Bild: Benjamin Eckert
Emiş und Selahattin Gürbüz über ihren Sohn Sedat, der ihnen bei dem Anschlag in Hanau genommen wurde.

Emiş und Selahattin Gürbüz haben Schmerzen. Alles tut ihnen weh, man sieht es in ihren Gesichtern, an ihrer Körperhaltung. Dieses Gespräch tut weh. Das Foto zu machen, das wir für diesen Artikel brauchen, tut weh. Sie sind auch wütend. Und ratlos. "Warum?" fragen sie. Selahattin, Sedats Vater, sagt immer wieder den Namen seines Sohnes: "Sedat". Sein Blick wandert dabei durch den Raum, als würde er ihn suchen. Ansonsten sagt er nicht viel. 

Zu Beginn des Gesprächs legt Emiş Gürbüz ein Foto ihres Sohnes vor sich auf den Tisch. Sie zeigen Bilder von ihm auf ihren Handys. Von Sedats Geburtstagstorte im Mai, die sie ohne ihn angeschnitten haben. Von Sedat im Fußballstadion, mit einem Schal von Eintracht Frankfurt um den Hals. Von ihnen zusammen vor Sedats Shisha-Bar "Midnight", in der er am 19. Februar von einem rassistischen Attentäter erschossen wurde. Seine Eltern sitzen heute hier, weil sie nicht wollen, dass er – und das, was mit ihm passiert ist – vergessen wird. 

Saying their names: Die Angehörigen sprechen über die Opfer des Hanauer Anschlags

Am 19. Februar 2020 erschoss ein rechtsextremistischer Attentäter neun ihm unbekannte Menschen, tötete anschließend seine Mutter und beging dann Suizid. 

Ein halbes Jahr später haben wir mit den Angehörigen der Ermordeten gesprochen – um an die Verstorbenen und ihre Familien zu erinnern. Und auch, um die Familien zu fragen, ob es etwas gibt, das Deutschland ihrer Meinung nach im Umgang mit Rassismus begreifen muss. Mit allen Angehörigen haben wir je etwa zwei Stunden gesprochen und das Gesagte in Protokollen verdichtet. Diese wurden von den Angehörigen gegengelesen und autorisiert. 

Vom 19. August 2020 an, genau ein halbes Jahr nach dem Anschlag, werden wir jeden Tag eines der Protokolle veröffentlichen – in der Reihenfolge, in der wir die Gespräche geführt haben. 

Einen Überblick aller bisher erschienenen Texte findest du hier.

Emiş: "Sedat hat den Sommer geliebt. Wenn der April mal einen warmen Tag hatte, ist er sofort in Shorts und T-Shirts rausgegangen. Es war noch kalt, als er gestorben ist. Der Sommer ist jetzt fast vorbei. Er hat nichts davon gesehen.

Sedat war unser erstes Kind. Er war fast 30 Jahre alt. Heute ist er seit 170 Tagen tot. Er liegt unter der Erde, wo kein Licht hinkommt. Unser Schmerz wird täglich größer. Ich warte immer noch darauf, dass er nach Hause kommt."

Selahattin: "Ich lebe seit 32 Jahren in Dietzenbach, meine Frau seit 50 Jahren. Sedat war überall beliebt. Die Dietzenbacher haben mir immer gesagt: Du hast so einen guten Sohn. Er hat immer ein Lachen im Gesicht."

Selahattin und Emiş Gürbüz beim Gespräch in Hanau. Auf der Brust tragen sie das Bild und den Namen ihres Sohnes. 

(Bild: Benjamin Eckert)

Dietzenbach ist eine Kleinstadt, gut 20 Kilometer von Hanau entfernt. Sedat lebte dort mit ihnen. In Hanau eröffnete er vor drei Jahren gemeinsam mit einem Freund die Bar "Midnight", einen der Tatorte des 19. Februar. Für dieses Gespräch kamen Emiş und Selahattin nach Hanau. "Ich hasse es hier", wird Emiş am Ende des Gesprächs sagen. 

Emiş: "Mit eineinhalb Jahren hat Sedat schon in vollen Sätzen gesprochen. Die anderen Kinder haben einfach "Wasser" gesagt. Sedat hat gefragt: "Darf ich Wasser haben?" Er hat wunderschönes Hochdeutsch gesprochen. Er war ein sehr schlauer Junge.

Sedat mochte es, wenn die Erzieherinnen Geschichten vorgelesen haben. Das hat er gerne gehabt. Ich habe ihm auch vorgelesen: Schneewittchen und die sieben Zwerge, Rotkäppchen. Auch türkische Geschichten. So ist er aufgewachsen."

Selahattin: "Es war ihm wichtig, chic angezogen zu sein. Sedat hat sich gerne auch mal gute und teure Klamotten gekauft. Er war sehr gepflegt."

Emiş: "Er hat zweimal am Tag geduscht und sich ständig umgezogen. Ich habe ihm gesagt: "Sedat, ich werde niemals mit Waschen und Bügeln fertig." Aber er wollte immer sauber und ordentlich aussehen.

Der Anschlag war an einem Mittwoch. Am Montag war er noch einkaufen, hat sich neue Schuhe, Hosen, T-Shirts gekauft. Die Etiketten hängen immer noch an den Kleidern. Seine neuen Schuhe hat er nur einmal getragen, am 19. Februar."

Selahattin: "Sedat war ganz anders. Er hat das nicht verdient."

Sedat Gürbüz

Sedat lebte in Dietzenbach bei seinen Eltern. Er war großer Bruder, Sohn und Freund. Sedat und seine Freundin wollten heiraten und eine Familie gründen. Mit 27 Jahren eröffnete er gemeinsam mit einem Freund die Bar "Midnight" in der Hanauer Innenstadt. Sie wurde zu einem der Tatorte des Anschlags vom 19. Februar. Sedat starb mit 29 Jahren. 

Emiş: "Sedat wollte selbstständig sein, das hat er schon immer gesagt. Einen Kiosk oder eine Shishabar wollte er haben. Ich habe mich nicht wohl damit gefühlt, dass er abends und nachts arbeiten wird. An einem Ort, wo Menschen Alkohol trinken. Da kann alles passieren. Ich war von Anfang an dagegen."

Selahattin: "Es gab viel zu tun im Laden, Einkäufe, Bestellungen, Probleme mit Mitarbeitern. Sedat war sehr müde."

Emiş: "Wenn etwas gebraucht wurde, wurde immer Sedat in den Laden gerufen. Sedat musste immer da sein. Sedat, Sedat, Sedat. 

Einer seiner Mitarbeiter hatte mal ein Vorstellungsgespräch bei einem anderen Unternehmen. Er hat Sedat gefragt: Wie soll ich mich dafür anziehen? Wie soll ich mich präsentieren? Was kann ich sagen? Man hat ihm vertraut. Er hat immer geholfen."

Selahattin: "Ich bin Fensterreiniger. Vor der Eröffnung hat Sedat mich ständig gefragt: Papa, wann kommst du sauber machen? Papa, was willst du dann essen? Papa, was willst du trinken? Papa, Papa, Papa."

„Jetzt lebt der Papa – und der Sohn ist weg.“

Emiş: "Sedat hat seinem Vater alles gezeigt, sein Büro, die Theke, die Bar. Er war stolz."

Selahattin: "Wenn Gäste nicht genügend Geld dabeihatten, hat Sedat ihnen trotzdem ausgeschenkt. 'Bezahl das nächste Mal', hat er gesagt.

Und dort, in seiner Bar, wurde er erschossen."

Emiş: "Wenn Sedat nach Hause kam, haben wir ihn an seinen Schritten auf der Treppe erkannt. Er hatte feste Schritte, er war kräftig. Jetzt hören wir nichts mehr. Sedat kommt nicht mehr.

Er hatte Träume. Er hatte Pläne. Seine Freundin kommt uns jede Woche besuchen, seit Sedat tot ist. Sie wollten heiraten und eine Familie gründen. 

Selahattin Gürbüz

(Bild: Benjamin Eckert)

EmişIm Mai war sein Geburtstag. Zehn Tage später haben wir das Zuckerfest gefeiert. Vor ein paar Wochen das Schlachtfest. Wir haben uns immer sehr auf diese Tage gefreut, haben Essen vorbereitet, die Familie getroffen. Diesmal haben wir nichts vorbereitet. Für wen denn? Wir waren still, keiner hat etwas gesagt."

Selahattin: "Alle waren da, nur Sedat nicht."

Emiş: "Ich möchte meinen Sohn zurückhaben. Ich höre ihn nicht mehr, ich sehe ihn nicht mehr. Seine Stimme ist weg, sein Gesicht ist weg. Wenn ich an seinem Grab stehe, möchte ich die Erde weggraben und den Jungen da rausholen.

Die Opfer des 19. Februar sind nicht neun Menschen, es sind Hunderte. Die Familie, die Freunde, die Großeltern. Wir leben noch, aber wie? Wir sin­­­­­­d lebendige Leichen."

Es gibt ein paar Momente in unserem Gespräch, in denen Emiş Gürbüz wütend wird. Dieser ist einer davon. 

Emiş: "Für uns zählt die Mutter des Täters nicht als Opfer. Schreiben Sie das! 

Deutschland hat Schuld. Ich kann nicht glauben, dass der Täter krank war. Das ist kein Mensch. Das ist ein Unmensch. Ein Mensch macht so etwas nicht. Ich möchte wissen warum. Ich finde keine Lösung, keine Antworten.

„Wir sind doch alle Menschen. Aber viele Deutsche sortieren die Menschen.“

Selahattin: "In den USA ist ein Mann gestorben, George Floyd, und das Land brennt. Hier sterben neun Menschen – nichts.

Im Fernsehen wird fast nicht mehr berichtet, auf der Straße passiert nichts. Das ist nicht richtig. Das ist nicht normal. Es muss darüber gesprochen werden, es sollte jede Woche berichtet werden."

Emiş: "Wir wollen lückenlose Aufklärung. Wir werden nicht zulassen, dass diese Akte geschlossen wird, nur weil der Täter tot ist. Wir wollen wissen, warum diese Tat nicht verhindert wurde. Warum durfte dieser Mann eine Waffe haben? Warum wurde er nicht überprüft? Warum wurde gewartet?"

Selahattin: "Wäre Sedat im Keller gewesen, als der Täter kam, dann wäre das nicht passiert. Hätte Corona eine Woche früher begonnen, wäre der Laden zu gewesen. Dann würde mein Sohn heute leben." 

Eine Gedenkstätte vor der Midnight-Bar in der Hanauer Innenstadt. 

(Bild: Benjamin Eckert)

Emiş: "Ich will alles wissen. Wer Schuld hat. Wer die Versäumnisse zu verantworten hat, soll bestraft werden. 

Bei uns zuhause ist alles noch so, wie es war. Sein Bett, sein Schrank. Es wird auch so bleiben."

Selahattin: "Alles ist da, alle sind da, aber Sedat ist nicht da."

Emiş: "Am 19. jeden Monats treffen wir uns an den Gräbern unserer Kinder und den Tatorten. Das wird immer so weitergehen. Auch am 22. August, ein halbes Jahr nach den Anschlägen, wird es Demos geben."

„Es ist wichtig, dass Menschen demonstrieren.“

Die in Hanau begrabenen Opfer haben ein Ehrengrab. Ich möchte das auch für meinen Sohn, in Dietzenbach. Er ist auch hier gestorben."

Selahattin: "Viele sagen zu mir: 'Dein Sohn ist ein Märtyrer. Er ist im Kampf gegen Rassismus gestorben.' Er war unschuldig. Ich glaube, dass er jetzt im Paradies ist."

Emiş: "Wenn ich auf dem Friedhof bin, scheint immer direkt von oben die Sonne auf sein Grab. Die Blumen glänzen, es steigt ein wunderbarer Geruch auf. Für mich ist das ein Zeichen." 

Emiş und Selahattin Gürbüz haben viel geweint während dieses Gesprächs. Wenn sie über Sedat sprechen, wer er war und für sie immer noch ist, werden ihre Gesichter ganz weich. Wenn es darum geht, was bleiben soll, wirken sie jedoch entschlossen.

Emiş: "Ich höre jeden Tag Sedats Sprachnachrichten. Ich höre sie und schaue dabei Bilder von ihm an. Es ist das einzige, was von ihm geblieben ist. Sprachnachrichten, Bilder, seine Kleidung. 

So etwas soll nie wieder passieren. Die Behörden sollen tun, was getan werden muss. Damit Eltern keine Kinder mehr verlieren. Niemand soll erleben, was wir erlebt haben. Es ist unerträglich."