muss.

„Ob weiß, schwarz, mit oder ohne Kopftuch: Ich habe nie erlebt, dass Menschen eine Shishabar nicht betreten durften.“

Ich glaube, die besondere Stimmung in der Shishabar hat auch damit zu tun, dass die Leute hier oft selbst mit Rassismus und Diskriminierung in Berührung gekommen sind und für solche Themen sensibilisiert wurden.

Wenn ich mich mit Freunden verabredet habe, insbesondere wenn es eine männliche Gruppe von vier bis fünf Leuten war, war der Gedanke bei uns immer der gleiche: 'Wir kommen zu fünft doch niemals in diese Kneipe oder jene Disco, also lass doch lieber gleich in die Shishabar!'

Rechtsterrorismus ist in Deutschland ein strukturelles Problem. Er wird nicht so ernst genommen, wie er es sollte. Für uns Menschen mit Migrationserfahrung hat das reale Auswirkungen. Ich habe das Privileg, das meine Hautfarbe relativ weiß ist. Ich kann mich also äußerlich leicht unauffällig machen. Freundinnen und Freunde von mir können das nicht. Sie erzählen mir oft, dass sie bestimmte Orte ab einer gewissen Uhrzeit nicht mehr alleine aufsuchen.

Ich vermeide Gespräche, die Rückschlüsse auf mich und meine Herkunft zulassen. Die berühmte Frage, wo ich herkomme, finde ich nicht schlimm. Die Nachfrage, wo ich denn wirklich herkomme, wenn Berlin als Antwort nicht mehr ausreicht, finde ich aber übergriffig. Mir wird die Deutungshoheit genommen, selbst zu bestimmen, wie ich mich definiere. Es unterstellt, Berlin könne nicht meine Heimat sein. Das macht mich zu jemanden, der nicht selbstverständlich hierher gehört."

Ayesha Khan, 35, aus Frankfurt

"Als ich von dem Angriff auf die Shishabar gehört habe, wusste ich sofort, dass es um migrantische Menschen geht, dass es einen rechten Hintergrund gibt. Es war einfach ein Gefühl. 

Ich habe Freundinnen und Freunde in Hanau, einige haben Angehörige verloren. Entsprechend war ich die ganze Nacht wach und habe versucht zu verstehen, was passiert ist. Am Morgen gab es dann Gewissheit, das hat mich unendlich wütend und traurig gemacht.

Mit Shishas verbinde ich meine Jugend, weil auch in unserer Familie geraucht wurde. Shishas sind Teil unserer kulturellen Identität. Die Bars waren 'safe spaces'. Sichere Orte, weil wir woanders oft nicht reinkamen. Wir feierten dort Geburtstage oder trafen Freunde.

In den vergangenen Jahren wurden Shishabars immer mehr kriminalisiert. Ich habe das Gefühl, sie wurden uns schon damit ein Stück weit weggenommen. Dass nun jemand in einer Shishabar Menschen ermordete, macht das noch mal schrecklicher. Ich habe das Gefühl, dass rassistische Gewalt und rechter Terrorismus immer noch verharmlost werden.

Es ist nicht so, dass das plötzlich kommt. Es gibt keinen spontanen Rechtsruck. Die Rechten waren schon immer da, sie sind nun nur enthemmter. Ich erinnere mich dunkel an Rostock-Lichtenhagen, an Solingen, an Hoyerswerda. Dann kamen die NSU-Morde. Ich habe 2006 die große Demo gegen den NSU mitbekommen und mich gefragt: Warum passiert nichts? Warum schützt uns niemand?

Spätestens mit dem NSU-Prozess, bei dem so viele Mitangeklagte frei kamen war mir klar: Deutschland hat ein Problem mit Rechtsterror. 

„Wir kennen Anis Amri beim Namen, aber Rechtsextremisten heißen immer nur Stefan E. oder Tobias R.“

Ich fühle mich in Deutschland nicht mehr sicher. Das wirkt sich auch auf meinen Alltag aus. Ich gehe seit Jahren mit einem wachen Blick durch die Straßen und achte auf mögliche Gefahren. Trägt jemand ein T-Shirt von 'Freiwild', wechsele ich den Bürgersteig. Freundinnen und Freunde von mir meiden Straßen, in denen es AfD-Büros gibt. Jeder von uns kennt in seiner Stadt Viertel, die wir besser nicht betreten. 

Wir migrantische Menschen fühlen uns in Deutschland oft allein und ungeschützt. Aber in einer Shishabar konnten wir uns bislang sicher fühlen."

Fikri Anıl Altıntaş, 27, aus Berlin

(Bild: privat)

"Ich will nichts davon hören, dass das in Hanau ein Irrer oder Verwirrter war. Der Täter hat bewusst eine Shishabar angegriffen – also hatte er eine klare Vorstellung davon, wen er treffen will. Er ist ein Rechtsterrorist. Dass er diesen Ort ausgesucht hat, schmerzt mich besonders. Für mich und meine Freunde wird speziell der Angriff auf diesen Ort nun viel verändern.

Shishabars sind Teil meiner Sozialisation, Teil meiner Jugend. Hier wurde meine Musik gespielt, mein Dialekt gesprochen. Es war ein Ort, an dem ich mich unbeobachtet fühlen konnte, ich selbst sein. Überall sonst muss ich mich für meine Klamotten rechtfertigen oder werde vorverurteilt für das, was ich bin.

„Die Shishabar war anders – wenn ich dort war, dann war das ein geschützter Raum für mich.“

Gleichzeitig sind die Shishabars in den Medien und in der Politik aber auch immer als bedrohlicher Ort dagestellt worden. Dieser ganzen Szene wurde so eine Verruchtheit und Gefährlichkeit angehaftet – dabei ist es für uns einfach nur ein sicherer Rückzugsort. Klar gibt es Kriminelle, die ihre Geschäfte in Shishabars machen. Aber das Rockermilieu hat zum Beispiel auch seine Kneipen. Da würde doch auch niemand auf die Idee kommen, alle Eckkneipen pauschal als gefährlich abzustempeln. 

Ich wohne in Steglitz direkt über einer Shishabar. Dort gab es kürzlich eine Razzia. Die Polizei rückte mit mehr als sieben Wagen an. Als ich fragte, warum das passiert, meinten die Beamten nur, sie dürften nichts sagen. Die komplette Straße wurde abgesperrt, es fühlte sich irgendwie übertrieben und abschreckend an. Am nächsten Tag hatte die Shishabar dann wieder offen, als sei nichts gewesen.

Rechtsextreme Angriffe sind leider Alltag in Deutschland – und auch das Nichtbenennen dieser. Die NSU-Morde haben deutlich gezeigt, wie unfähig die Politik ist, rechte Terrornetzwerke zu erkennen und auszuheben. Auch damals wurden gezielt migrantische Orte angegriffen. Gemüseladen, Internetcafés. Doch die Shishabar ist noch einmal ein besonderer Ort: Hier wollen die Menschen nach dem Tag ihren Feierabend genießen, unbesorgt sein. Ich frage mich, wie das noch gehen soll.

Ich habe mittlerweile nur noch Wut in mir. Wut auf die Untätigkeit der Politik, Wut auf die immergleiche Routine, die dann folgt. Die öden Beileidsbekunden und die immer gleichen leeren Worte. Mich macht traurig, dass gleichzeitig antirassistischen Projekten Geld entzogen wird und dass in Diskussionen rechter Terror mit linker Gewalt gleichgesetzt wird. Jeder Anschlag nimmt mich mehr mit. Ich spüre meine Angst inzwischen körperlich. Sie tut weh.

Ich rauche nicht mehr. Aber eigentlich müsste man jetzt aus Solidarität in Shishabars gehen – gerade dieser Ort sollte kein Ort der Angst werden."



Gerechtigkeit

Ein junger CDUler bei Berlin stimmt gemeinsam mit der AfD und der NPD ab – was ist da los?
"Auf kommunaler Ebene sind die Brandmauern bereits nicht mehr existent."

Sieben Kilometer sind es von der Veltener Ortsmitte bis zur Stadtgrenze von Berlin. Wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Hauptstadt fahren will, der muss in die Regionalbahn steigen. Die Endhaltestelle der S-Bahn, sie liegt im Nachbarort Hennigsdorf. Und daran soll sich für die 12.000 Einwohner von Velten auch erst einmal nichts ändern, so hat es vor wenigen Tagen die Stadtverordnetenversammlung entschieden. Auch große neue Wohnhäuser sollen nicht neugebaut werden dürfen. Die Stimmen dafür kamen von der Bürgervereinigung "Pro Velten" sowie von Mitgliedern von AfD, NPD und CDU

Nur wenige Tage nach der Wahl eines FDP-Ministerpräsidenten mit Stimmen von CDU und AfD in Thüringen (bento) birgt eine vermeintlich überregional eher bedeutungslose Abstimmung politischen Sprengstoff. Die Vorgänge in Velten schlugen Wellen weit über die Grenzen der Kommunalpolitik. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli twitterte am Montag: "Es wird immer krasser. In Velten stimmt die CDU mit AfD und NPD für ein Neubaumoratorium gegen 'zunehmende Entfremdung'. Was kommt denn als nächstes?"

Tatsächlich ist Velten nur das jüngste Beispiel von gemeinsamen Abstimmungen und Gesprächen der CDU und AfD auf Kommunalebene (SPIEGEL). Zünglein an der Waage war bei den Abstimmungen ein junger CDU-Politiker, der Fraktionsvorsitzende Marcel Ruffert. Gegenüber bento zeigte sich der 25-Jährige überrascht von den Reaktionen auf sein Abstimmverhalten. Er verwies darauf, dass die betroffenen Anträge von "Pro Velten" eingereicht wurde, an seiner Entschdeidung, mit AfD und NPD zu stimmen, kann er nichts falsches erkennen. 

Keine neuen Zuzüge gegen "Entfremdung"

In einem der Anträge wird das Neubaumoratorium damit begründet, dass man "eine zunehmende Entfremdung der Einwohner feststellen" könne. Der Stadt drohe ein "Identitätsverlust" (rbb24). Während der Diskussion in der Versammlung machte dann ein AfD-Verordneter deutlich, was er darunter verstehe: Für ihn seien schon zu viele Ausländer zugezogen. So berichten es Abgeordnete anderer Fraktionen. 

Eine "Entfremdung" spürt der 18-Jährige Arne Gawande nicht. Er sitzt für die Linkspartei im Stadtparlament und erkennt in dem Antrag "gewisse soziale Ressentiments": "Wenn jemand sein Einfamilienhaus hier baut, ist er immer noch willkommen, aber wer nicht so viel Geld hat, 'entfremdet' die Stadt und ist deshalb nicht erwünscht. Das empfinde ich als sehr widersprüchlich." Wer außerdem eine "Entfremdung" daran festmache, ob man auf der Straße von jedem gegrüßt werde, müsse sich fragen lassen, ob das in einer Stadt mit 12.000 Einwohnern nicht utopisch sei.

Den Lokalpolitikern, die gegen die Anträge stimmten, stößt vor allem die fehlende Distanzierung des CDU-Kollegen zu den Aussagen der AfD auf. "An sich kann man diesem Antrag ja zustimmen, wenn man nicht möchte, dass sich der Ort weiterentwickelt. Aber dann muss ich mich von solchen Worten und von diesem rassistischen Beigeschmack des 'Entfremdungs'-Argumentes distanzieren", sagt Ole Gawande. Der 20-Jährige ist der ältere Bruder von Arne – sitzt jedoch für die FDP im Stadtparlament.

Marcel Ruffert hatte zunächst zugesagt, bento-Fragen schriftlich zu beantworten. Am späten Mittwochabend zog er dies jedoch mit Verweis auf sein ehrenamtliches Engagement im Stadtparlament und fehlende Zeit zurück. Zuvor hatte er in einem Statement auf Facebook sein Abstimmungsverhalten als rein sachpolitische Entscheidung begründet. Auch Brandenburgs CDU-Generalsekretär Gordon Hoffmann wies in der "Berliner Zeitung" Kritik zurück, wonach es in Velten eine Kooperation mit der AfD gegeben habe. Die Parteimitglieder hätten lediglich unabhängig voneinander für einen Antrag von "Pro Velten" gestimmt.

Arne Gawande sieht das anders: "Man redet im Bund über Brandmauern, die gewahrt werden müssten. Und auf kommunaler Ebene merkt man einfach, dass sie bereits nicht mehr existent sind", sagt er. Auch er hätte sich eine klare Distanzierung der CDU gewünscht. Mit einem Änderungsantrag etwa sei es Marcel Ruffert möglich gewesen, sich von Formulierungen im ursprünglichen Antrag abzugrenzen. "Aber das hat er nicht gemacht. Damit verstärkt sich noch einmal das Gefühl, dass sich da ein fester Block formiert hat, der sich mit Antidemokraten gemein macht."

Marcel Siegert, Vorsitzender von "Pro Velten" habe zudem in der Sitzung in Richtung der SPD-Abgeordneten gesagt, dass sie sich nun daran gewöhnen müssten, dass es jetzt eine Mehrheit ohne sie gebe.

CDU-Unterstützung für einen NPD-Antrag

Es ist nicht die erste umstrittene Abstimmungsverhalten der CDU in Velten. Im Dezember hatte das Stadtparlament beschlossen, dass die Fraktionen künftig im Stadtjournal eigene Berichte abdrucken können. Ein weiterer Antrag, wonach dies auch Einzelabgeordnete dürfen, wurde ebenfalls mit CDU-Unterstützung beschlossen – doch dieser Antrag war von dem NPD-Mitglied gekommen. Betroffen von der Regelung war nur er selbst sowie Ole Gawande von der FDP – welcher selbst gegen den Antrag gestimmt hatte. "Mir waren die Folgen davon bewusst. Es war ja glasklar, dass dieser Antrag nur für ihn zugute kommt", erklärt Ole. Er selbst habe nämlich von Anfang an die Nutzung des Journals für politische Botschaften komplett abgelehnt. 

Dass es sich bei den Vorgängen in Velten um eine Zusammenarbeit von CDU mit AfD und NPD handele, das sehen nicht nur Gegner der Beschlüsse so. Auch im rechtsextremen Magazin "Zuerst!" wird die gemeinsame Abstimmung mit der CDU nun als "Mitte-rechts-Kooperation" betitelt, die NPD schreibt, mit ihr sei es möglich "linke Mehrheiten zu kippen". 

Zur Ruhe kommt Velten damit wohl erst einmal nicht. "Wir sind gerade sehr zwiegespalten bei uns im Ort, wir haben zwei Lager, die sehr offen aufeinander einschlagen", sagt Ole. "Ich hoffe sehr, dass die Beschlüsse rückgängig gemacht werden – weil vielleicht der ein oder andere Stadtverordnete merkt, dass man hier übers Ziel hinausgeschossen ist."